Motörhead
40 Jahre «Ace Of Spades»: Die Essenz des Rock’n’Roll

Es gibt Alben, die überdauern problemlos die Zeit. «Ace Of Spades» von Motörhead ist solch ein Klassiker, der auch heute nichts von seiner Wucht verloren hat.

Mittwoch, 28.10.2020, 14:50 Uhr aktualisiert: 28.10.2020, 14:52 Uhr
Wild: Motörhead im Jahr 1982.
Wild: Motörhead im Jahr 1982. Foto: Ilpo Musto/Alamy Stock Photo

Berlin (dpa) - «Ace Of Spades» - mit keinem anderen Song werden Motörhead mehr in Verbindung gebracht. Diesen Jahrhundert-Hit kennt wirklich jeder - sogar der geneigte Musikfan, der nicht unbedingt was mit dem Bandnamen anfangen kann.

Das Lied ist, wie auch das gleichnamige Album, eine Sternstunde des dreckigen Rock'n'Roll. Es zeigt die Kapelle von Lemmy Kilmister auf ihrem Karriere-Höhepunkt. Kein Album ist zum damaligen Zeitpunkt härter, schneller und natürlich lauter. Und keine Band anrüchiger. Der Meilenstein wird dieser Tage 40 Jahre alt. Gefeiert wird das Jubiläum dieses zeitlosen Werkes mit einer schmucken Deluxe-Box, die keine Fan-Wünsche offen lässt.

Es wird Hardcover-Book-Packs in Doppel-CD und dreifach-LP-Format geben, sowie das bis heute unveröffentlichte Konzert der «Ace Up Your Sleeve»-Tour, die Geschichte des Albums und viele unveröffentlichte Fotos. Das Album kommt als ultimatives Fan-Sammler-Box-Set und beinhaltet eine Menge Schmankerl aus jener Ära, sowie 42 unveröffentlichte Live-Songs. Besser geht’s nicht.

Die Box und die Jubiläums-Alben stehen den hochgelobten Wiederveröffentlichungen von «Overkill» und «Bomber» aus dem Vorjahr in nichts nach.

Auch vor vier Dekaden knüpft «Ace Of Spades» an die Erfolge der Vorgänger-Scheiben aus dem Jahr 1979 an - und übertrumpft diese noch. Mit dem Rückwind der «Overkill»/«Bomber»-Phase und der prophetisch benannten Top-Ten-EP «Golden Years» machen sich Motörhead ein Jahr später unsterblich. Jeder Song auf «Ace Of Spades» gilt als Klassiker - außer «Dance» vielleicht. Lemmy Kilmister, «Fast» Eddie Clarke und «Philthy Animal» Taylor klingen extrem tight, energisch und selbstbewusst, das Trio findet mit seinem 4. Studioalbum endgültig seinen Stil.

«'Ace Of Spades' wird für immer und ewig das Album sein, mit dem man uns identifiziert», sagte der im Dezember 2015 verstorbene Lemmy in einem Interview mit «Rockhard». Mit der Zeit empfand der Bassist und Sänger das Überalbum indes als Last. «Sicher, die Platte enthält wahrscheinlich mehr Klassiker als jedes andere Motörhead-Album, aber es ist für einen Musiker nicht gerade befriedigend, wenn jede weitere Scheibe gegen einen solchen Meilenstein verblasst», maulte er: «Wir könnten Platten machen, die dreimal so gut sind wie 'Ace Of Spades' - das würde niemand merken.»

Einen nicht zu unterschätzenden Anteil am Erfolg des Albums besitzt Produzent Vic Maile, der Anfang 1980 mit den drei nicht gerade als Disziplinfanatiker verschrienen Herren Kilmister, Clarke und Tayler ins Studio in Rickmansworth/Wales geht. Sechs Wochen lang schraubt das Team am Album und herauskommen zwölf Songs wie aus einem Guss. Maile, der schon mit Lemmys früherer Band Hawkwind gearbeitet hatte, kitzelt aus den Musikern das Optimum heraus.

So auch das legendäre «Ace Of Spades»-Anfangsriff. «Vic stellte mehr oder weniger infrage, was wir mit dem Song machten», wird der 2018 gestorbene Gitarrist Clarke im «Classic Rock»-Magazin zitiert: «Er brachte uns dazu, dieses Riff noch mal zu betrachten, also fingen Lemmy und ich an, wieder damit herumzuspielen. Das war eines der seltenen Male, die wir im Studio schrieben.»

Viel lieber beschäftigten sich die Bandmitglieder mit anderen Sachen. «Wir waren zwei Wochen bei Rockfield, hatten Wodka und alles andere am Start», berichtet Clarke. «Leider konnte Lemmy damals nicht viel mit Proben anfangen - er hatte ein nettes Mädel dabei, also war er abgelenkt. Aber Phil und ich spielten gerne. Wenn wir also fertig waren mit Angeln, Rumhängen und weiß Gott was sonst noch, legten Phil und ich los.»

Den Text der Glücksspieler-Hymne «Ace Of Spades« soll Lemmy angeblich auf der Toilette geschrieben haben. Oder ist der Rock'n'Roll-Ikone die Eingangs-Textzeile «If you like to gamble, I tell you I’m your man» an einem seiner geliebten Spielautomaten eingefallen? Doch nicht nur der Titeltrack fängt das Lebensgefühl von Sex, Drugs and Rock’n’Roll perfekt ein. Auch «Love Me Like A Reptile», «(We Are) The Roadcrew», «Bite The Bullet», «The Hammer» oder «Jailbait» sind absolute Volltreffer. Legendär ist auch das im Western-Look gehaltene Cover, das die Protagonisten als gefährliche, mit Patronengurten behangene Outlaws zeigt.

In den Linernotes der Jubiläums-Veröffentlichung von «Ace Of Spades» ist zu lesen, dass Lemmy zunächst von Phil Taylors Idee, in Cowboy-Kostüme zu steigen, alles andere als begeistert war. «Oh nein Cowboys, fucking John Wayne, oder was!?», soll sich der Meister unfein geäußert haben. Witzigerweise ist das Cover nicht in der heißen Wüstensonne Arizonas entstanden, wie der Anblick vermuten lässt, sondern in einer Sandgrube im Londoner Stadtbezirk Barnet.

Trotz seiner Klasse landet «Ace Of Spades» nach seiner Veröffentlichung im November 1980 nicht auf Rang eins der britischen Albumcharts. Platz vier erfreut aber Band und Plattenfirma gleichermaßen. Die Top-Position erreichen Motörhead dann ein Jahr später. Doch das ist eine andere Geschichte.

© dpa-infocom, dpa:201027-99-104036/5

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