Bahnhof in Stuttgart
Gigantischer Protest gegen ein gigantisches Projekt

Stuttgart -

Als Heinz Dürr 1994 mit Stuttgart 21 erstmals an die Öffentlichkeit geht, präsentiert er eine Art Nullsummenspiel: Im Wesentlichen finanziere sich das Projekt durch Erlöse und Eigenmittel der Bahn; auf die öffentliche Hand kämen nahezu keine Kosten zu. Damals soll Stuttgart 21 rund 2,5 Milliarden Euro kosten. Heute stehen bis zu 6,8 Milliarden Euro in der Kalkulation der Bahn – und noch hat die Hauptbautätigkeit nicht begonnen.

Freitag, 11.01.2013, 08:01 Uhr

Zahlreiche Menschen gingen seit dem offiziellen Baustart gegen Stuttgart 21 auf die Straße. Im Herbst 2010 kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei.
Zahlreiche Menschen gingen seit dem offiziellen Baustart gegen Stuttgart 21 auf die Straße. Im Herbst 2010 kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Foto: dpa

Stuttgart 21 ist ein gigantisches Projekt: Der bestehende 16-gleisige Kopfbahnhof im Stuttgarter Zentrum wird aufgegeben; dafür entsteht an selber Stelle ein achtgleisiger unterirdischer Durchgangsbahnhof, der durch einen 30 Kilometer langen Tunnelring in den Stuttgarter Bahnknoten integriert wird. Neben einer erhöhten Leistungsfähigkeit des Tiefbahnhofs steckt der Clou des Projekts in seiner städtebaulichen Wirkung: Die über 100 Hektar oberirdischen Gleis- und Betriebsflächen der Bahn, die nach Inbetriebnahme nicht mehr nötig sind, kann die Stadt zur Erweiterung der City und der Parks nutzen.

Durch eine neue, 60 Kilometer lange ICE-Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Ulm und Stuttgart , die parallel realisiert wird, soll eines Tages das ganze Land von Stuttgart 21 profitieren. Aus diesem Grund sagt Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Günther Oettinger ( CDU ) 2007 der damaligen Bundesregierung einen Zuschuss von 950 Millionen Euro für die ICE-Trasse zu.

Gestritten wurde – und wird – allerdings fast ausschließlich um die Kosten. Bahn-Chef Johannes Ludewig wollte das Projekt bereits 1999 beerdigen. Die unternehmerischen Risiken erscheinen ihm zu groß und der verkehrliche Nutzen zu gering. Auch sein Nachfolger Hartmut Mehdorn stellte die Signale zunächst auf Rot. Der Manager nutzt eiskalt aus, dass die CDU/FDP-Landesregierung in Baden-Württemberg und der ehrgeizige Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) ihr politisches Schicksal mit dem Projekt eng verbunden hatten. Und in Stuttgart gibt es etwas zu holen, das jeden Manager überzeugt: Geld. Sehr viel Geld. Als die finalen Verträge schließlich nach jahrelanger Hängepartie 2008 unterzeichnet werden, setzt die Bahn einen Betrag von maximal 4,5 Milliarden Euro an.

Der Proteststurm, der 2010 beim Baustart losbricht und im Herbst beim „Schwarzen Donnerstag“ in einer blutigen Schlacht zwischen Demonstranten und der Polizei mit mehreren Hundert Verletzten eskaliert, bringt Stuttgart 21 bundesweit in die Schlagzeilen. Die Schlichtung mit Heiner Geißler, die Wahl 2011 mit dem Sieg von Grünen und SPD und eine Volksabstimmung befrieden die „Wutbürger“ – sorgen aber für Zeitverzug. Dazu unterlaufen der Bahn massive Planungsfehler. Und es kommt noch dicker. Am 12. Dezember 2012 muss Bahn-Chef Rüdiger Grube dem Aufsichtsrat die bittere Nachricht überbringen, dass Stuttgart 21 am Ende bis zu 6,8 Milliarden Euro kosten könnte.

Die neue Macht hat sich festgelegt: Für Stuttgart 21 werde es keinen Euro zusätzlich geben, warnen Ministerpräsident Kretschmann (Grüne) und der neue Stuttgarter OB Fritz Kuhn (Grüne). Die beiden Politiker sehen die Bahn bei Stuttgart 21 in einer anhaltenden Vertrauenskrise. Kuhn hält jetzt die Zeit für gekommen, „über Alternativen zu diskutieren“. Für die mehreren Tausend Bürger, die seit bald drei Jahren unverdrossen gegen Stuttgart 21 demonstrieren, kann das nur heißen: Ausstieg aus Stuttgart 21.

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