Erzbischof Zollitsch im Interview
„Die Menschen müssen spüren, dass wir bei ihnen sind“

Münster/Freiburg -

Der bereits emeritierte Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch (75) wird auf der Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe vom 10. bis 13. März 2014 in Münster sein Amt als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz abgeben. Unser Redaktionsmitglied Johannes Loy befragte Erzbischof Zol­litsch zu seiner Arbeitsbilanz und zu seinen Plänen für die Zukunft.

Donnerstag, 20.02.2014, 19:28 Uhr

Robert Zollitsch gibt im März in Münster das Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz in jüngere Hände. Hinter ihm liegen turbulente Jahre.
Robert Zollitsch gibt im März in Münster das Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz in jüngere Hände. Hinter ihm liegen turbulente Jahre. Foto: Foto: dpa

Was überwiegt in diesen Tagen bei Ihnen: Dankbarkeit, Erleichterung, Wehmut?

Erzbischof Zollitsch : Dankbarkeit für die Zeit, die mir geschenkt war, und das Vertrauen, das mir meine Mitbrüder in der Bischofskonferenz entgegengebracht haben. Erleichterung, dass ich nach sechs sehr anstrengenden Jahren als Vorsitzender nun die Verantwortung in jüngere Hände legen kann. Hoffnung, dass das gute Miteinander weitergeführt wird.

Was hat Sie in den vergangenen Jahren im Vorsitz am meisten gefreut?

Zollitsch: Vor allem die Ermutigung, die mir viele Menschen mit auf den Weg gegeben haben und das Wissen, dass viele Gläubige meinen Dienst im Gebet mittragen. Es freut mich, dass vielfältige Initiativen, die ich angeregt habe, Fuß gefasst haben. Eine davon ist zweifellos der Dialogprozess innerhalb unserer Kirche. Wir spüren, wie stark wir in einer säkularen und pluralen Gesellschaft gefordert sind, herauszufinden, wie wir als Kirche den Weg in die Zukunft gehen können. Das kann man nicht einfach als Bischof „von oben“ reglementieren. Diesen Weg müssen wir gemeinsam finden, indem wir miteinander reden und aufeinander hören. Immer braucht es auch und vor allem unser gemeinsames Hören auf Gott. Das bedeutet, einen geistlichen Dialog zu führen.

Und was hat Sie am meisten bedrückt und belastet?

Zollitsch: Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Das hat mich zutiefst erschüttert und war für mich eine sehr schwere Zeit. Dass so etwas in der Weise in der Kirche möglich war, hat uns alle schockiert. Wir mussten erkennen, dass wir die Situation der Opfer verkannt hatten. Wir ahnten nicht annähernd, was da an Leid und seelischer Not vorhanden ist. Das hat uns als Kirche schwer erschüttert und vor allem auch deshalb so hart getroffen, weil wir einen hohen moralischen Anspruch haben. Viele Leute haben der Kirche den Rücken gekehrt. Das ist eine schmerzliche Erfahrung.

Ihre Amtszeit deckte sich über viele Jahre mit der Amtszeit von Papst Benedikt XVI. Jetzt weht mit Franziskus ein ganz neuer, geradezu frischer Wind. Aus heutiger Sicht erscheinen Benedikts Amtsjahre als mühsame, mit einigen Skandalen belastete, ja für die Erneuerung von Kirche und Kurie fast vergebliche Jahre. Trifft dieser Eindruck zu?

Zollitsch: Papst Johannes Paul II. hat mich zum Erzbischof von Freiburg ernannt. Drei Jahre nach der Wahl von Papst Benedikt wurde ich Vorsitzender der Bischofskonferenz. Und natürlich erinnere ich mich auch gut, als am Rosenmontag 2013 die überraschende Nachricht vom Rücktritt des Heiligen Vaters um die Welt ging. Ich war sprachlos und gerührt zugleich, dass Benedikt den Mut zu diesem Schritt hatte. Wir sind ihm als Kirche in Deutschland dankbar für das, was er für die Weltkirche und die Theologie geleistet hat. Die Verbindung von Glaube und Vernunft war eines der zen­tralen Themen seines Pontifikates. Damit setzte er wichtige Impulse auch für den so wichtigen Dialog der Kulturen und damit für die Zukunft der Menschheit. Ihm lag sehr daran, dass die verschiedenen Religionen ein­ander besser kennenlernen und sich gegenseitig achten. Und mit seinen Enzykliken hat uns Papst Benedikt wegweisende Impulse für unsere Caritas-Arbeit, für ein Leben aus der Quelle christlicher Hoffnung und für eine gerechte, nachhaltige Weltwirtschaft gegeben. Und jetzt freuen wir uns über den neuen Papst, der mit seiner erfrischenden Art und mit einfachen Worten vielen Menschen, gerade solchen, die der Kirche distanziert gegenüberstehen, Mut macht.

Sie kommen nun mit Ihren Bischofskollegen nach Münster . Auch hier verschmelzen Gemeinden zu Großräumen. Andererseits fordert Papst Franziskus eine Seelsorge der Nähe. Wie soll das gelingen?

Zollitsch: Unsere Gesellschaft ist im Umbruch, und diesen Veränderungen haben wir uns auch als Kirche zu stellen. Dazu gehört es auch, dass wir Abschied nehmen von manch Liebgewordenem, das nicht in die Zukunft führt. Die pastorale Situation ist anders als vor 50 Jahren. Das birgt zugleich Chancen. Wir haben eine beachtliche Zahl hauptberuflicher und ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Priester können sich künftig stärker auf die Aufgaben konzentrieren, die den spezifischen priesterlichen Dienst ausmachen.

…Wäre in der heutigen Zeit eine Lockerung des Zölibatsgebots ein Weg, mehr junge Menschen für den Priesterberuf zu gewinnen?

Zollitsch: Nein. Unsere Aufgabe ist es, den Zölibat, vor allem den Wert des Zölibats und seine theologische Bedeutung, neu zu erklären und verständlich zu erschließen. Gleichzeitig werbe ich dafür, genau hinzuschauen, welche Aufgaben in der Pastoral auch von gut ausgebildeten Theologinnen und Theologen, die nicht geweiht sind, übernommen werden können. Dabei geht es mir nicht um ein neues Amt, aber ich frage mich oft: Was will Gott uns damit sagen, dass es heute so wenige Priester gibt? Eine Antwort darauf ist meines Erachtens die, dass er will, dass die Seelsorge nicht nur Sache des Priesters ist. Auch die Ständigen Diakone sowie die Laien gehören heute zu den tragenden Säulen in der Pastoral. Neben dem Priester, der unverheiratet ist, haben wir verheiratete Männer und Frauen als Pastoralreferenten oder Gemeindereferentinnen. Sie bringen eine ganz eigene pastorale Verantwortung mit. So übernehmen auch Laien Verantwortung. Es wird deutlich, dass Kirche Sache des ganzen Volkes Gottes ist.

Ärgert es Sie, dass der Vorstoß Ihres Bistums, neue Möglichkeiten der vollen kirchlichen Teilnahme wiederverheirateter Geschiedener zu ermöglichen, von römischen Stellen torpediert wird?

Zollitsch: Das Papier aus dem Seelsorgeamt meines Erzbistums versteht sich als Beitrag zur Diskussion um die Frage nach einem angemessenen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, wie wir sie auch in der Bischofskonferenz diskutieren und wie sie nach dem Willen von Papst Franziskus Thema sein wird bei der Bischofssynode im Herbst. Dafür bin ich unserem Heiligen Vater sehr dankbar. Er weiß um die Dringlichkeit, sich dem Thema Ehe und Familie in einer veränderten Gesellschaft zu stellen. Die Kirche hat sich gemäß dem Auftrag Jesu gerade auch um Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu kümmern. Dazu gehören Paare, die sich getrennt haben, ebenso wie Alleinerziehende. Wir helfen in Krisensituationen. Damit Menschen spüren: Die Kirche ist bei uns. Der Glaube an Gott gibt Kraft und Hoffnung!

Wen wünschen Sie sich als Nachfolger im Amt des Vorsitzenden?

Zollitsch: Einen guten Brückenbauer, der viele, in den vergangenen Jahren erfolgreich angestoßene Themen mutig in die Hand nimmt und den Blick auf die Zukunft ausrichtet, damit immer mehr Menschen, die Freude am Evangelium spüren und erfahren können.

Wie wird denn künftig Ihr Alltag als Emeritus aussehen?

Zollitsch: Solange ich kann, helfe ich gerne hier in Freiburg mit. Außerdem hoffe ich, mehr Zeit zum Wandern und zum Lesen zu haben. Für mich ist es eine Erholung, wenn ich mich zwei Stunden in den Sessel setzen und lesen kann. Als Schüler habe ich gerne die Sterne beobachtet. Vielleicht schaffe ich mir ja auch wieder ein Teleskop an und schaue mir die Sterne an. Ich habe das Staunen nicht verlernt.

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