Pegida
„Sie brauchen Sündenböcke“

Münster/Leipzig -

Warum gehen Menschen zu Pegida-Demonstrationen? Und warum so viele aus dem Osten? Der Religionssoziologe Alexander Yendell aus Leipzig befasst sich wissenschaftlich mit islamfeindlichen Tendenzen in Deutschland.

Dienstag, 27.01.2015, 17:01 Uhr

Pegida : „Sie brauchen Sündenböcke“
Symbolfoto Foto: dpa

Vor seinem Vortrag am Mittwoch, 28. Januar, um 18.15 Uhr im Institut für Soziologie an der Scharnhorststraße in Münster, befragte unser Redaktionsmitglied Johannes Loy den Wissenschaftler, der früher viele Jahr an der Universität Münster arbeitete.

AlexanderYendellprivat

Alexander Yendell ist Religionssoziologe an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Leipzig. Foto: privat

Menschen gehen auf die Straße, rufen islam- und fremdenfeindliche Parolen und wollen sich gegen Ausländer und Einwanderer abschotten. Wie ordnen Sie das als Sozialpsychologe ein?

Yendell: Die Pegida scheint ein Sammelbecken für Menschen zu sein, die realitätsfern und zum Teil äußerst hasserfüllt sind. Es sind Menschen, die Konflikte nicht erwachsen lösen können und deshalb nicht in einen echten Dialog treten. Vielmehr brauchen sie Sündenböcke, um ihre Wut und ihren Hass auf Fremde, die Politik oder die Presse zu projizieren.

Die Islamfeindlichkeit ist offenbar im Osten der Republik weitaus deutlicher ausgeprägt als im Westen, obwohl dort viel weniger Muslime leben. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch? Oder ist es vielleicht gar keiner?

Yendell: Nein, das ist überhaupt kein Widerspruch. Wir wissen aus zahlreichen Forschungsarbeiten, dass Kontakte zu Fremden Vorurteile schwinden lassen. Wer viele Kontakte zu Muslimen hat – freiwillig oder unfreiwillig – baut in der Regel Vorurteile ab. Auch das Wissen über den Islam wirkt sich positiv auf das Verhältnis von Mehrheitsgesellschaft und Muslimen aus. Die Berichterstattung über den Islam mit seinem Fokus auf negative Ereignisse wie Terroranschläge durch Islamisten wirkt sich allerdings nachweislich negativ auf Haltungen gegenüber dem Islam und Muslimen aus.

In jüngsten Untersuchungen kam zutage, dass bei Pegida überwiegend Menschen ohne konfessionelle Bindung mitmarschieren, vor allem Männer mittleren Alters, die eine allgemeine Unzufriedenheit gegenüber Staat und Medien zum Ausdruck bringen wollen. Wie bewerten Sie das?

Yendell: Diese Untersuchungen werden von Sozialwissenschaftlern stark kritisiert, da sie nicht repräsentativ sind. Solange die Mehrheit der Befragten nicht an Befragungen teilnimmt, können wir nicht viel über die soziale Herkunft der Demonstranten und deren konkrete Unzufriedenheit aussagen.

Wie wird sich das Aufkeimen von Populismus und Stimmungsmache am äußerst rechten Rand des politischen Spektrums weiterentwickeln? Haben wir es mit einer vorübergehenden Phänomen, gar nur mit einer Modeerscheinung zu tun?

Yendell: Solche Prognosen sind schwierig, da es auch stark davon abhängt wie die Politik darauf reagiert, wie die Medien zukünftig über Zuwanderer und Muslime berichten und ob es beispielsweise zu einer realen Terrorbedrohung in Deutschland kommt. Die Anhänger der Pegida werden so schnell ihre Einstellungen nicht ändern, die Gefahr für unsere Demokratie sollte man also nicht unterschätzen.

Was kann die Politik tun, um Dampf aus dem Kessel der aufgeheizten Stimmungen zu nehmen?

Yendell: Mit einer Bewegung in den Dialog zu treten, die nicht dialogbereit ist, ist sehr schwierig. Deshalb wäre es vielleicht am besten, wenn die Politik gut kommuniziert, was an den Darstellungen der Pegida nicht der Realität entspricht, aber auch, was in Deutschland für eine verbesserte Integration von Zuwanderern bereits getan wird und was noch zu tun ist. Die Politik ist aber auch gut beraten, sehr deutlich zu machen, dass für Demokratie- und Fremdenfeindlichkeit kein Platz in unserer Gesellschaft ist.

Demonstration für Vielfalt und Toleranz

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