Ein langer Weg
Das «Zwischen-den-Zeilen-Ding»: Elens Album «Blind über Rot»

Elen begann als Straßenmusikerin, produzierte ihr erstes Album in Eigenregie und hat mittlerweile Fans wie Marius Müller Westernhagen. Nun liegt Album Nummer zwei in den Läden.

Montag, 22.06.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 22.06.2020, 06:02 Uhr
Elen singt jetzt auf Deutsch.
Elen singt jetzt auf Deutsch. Foto: Christoph Köstlin

Berlin (dpa) - Es ist wohltuend zu erleben, wie talentierte Musikerinnen noch Lust haben zu wachsen, sich nicht überrennen lassen von schnellen Label-Angeboten und so auch Zeit zum Überlegen haben, was sie mit ihrer Musik der Welt eigentlich sagen wollen.

Genau diese Chance hat Elen für sich genutzt. Nach ihrem englischsprachigen Albumdebüt, das sie noch über Crowdfunding finanzierte, liegt nun fünf Jahre später das zweite Werk «Blind über Rot» (Universal) mit deutschen Texten vor, die «sehr persönlich» seien, wie Elen im dpa-Interview erzählt. Dazu gehört auch Mut, denn der deutschsprachige Musikmarkt ist eng bespielt und häufig klingen die Texte dann wie aus der Retorte.

«Ich hab irgendwann gemerkt, dass mein Englisch einfach nicht gut genug ist, also entschied ich mich, auf Deutsch weiterzumachen», gibt Elen unumwunden zu. Zudem funktioniere auf Deutsch das «Zwischen-den-Zeilen»-Ding auch viel besser.

Weil sie sich in ihren Songs geöffnet hat für Themen wie Sucht, Leere, zerstörte Freundschaften, Sehnsüchte und als mittlerweile reife Frau ehrlich Zwischenbilanz zieht, ist das Werk der 30-Jährigen ein lyrisches Pop-Album mit Singer-Songwriter-Qualitäten geworden.

Obwohl die zwei Singles «Liegen ist Frieden» und «Egal» gleich zu Beginn einen fröhlich selbstironischen Unterton aufgreifen, den man bei der Künstlerin auch in Interviews heraushören kann, durchzieht das Album eine schöne Melancholie, die zum Innehalten einlädt.

In «Luftschlösser» erinnert sie an Kinderzeiten und eine kleine Welt, die damals noch reichte, um glücklich zu sein. In «Blind über Rot» bittet sie um Geduld mit sich und ihren Abgründen und genau da erinnert die Sängerin mit ihrer warmen, rauchigen Stimme und der Erzählweise ein Stück weit an eine Große der deutschen Popmusik, die ihre Karriere begann, als Elen noch gar nicht geboren war - Ulla Meinicke. «5 Meter Mauern», ein kraftvoller Song mit Hip-Hop-Charakter, der von Angst und Selbstisolation handelt, ist einer der Höhepunkte des Albums.

Die Sängerin gehörte als Straßenmusikerin lange Zeit zu Berlin wie die Weltzeituhr zum Alexanderplatz. Mit ihrer prägnanten Stimme war Elen für manchen Zuhörer ein musikalisches Highlight bei einem Besuch in der Hauptstadt, wie man heute noch vielfach in sozialen Netzwerken nachlesen kann. Sänger Marius Müller Westerhagen hörte ihren Gesang, kaufte ihre erste CD und ließ Elen unter anderem in seinem Vorprogramm in großer Halle auftreten.

Es war die Art, wie sie ihre Songs interpretierte, etwas entrückt, mit einer fast schüchternen Zuwendung zum Publikum. Ihre Fürsorge auf der Straße galt oft den Obdach- und Heimatlosen, denen sie sich nah fühlte und die nicht selten etwas von ihrem erspielten Geld abbekamen. Mit dem Song «Andere Arcaden» gibt ihnen Elen eine Stimme. Zudem unterstützt sie mit dem Album das christliche Kinder - und Jugendwerk «Die Arche».

Viele sahen die Sängerin mit ihrem ersten Album schon vor fünf Jahren auf der Schwelle zu den großen Bühnen des Landes. Doch dann wurde es lange Zeit ruhig um Elen. Sie schrieb weiter an ihren Songs, bis Universal anklopfte. Das Label lasse ihr die Unabhängigkeit, die ihr so wichtig sei, sagt die Künstlerin. Ein weiteres Album wieder selber zu stemmen und auch noch Straßenmusik zu machen, sei keine Option gewesen. «Die Anbindung an das Label hat mir die Möglichkeit gegeben, mich voll aufs Musikmachen zu konzentrieren, und das fand ich wichtig und gut.»

Elen ist mit ihrem Mann aufs Land gezogen - eine Kraftquelle und gleichzeitig auch geschützter Ort, wie sie heute weiß. «Ich habe, dadurch, dass ich draußen lebe, die Möglichkeit, mich immer rauszunehmen», sagt Elen. Die Zugfahrten zum Produzieren und Schreiben nach Berlin und wieder zurück seien wie eine Schleuse. «Auf dem Hinweg mache ich mir Gedanken, worum es heute geht, was ich sagen möchte, was mich bewegt und auf dem Rückweg kann ich mich runterfahren, entspannen und (...) kann wieder ganz hier sein.»

Bis zu dem Album sei es ein langer Weg gewesen, zieht sie Bilanz. «Ich hab für vieles so hart gekämpft und manchmal konnte ich fast nicht mehr (...)» lässt Elen auf ihrem Booklet wissen. Der Weg hat sich gelohnt.

© dpa-infocom, dpa:200619-99-488152/4

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