Wahl-Serie „Abschied vom Bundestag“
Wolfgang Thierse: Eine Marke für sich

Berlin -

Es gab Zeiten, da war Wolfgang Thierse in Prenzlauer Berg Kult. Da ließ der bärtige SPD-Politiker sein Konterfei von Graffitikünstlern auf Plakatwände sprühen, und an den Wahlkampfständen verteilten die Parteifreunde den Thierse-Kopf als Schlüsselanhänger. Doch das ist lange her.

Donnerstag, 05.09.2013, 17:09 Uhr

Wolfgang Thierse in Amt und Würden – als Vize-Präsident des Deutschen Bundestages. Der SPD-Politiker hat in dieser Woche nun offiziell die politische Bühne in Berlin verlassen.
Wolfgang Thierse in Amt und Würden – als Vize-Präsident des Deutschen Bundestages. Der SPD-Politiker hat in dieser Woche nun offiziell die politische Bühne in Berlin verlassen. Foto: dpa

Inzwischen fremdelt der fast 70-Jährige mit der Bionade-Bourgeoisie in seinem Heimat-Kiez rund um den Kollwitzplatz. Erst hat er seinen Wahlkreis 2009 an die Linkspartei verloren, dann hat die eigene Partei ihn in den Ruhestand versetzt – und zuletzt hat er sich öffentlich über die vielen schwäbischen Zugezogenen geärgert. Nach 23 Jahren verlässt nun einer der prominentesten ostdeutschen Politiker den Bundestag . In dieser Woche hat er als Vize-Präsident seine letzte Sitzung im Hohen Haus geleitet. Er selbst verabschiedet sich nicht gern, aber er hat sich damit abgefunden. „Ich werde mich nicht langweilen“, sagt der ehemalige Präsident des Bundestages.

Thierse war in der SPD immer eine Marke für sich. In der Umbruchszeit des Jahres 1990 kam er an die Spitze der Ost-SPD, weil der als Hoffnungsträger geltende Ibrahim Böhme als Stasi-Mitarbeiter enttarnt worden war. So wurde er geradezu zufällig SPD-Vorsitzender in den letzten Tagen der DDR und dann stellvertretender SPD-Vorsitzender im wiedervereinigen Deutschland. Thierse hat 1989 nicht auf den Barrikaden gestanden und ähnelt damit in verblüffender Weise in seiner Biografie Angela Merkel . Beide waren in der DDR keine Oppositionellen und doch waren beide auch keine Freude des SED-Systems. Die Revolution spülte sie in Spitzenämter. Während Merkel sich nach ganz oben kämpfte, blieb Thierse einen Schritt dahinter zurück.

Er ist ein Querkopf geblieben, als solcher passte er nicht in die Kabinettsdisziplin eines Kanzlers. 1998 wurde er zum Präsidenten des Bundestages gewählt, kurz bevor die SPD mit Gerhard Schröder wieder den Regierungschef stellte, hatte die Sozialdemokratie damit nach jahrzehntelanger Abstinenz wieder ein höchstes Staatsamt besetzt – und das mit einem Ostdeutschen. Diese Identität als „gelernter DDR-Bürger“ blieb sein beständigstes Etikett. Eine gewisse Widerborstigkeit brachte er auch ins Präsidentenamt ein. Als zu parteiisch wurde er von der Opposition kritisiert. Allerdings fiel auch die Spenden-Affäre in seine Zeit und er musste die Strafzahlungen gegen die CDU exekutieren.

Viele würden ihn noch immer für einen evangelischen Pastor halten, berichtete er neulich. Dabei ist er engagierter katholischer Laie. Er sitzt im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und war lange als Sozialdemokrat das vielleicht prominenteste Mitglied des Kirchengremiums. Kritik an seiner Kirche gehört für ihn zum politischen Geschäft genauso wie die Kritik am Zustand der Demokratie. Er hat sich gegen Rechtsextremismus eingesetzt und auch für das Holocaust-Denkmal in Berlin. Thierse hat es geschafft, wie wenige andere, vermeintlich weiche politische Themen prominent zu machen. Kulturpolitik gehört zu seinen Leidenschaften und gesellschaftliche Grundsatzfragen. Wiederholt hat er auch vor der „immer brutaleren Durchökonomisierung unseres Lebens“ gewarnt, so auch diese Woche im Bundestag. Die letzte Sitzung vor der Wahl schloss er dann mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen alles Gute und – wenn Sie es vertragen – Gottes Segen!“. Ein typischer Thierse.

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