„Ich suche meinen deutschen Vater“
Besatzungskinder galten in Frankreich lange als Tabu / Viele erfuhren erst spät von ihrer Geschichte / Drei Pariserinnen berichten

Paris -

Alles, was die Französin Huguette M. über ihren Vater weiß, passt auf ein schlichtes DIN-A4-Blatt, an das sie sich festzuklammern scheint. „Wer kann sich an den deutschen Soldaten Otto erinnern?“, steht darauf zu lesen. „Er stammt aus dem Ostseeraum, war offenbar Sanitäter und rauchte Zigarren.“ Aus vielen mühsam recherchierten Puzzleteilen versucht sie ebenso wie Martine Ronzon das Bild des Mannes zu formen, den sie endlich finden möchte.

Dienstag, 22.01.2013, 09:01 Uhr

Französinnen mit deutschen Vätern:  Josée N. (v.l.) hat ihn inzwischen gefunden, Huguette M. und Martine Ronzon, geborene Vergriete, suchen noch.
Französinnen mit deutschen Vätern:  Josée N. (v.l.) hat ihn inzwischen gefunden, Huguette M. und Martine Ronzon, geborene Vergriete, suchen noch. Foto: Claudia Kramer-Santel

Frühstück mit Josée N. , Huguette M. und Martine Ronzon – drei Pariserinnen, selbstbewusste Endsechzigerinnen, sie haben erwachsene Kinder und stehen im Leben. An diesem Morgen ringen sie in der gemütlichen alten Villa von Josée im Pariser Vorort Vincennes wie Kinder um Worte. Nur langsam beginnen sie zu erzählen – das Bedürfnis, endlich ihre wahre Geschichte erzählen zu können, überwiegt die Scheu.

Sie alle sind Kinder deutscher Wehrmachtssoldaten, die sich während der Besatzung in eine Französin verliebt hatten. Geboren wurden sie zwischen 1943 und 1945. Doch das Thema war und bleibt ein großes Tabu. In Frankreich wurden die Frauen, die sich mit deutschen Soldaten eingelassen hatten, nach dem Krieg verfolgt. „Ihnen wurden die Haare abgeschnitten“, erinnert sich Josée N. Der Nachwuchs gar als Kinder eines „Boche“ beschimpft, ein Schimpfwort für Deutsche. Sie habe ihren Vater noch als Kleinkind gekannt, besitzt auch ein altes Foto von ihm Doch er sei nach Deutschland zurückgekehrt – das Thema wurde jahrelang von der Mutter verschwiegen.

Josée hat ihren Vater inzwischen über das Internationale Rote Kreuz wiedergefunden. Sie hat ihn getroffen – doch als angenehm empfand sie die Begegnung nicht. „Ich war wütend“, erklärte sie. Bei dem von ihr lang ersehnten Termin kam es nur zum Austausch von ein paar allgemeinen Sätzen. Der Kontakt brach ab.

Martine und Huguette suchen noch, denn sie haben erst vor einigen Jahren überhaupt erfahren, dass ihr Vater deutsch ist – ihre Mütter schwiegen völlig, wollten ihnen offenbar die Geringschätzung ersparen. Das ist keine Seltenheit: „Erst bei großen Einbrüchen im Leben, dem Tod der Mutter, dem Ende des Berufslebens, kommen solche sorgfältig verdrängten Themen zur Sprache“, weiß Huguette. Das sei wie ein Schock. Sie berichtet von psychosomatischen Beschwerden, die erst endeten, als sie die Wahrheit kannte, die sie lange geahnt hatte. Auch Martine Ronzon erfuhr erst kurz vor dem Tod ihrer Muter durch andere Verwandte von ihrem deutschen Vater, ein Offizier, der ebenfalls aus Norddeutschland stammen soll: „Schreiben Sie doch bitte meinen Mädchennamen Vergriete, vielleicht erinnert sich ja jemand“, bittet sie.

Die Mauer des Schweigens brechen – darauf kommt es ihnen an. Doch es ist nicht einfach, sie und ihre schwierigen, lange verdrängten Gefühle zu verstehen. Die drei gehören der Organisation für Kriegskinder „Amicale Nationale des Enfants de la Guerre“, kurz Aneg, an. Sie wurde erst 2005 gegründet, umfasst einige hundert Mitglieder. Es gibt mehrere ähnliche Vereine.

Neben dem Austausch steht die Suche nach den Vätern mit Hilfe von Archiven im Mittelpunkt – oft mühselig und bürokratisch. Auf ein Erbe kommt es ihnen nicht an. Es geht ihnen um die eigenen Wurzeln. Inzwischen sind viele Väter verstorben – da die meisten aber später in Deutschland geheiratet haben, existieren Halbbrüder und -schwestern. In der Mitgliederzeitschrift wird jedes Wiedersehen mit ihnen mit Foto und Bericht gewürdigt.

Berlin bietet den Besatzungskindern inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft an. Es ist eine Anerkennung ihrer Geschichte. Doch vielen fehlen die dafür erforderlichen Dokumente für den Nachweis ihrer Herkunft. „Ich fühle mich deutsch", erklärt Martine. Auch wenn sie ihren Vater nicht persönlich kennt, gebe es für sie einen Trost: „Das mag etwas pathetisch klingen: Doch ich weiß, dass ich das Kind einer großen deutsch-französischen Liebe bin.“

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/1444129?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F199%2F1560026%2F1560027%2F
Nachrichten-Ticker