#MeToo
«Das Muster eines Raubtiers» - Anklage greift Weinstein an

Die Anklage will Harvey Weinstein lebenslang hinter Gitter bringen - und Staatsanwältin Joan Illuzzi zieht bei ihrem Schlussplädoyer im Prozess alle Register. Die Geschworenen werden darüber urteilen, wie glaubhaft sie es fanden - vielleicht schon nächste Woche.

Freitag, 14.02.2020, 20:49 Uhr aktualisiert: 14.02.2020, 20:54 Uhr
Harvey Weinstein.
Harvey Weinstein. Foto: Frank Franklin Ii

New York (dpa) - Die Verteidigung beschuldigt die mutmaßlichen Opfer, die Anklage will Harvey Weinstein lebenslang hinter Gitter bringen: Im Finale des spektakulären Vergewaltigungsprozesses hat die Staatsanwaltschaft dem Ex-Filmmogul schwere Sexualverbrechen vorgeworfen.

Im Verfahren gegen den früheren Hollywood-Produzenten prangerte Staatsanwältin Joan Illuzzi am Freitag in ihrem Schlussplädoyer Weinsteins Machtmissbrauch an. «Der Angeklagte war der Herr des Universums und die Zeugen waren nur Ameisen, auf die er ohne Konsequenz treten konnte».

Sie betonte den «Mangel an menschlichem Einfühlungsvermögen» Weinsteins für seine mutmaßlichen Opfer. Er habe es mit Kalkül auf die unbekannten Frauen abgesehen, die in der Filmbranche aufsteigen wollten, dort aber keine guten Verbindungen gehabt hätten.

«Keine dieser Frauen wusste voneinander. Das ist das Muster eines Raubtiers. Isoliere, isoliere, isoliere sie», sagte Illuzzi. Sie wollte damit erklären, warum die Frauen ihre Anschuldigungen erst Jahre, manchmal Jahrzehnte später erhoben hatten. Sie hätten gedacht, sie seien die Einzigen - «und er ist ein Riese». Die Zeuginnen hätten kein Motiv, über Weinstein zu lügen.

Seit 2017 haben Weinstein mehr als 80 Frauen sexuelle Übergriffe vorgeworfen. In dem aufsehenerregenden New Yorker Prozess geht es seit Januar aber vor allem um zwei Vorwürfe: Weinstein soll 2006 die Produktionsassistentin Mimi Haleyi zum Oral-Sex gezwungen und eine weitere Frau 2013 vergewaltigt haben. Bei einer Verurteilung durch die Jury droht ihm Gefängnis bis ans Lebensende - eine Entscheidung könnte schon nächste Woche fallen. Der Prozess gilt als Meilenstein der MeToo-Ära, die von dem Fall ausgelöst wurde.

Am Donnerstag hatte bereits die Verteidigung ihre letzten Worte an die zwölf Geschworenen gerichtet und die Zeuginnen der Anklage scharf angegriffen. «In ihrem Universum sind Frauen nicht verantwortlich für die Partys, an denen sie teilnehmen, die Männer, mit denen sie flirten, die Entscheidungen, die sie für ihre eigene Karriere treffen, die Flugtickets, die sie akzeptieren», hatte Weinsteins Chefanwältin Donna Rotunno zur Darstellung der Anklage gesagt und damit den mutmaßlichen Opfern eine Mitschuld gegeben.

Rotunno hob auch angebliche Widersprüche in den Vorwürfen der Zeuginnen hervor und appellierte an die Juroren, ihren «gesunden Menschenverstand» zu benutzen. Der Angeklagte sei unschuldig. Gleichzeitig versuchte die Verteidigung, einer möglichen Vorverurteilung ihres Mandanten entgegenzuwirken, und machte Druck auf die Geschworenen, unvoreingenommen zu urteilen. «Es ist keine einfache Aufgabe, eine der wichtigsten, die jemals von ihnen verlangt werden wird», sagte Rotunno. Der Prozess sei kein «Beliebtheits-Wettbewerb»: «In diesem Land sind es unbeliebte Personen, die Jurys am meisten brauchen.»

Der Auftritt von Staatsanwältin Illuzzi vor der Jury am Freitag war energisch und mitunter wütend, ihre Rhetorik lebhaft. Während ihres Plädoyers ging sie direkt vor der Bank mit den Geschworenen auf und ab, flüsterte manchmal fast, um dann wieder laut zu werden. Mehrfach machte sie scharfe, sarkastische Bemerkungen und provozierte damit ein Lachen im Saal.

In ihrer Rede stellte Illuzzi heraus, wie sehr sich die Geschichten der mutmaßlichen Opfer ähneln, unter anderem bei der Beschreibung über Weinsteins Wutanfälle und Drohungen ihnen gegenüber. Zudem betonte sie, wie Weinstein mithilfe eines Teams von Privatdetektiven versucht hatte, die mediale Berichterstattung zu unterbinden, die den Skandal um ihn 2017 ins Rollen brachte.

In den vergangenen Wochen hatte die Staatsanwaltschaft in dem Verfahren versucht, mithilfe von insgesamt sechs Hauptzeuginnen in teils drastischer Detailtiefe ein Muster Weinsteins offenzulegen - das eines Mannes, der seine Macht in der Filmindustrie systematisch ausnutzte, um sich junge Frauen gefügig zu machen. Der Frauen für Sex Karrierehilfe versprach und sie bei einem Nein zum Geschlechtsverkehr zwang und vergewaltigte.

Weinstein streitet die Vorwürfe der Anklage ab und spricht davon, dass jeglicher sexueller Kontakt einvernehmlich gewesen sei. Der 67-Jährige war am Morgen mit einem Lächeln in den Gerichtssaal gekommen und grüßte - wie immer tief über seine Gehhilfe gebeugt - eine Frau im Zuschauerraum. Er selbst hatte im Prozess die Aussage verweigert. Seine Anwälte hatten im Prozess die Strategie verfolgt, Zweifel an den Zeuginnen zu säen, und stellten sie als Frauen dar, die den einst mächtigen Weinstein wegen seines Geldes oder Einflusses in Hollywood ausnutzten.

Insgesamt hatten 28 Zeugen in dem Prozess ausgesagt, von der Verteidigung wurden weitere 7 Personen gehört. Ab Dienstag kommender Woche sollen sich die zwölf Geschworenen zu Beratungen zurückziehen, um über Schuld oder Unschuld Weinsteins zu entscheiden.

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