Pink Floyd
Legendärer Klangzauberer David Gilmour wird 75

Als Gitarrist und Sänger von Pink Floyd schuf David Gilmour geniale Klanglandschaften und Musik für die Ewigkeit. Heute spricht er nur noch ungern über seine legendäre Rockband.

Samstag, 06.03.2021, 00:01 Uhr
Syd Barrett ging, David Gilmour kam - und Pink Floyd wurden weltberühmt.
Syd Barrett ging, David Gilmour kam - und Pink Floyd wurden weltberühmt. Foto: Christoph Schmidt

London (dpa) - Auf der Bühne wirkt er mitunter etwas teilnahmslos, fast desinteressiert. Doch das täuscht. Wenn David Gilmour in die Saiten greift, sorgt das bei seinen Fans immer noch für Gänsehaut.

Mit Pink Floyd hat der britische Gitarrist und Sänger Musikgeschichte geschrieben. Mittlerweile hat er jedoch keine Lust mehr, über seine legendäre Band zu sprechen. Die Musik ist für Gilmour, der am 6. März 75 Jahre alt wird, ohnehin längst nur noch ein Hobby.

«Man kann ihm eine Ukulele geben, und er lässt sie wie eine Stradivari-Violine klingen», schwärmte «The Wall»-Produzent Bob Ezrin von David Gilmour. Rund um den Globus wird er von Gitarristen und solchen, die es gerne wären, verehrt. Er selbst blieb bescheiden. «Es gibt Gitarristen, die sind mir technisch weit überlegen», sagte er mal in einem Interview. «Womöglich finden Sie ein paar von denen in der Londoner U-Bahn.» Das ist wohl britisches Understatement.

1967 kam David Jon Gilmour, der am 6. März 1946 in Cambridge geboren wurde, zu Pink Floyd. In der Gruppe, die seinerzeit experimentellen, psychedelischen Rock spielte, ersetzte er bald Gründungsmitglied Syd Barrett. Der hatte die Band wegen schwerer gesundheitlicher Probleme verlassen, das Resultat exzessiven Drogenkonsums.

In den 70er Jahren etablierten sich Pink Floyd mit vier genialen Konzeptalben - «The Dark Side of the Moon» (1973), «Wish You Were Here» (1975), «Animals» (1977) und «The Wall» (1979) - nicht nur als führende Kraft des Progressive Rock, sondern wurden zu einer der einflussreichsten Gruppen der Musikgeschichte. Weltweit verkaufte sich «The Dark Side Of The Moon» bis heute fast 50 Millionen Mal, «The Wall» mit der berühmten Ohrwurm-Single «Another Brick in the Wall (Part 2)» mehr als 30 Millionen Mal.

Höhepunkt auf «The Wall» ist das sechseinhalbminütige «Comfortably Numb». Gilmour schrieb die Musik, sang den Refrain und veredelte das Epos mit zwei träumerischen Gitarrensoli für die Ewigkeit. Der Song ist regelmäßig in Bestenlisten von renommierten Musikmagazinen und Umfragen unter Musikliebhabern zu finden. 2003 listete das Magazin «Rolling Stone» ihn auf Platz 314 der «500 größten Songs aller Zeiten».

«Ich habe fünf oder sechs Soli rausgehauen», erinnerte sich Gilmour im «Guitar World»-Magazin. «Dann bin ich wie üblich vorgegangen. Ich höre mir jedes Solo noch mal an und mache eine Tabelle, in der ich notiere, welche Teile gut sind. Anhand der Tabelle kreiere ich ein großes, zusammengesetztes Solo, bis alles zusammenfließt.»

Nicht nur als Klangarchitekt von Pink Floyd bewies Gilmour ein ausgezeichnetes musikalisches Gespür. Mitte der 70er bekam er eine Kassette mit Demos der jungen Kate Bush zugespielt und erkannte das Potenzial. Er finanzierte der Teenagerin professionelle Aufnahmen und verhalf Bush zu ihrem ersten Plattenvertrag.

Hinter den Kulissen von Pink Floyd brodelte es irgendwann. Roger Waters, mit dem Gilmour ständig aneinander geriet, stieg 1985 aus. Unter Gilmours Führung machte die Band bis Mitte der 90er weiter. Danach gab es nur noch einen gemeinsamen Auftritt. 2005 spielten Pink Floyd - mit Waters - beim «Live 8»-Festival eine Handvoll Songs. Eine millionenschwere Reunion-Tournee lehnten die Musiker zum Leidwesen ihrer Fans ab. Aus Überbleibseln alter Aufnahme-Sessions entstand 2014 das Album «The Endless River» - laut Gilmour das endgültig letzte Werk der Band.

Dass er trotzdem immer wieder auf Pink Floyd angesprochen wird, nervt ihn. «Es macht mich krank!», klagte er im «Focus». «Schließlich wurde mir schon jede erdenkliche Frage zu der Band gestellt, und nicht nur einmal. Es ist immer dasselbe und auf Dauer schrecklich langweilig.» Im Übrigen wolle er nicht in der Vergangenheit leben.

Trotzdem ließ sich auf Gilmours viertem und bislang letztem Soloalbum «Rattle That Lock» (2016) nur schwer überhören, dass hier das ehemalige Pink-Floyd-Mastermind spielt und singt. Zwischen Jazz und lockerem Folk ertönen seine unverkennbaren, typischen Gitarrensounds und weitläufigen Klanglandschaften.

Wenn er nicht gerade Musik macht, engagiert sich David Gilmour seit Jahrzehnten für wohltätige Zwecke. 2003 verkaufte er sein Haus in London und spendete den Erlös in Höhe von mehreren Millionen Pfund an eine Stiftung, um ein Wohnprojekt für Obdachlose zu finanzieren. Vor zwei Jahren versteigerte er ganze 120 Gitarren für den guten Zweck.

Die Familie steht bei ihm heute an erster Stelle. Aus seiner ersten Ehe mit dem US-Model Virginia Hasenbein gingen vier Kinder hervor. Mit seiner zweiten Frau, der Autorin Polly Samson, hat er weitere drei Kinder und einen Adoptivsohn. Samson präsentiert unter dem Titel «Von Trapped Family» in unregelmäßigen Abständen Videos bei Youtube, in denen ihr Mann und mehrere Familienmitglieder mitwirken.

Mit seiner jüngsten Tochter Romany, die 2002 geboren wurde, hat David Gilmour im vergangenen Jahr einen neuen Song veröffentlicht, das folkige Duett «Yes, I Have Ghosts». Der Videoclip dazu zeigt Gilmour auf der sonnigen griechischen Insel Hydra. Statt langer Mähne hat der Musiker heute längst dünnes graues Haar. Im Video trägt er einen Hut. Auch die Stimme ist etwas dünner geworden. Der vermeintlich teilnahmslose Gesichtsausdruck ist aber geblieben.

© dpa-infocom, dpa:210228-99-630519/3

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