100. Geburtstag von Willy Brandt
Peter Brandt berichtet über seinen berühmten Vater

Münster -

Wer Peter Brandt ansieht, erkennt etwas von den markanten Züge seines Vaters Willy Brandts. Der Historiker legt ähnlich wie sein Vater häufig längere Pausen im Gespräch ein, um seine Worte genau abzuwägen. Er sitzt in einem schlichten Büro in der Fernuniversität Hagen. Bald wird der Professor emeritiert. Aufräumen ist angesagt. In seinem Buch „Mit anderen Augen“ will er parallel dazu mit Klischees über seinen Vater aufräumen. „Ich wollte einfach auch mal meinen Senf dazu abgeben“, sagt er im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Claudia Kramer-Santel.

Samstag, 07.12.2013, 12:12 Uhr

Peter Willy Brandt wurde 1948 geboren. Er ist der älteste Sohn von Willy Brandt und Professor für Neuere Geschichte an der Fernuniversität Hagen.
Peter Willy Brandt wurde 1948 geboren. Er ist der älteste Sohn von Willy Brandt und Professor für Neuere Geschichte an der Fernuniversität Hagen. Foto: Wilfried Gerharz

Willy Brandt wurde seine unbürgerliche Herkunft als uneheliches Kind aus der Arbeiterklasse angekreidet. In Ihrem Buch wird er aber als so etwas wie der normale bürgerliche Vater der Nachkriegszeit geschildert.

Brandt : Ihr Eindruck ist richtig. Urlaube in Norwegen , Weihnachtsfeste mit Gottesdiensten prägten meine Kindheit als ältester von drei Söhnen. Er mag in der Bonner Zeit abgehobener gewesen sein, der Blick meines jüngsten Bruders mag anders sein. Doch seine Eigenarten sind nicht meilenweit von dem entfernt, was in unzähligen Familien stattgefunden hat.

Willy Brandt

Willy Brandt wurde vor 100 Jahren, am 18. Dezember 1913, als Herbert Karl Frahm in Lübeck geboren. Nach der Machtübernahme der Nazis emigrierte Brandt nach Norwegen. Von den braunen Machthabern ausgebürgert, floh er später mit norwegischem Pass unter dem Decknamen Willy Brandt nach Schweden. Als regierender Bürgermeister von Berlin avancierte er nach seiner Rückkehr zu einer Art neuem Kennedy, als Außenminister begründete er die neuen Ostpolitik, als Kanzler setzte er auf „Mehr Demokratie wagen“. Bei der Opposition stieß er mit seiner Außenpolitik und seiner Biografie auf teils massiven Widerstand. Die Guillaume-Affäre markierte 1974 das Ende seiner Kanzlerschaft.

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Willy Brandt hat polarisiert. Er begeisterte, galt aber auch wegen seiner Exilzeit als Vaterlandsverräter. Haben Sie darunter gelitten?

Brandt : Das hat in Berlin keine Rolle gespielt. Berlin war wie eine Festung, da war er als Regierender Oberbürgermeister so etwas wie der Anführer der Frontstadt. Dass er Gegner hatte, habe ich erst ab 1961 mitbekommen – und kaum verstanden. Die wirklichen Patrioten waren für meine Eltern diejenigen, die gegen Hitler waren. Es war mir unbegreiflich, dass jemand, der sich gegen die Nazis engagierte, dafür Vorwürfe erntet. Das Tragische war, dass mein Vater ja größtes Verständnis für Normalbürger und Mitläufer hatte. Er sagte: Dass jemand damals irregeleitet war, das ist kein Grund, den Stab über ihn zu brechen. Wichtig ist, wie man es heute verarbeitet.

Inzwischen sind alle voll des Lobes über Brandt. Warum der Wahrnehmungswechsel?

Brandt: Es ist Nostalgie, die Sehnsucht nach einem Politikertypus, den es heute nicht mehr gibt. Das waren ja Leute mit großen Vorgeschichten, die Weltkriege, richtige Verfolgung erlebt haben. Dadurch wird man gehärtet und profiliert, unverwechselbar. Willy hatte wie Adenauer eine klare Zielrichtung, für die er kämpfte. Ihm ging es ja um die neue Ostpolitik. Ab Mitte der 80er Jahre wurde er von der polarisierenden zur unumstrittenen Figur. Er hat das noch teilweise miterlebt. Das war für ihn eine Genugtuung, dass er und besonders seine Ostverträge so breit anerkannt wurden.

Wie war sein Verhältnis zu Helmut Kohl ?

Brandt: Der war bereits seit 1982 Willy-Fan. Das habe ich mir nicht ausgedacht! Helmut Kohl mochte seinen Vorvorgänger. Kohl hat als Bundeskanzler sehr bald meinen Vater wiederholt um Rat gefragt. Er hat ihn angerufen und ihn auch über seine früheren Zeiten ausgefragt. Kohl war jovial und interessierte sich für Biografien. Die persönliche Chemie war für ihn wichtig. Er war anders als viele in seiner Partei, der CDU , ernsthaft interessiert an Brandt.

Wann haben Sie gemerkt, dass es zwischen Ihren Eltern Rut und Willy Brandt zum Bruch kommt?

Brandt: Bruch würde ich nicht sagen, Ab einem bestimmten Punkt gab es eine Entfremdung. Das hat man undramatisch erlebt, weil es über einen langen Zeitraum ging. Dann ist man weder erstaunt noch schockiert. Ich war auch bereits erwachsen.

Hatte Ihr Vater den Kniefall im Warschauer Ghetto geplant?

Brandt: Er hat mit meine Mutter später darüber gesprochen. Sie fragte: Hast du dir das spontan ausgedacht? Da hat er gesagt: Ja, irgendwas musste man machen. Typisch Willy. Mutter war genauso klug wie vorher. Ich denke, er wusste, dass ein Kranz niederzulegen nicht gereicht hätte. Wichtig war, dass er den Kniefall als persönlich völlig unbelastete Person gemacht hat. Das machte ihn aus Sicht der NS-Opfer weniger angreifbar.

Haben Sie mit ihm darüber gesprochen?

Brandt: Ich habe mit ihm nie darüber gesprochen (Pause). Vielleicht hatte ich den Eindruck, das war eine zu persönliche Geste, da hakt man nicht nach.

Worüber unterhielten Sie sich am Ende?

Brandt: Am Ende nicht mehr über Politik, sonst schon, weil wir ja ein gemeinsames Interesse daran hatten. Doch er hat automatische Grenzen eingehalten. Er nicht viel herumgequatscht. Wir haben uns von Zeit zur Zeit abends zum Essen verabredet.

War er ein netter Opa?

Brandt: Er war nicht der Familienmensch, das soll man nicht schönreden. Er war aber auch kein typischer Familienpatriarch. Er hat es der Frau überlassen, den Laden in Ordnung zu halten. Als Opa war er umgänglich, aber nicht übermäßig engagiert. Meine Mutter hat sich mehr um meine Tochter bemüht.

Hatten Sie mit Ihrer Mutter ein inniges Verhältnis?

Brandt: Ja. Sie war eine sehr warmherzige Frau. Wenn der Vater stirbt, ist das ein Einschnitt, aber wenn die Mutter stirbt, ist er ja wohl bei allen Menschen größer. Mit meiner Mutter war vieles unkomplizierter, was die alltäglichen Komplikationen betrifft. Vater war nicht einfach zu erreichen, und er war nicht einfach. Man hat oft gezögert, ihn anzusprechen. Soll ich ihn damit behelligen, habe ich mich oft gefragt.

Familienleben – wie läuft das bei den Brandts heute ab?

Brandt: (lacht) Wir sind ja mit meiner Halbschwester aus Norwegen vier. Wir treffen uns meistens nur bilateral. Auch der Mutter wegen ist es mir wichtig, alle zusammenzuhalten. Sie wäre sehr traurig, wenn der Draht abreißen würde.

Als Mitglied politisch links ausgerichteter Gruppierungen gerieten Sie ganz früher mehrfach mit den Positionen Ihres Vaters aneinander. Sind Sie heute noch politisch engagiert?

Brandt: Ich habe mich über die Jahrzehnte immer politisch engagiert und war auch aktiv, heute hauptsächlich publizistisch (neben der fachwissenschaftlichen Produktion).

Ist es für Sie sehr schwer, der Sohn von Willy Brandt zu sein?

Brandt : Mit 20 schon, mit wachsendem Alter, wenn man sich eine eigene Existenz aufgebaut hat, wird es einfacher. Brandt ist kein seltener Name, viele wissen nicht, dass ich der Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers bin. Ich konnte in meinem Beruf normal leben. Distanznehmen und Reflektieren ist meine eigene Art, mit der ganzen Existenz zurechtzukommen.

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