Monsanto gegen Pflanzenschutzkritiker
Der Glaubenskrieg um Glyphosat

Münster -

In Pflanzenschutzmitteln enthaltene Wirkstoffe durchlaufen turnusmäßig unter Aufsicht der Europäischen Kommission ein Zulassungsverfahren. 2015 steht Glyphosat auf dem Prüfstand – ein seit vier Jahrzehnten eingesetzter Stoff, der im Ackerbau eine große Rolle spielt. Rund 80 glyphosathaltige Herbizide verschiedener Hersteller sind in Deutschland auf dem Markt. Weltweit werden jährlich 650 000 Tonnen ausgebracht. Kritiker behaupten seit Jahren, dass von dem Stoff eine Gefahr für Mensch und Umwelt ausgehe.

Montag, 02.02.2015, 17:02 Uhr

Anwender sind hingegen davon überzeugt, dass Glyphosat ein Segen sei, ein Stoff, der eine wirtschaftliche Erzeugung von Nahrungsmitteln möglich mache. In einem Endlosstreit, der inzwischen die Züge eines Glaubenskrieges annimmt, ziehen Gegner und Befürworter alle Register. Über 1000 Studien werden ins Feld geführt.

Ein „Ja, aber“ ist zwar spürbar, als im Juli 2014 der Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft des Bundestags Experten zu Glyphosat befragt. Doch auch in diesem Kreis wird dem in Pflanzenschutzmitteln weltweit am stärksten eingesetzten Wirkstoff von Behördenvertretern bescheinigt, dass er gesundheitlich unbedenklich sei. Auswirkungen auf die biologische Vielfalt werden allerdings deutlicher als bisher angesprochen. Die Präsidentin des Bundesumweltamtes, Maria Kautzberger, fordert ein „Risikomanagement“.

Wundermittel - Teufelszeug?

Seit Jahren schon kommt Glyphosat nicht aus den Schlagzeilen. Mal wird der Stoff verteufelt, mal als Wundermittel gefeiert. Im Hintergrund steuern vor allem Greenpeace und der US-Konzern Monsanto den Schlagabtausch. Das Internet quillt über vor Beiträgen. Verbraucher finden ideologisch eingefärbte Breitseiten auf Hersteller und Landwirte dort ebenso wie auf Hochglanz polierte Portale, die Nutzen und Relevanz von Glyphosat verteidigen.

Eine Dauer-Debatte, die zurzeit sogar noch an Dynamik gewinnt. Denn das Totalherbizid, von dem in Deutschland pro Jahr zirka 6000 Tonnen ausgebracht werden, steht vor der Neubewertung durch die EU .

BUND kritisiert „Versagen“

Deutschland ist bei dieser „Re-Registrierung“ Berichterstatter. Kritiker wie der BUND werfen den am Verfahren beteiligten Behörden und Instituten „Versagen“ vor. Der Bewertungsbericht, der unter Federführung des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) erstellt und an die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) geschickt wurde, basiere auf Studien der Hersteller wie eben Monsanto, der das Totalherbizid unter anderem als „Roundup“ vertreibt. Studien, die auf Gefahren für Mensch und Tier verweisen, würden „ignoriert“.

Laut BVL haben 24 Firmen in dem EU-Bewertungsverfahren ein Industrie-Konsortium gebildet, um die erneute Freigabe des Wirkstoffs nach EU-Recht zu erhalten. Die EFSA hat den deutschen Bewertungsbericht geprüft, ihn veröffentlicht und ein offenes Konsultationsverfahren eingeleitet. Das Konsortium wurde aufgefordert, „weitere Unterlagen“ zu liefern.

Über 1000 Studien

Über 1000 wissenschaftliche Studien gibt es zu Glyphosat. Einige kommen zu dem Schluss, dass die chemische Verbindung Krebs verursache oder reproduktionsschädigend wirke. Aktuell macht die Behauptung die Runde, dass Glyphosat Autismus fördere.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat nach eigenen Angaben alle verfügbaren Studien auf Hinweise auf eine Gesundheitsgefahr abgeklopft. Als das Institut zum Jahresende 2013 Glyphosat die „grundsätzliche Unbedenklichkeit“ attestierte, schlugen die Wellen der Empörung so hoch, dass man zu mehreren Symposien lud. Die Feststellung, dass geringe Glyphosat-Rückstände im Urin von Menschen gefunden wurden, heizte die Debatte an.

Verfahren

Die sogenannte Re-Registrierung des Herbizid-Wirkstoffs Glyphosat ist ein extrem langwieriger Prozess. Mit einer Entscheidung, so heißt es auf Anfrage im Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), ist frühestens Ende 2015 zu rechnen. Das Europäische Parlament in Brüssel und Straßburg wirkt unmittelbar daran nicht mit. Eine Wiederzulassung erfolgt per Dekret.

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Beistoffe problematisch

Zum Thema

Die Europäische Kommission muss erklären, wie sie Glyphosat nach Jahrzehnten der Verwendung bewertet. Ende 2015 laufen die Wirkstoffgenehmigung und Zulassungen für die entsprechenden Handelsprodukte in Europa aus.

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Dr. Roland Solecki, Chef der Abteilung Chemikaliensicherheit im BfR, sprach sich in Berlin im Ernährungsausschuss gegen ein Verbot des Totalherbizids aus. Problematisch seien die Beistoffe, deren Einsatz zurückgedrängt werden müsse. Sie sorgen zum Beispiel dafür, dass das Herbizid besser an der Pflanze haften bleibt. Die eigentliche Herausforderung, so heißt es in einem BfR-Bericht, bestehe darin, die Pflanzenschutzmittel insgesamt in all ihren Wechselwirkungen mit diesen Beistoffen zu untersuchen.

Für Glyphosat-Kritiker tickt eine „Zeitbombe“. Sie bewerten den Stoff schon wegen der chemischen Zusammensetzung kritisch.

Dass in Nordrhein-Westfalen auch im kommenden Frühjahr an Straßen und auf Plätzen stärker als in der Vergangenheit Unkraut wuchern wird, hat mit Vorsichtsmaßnahmen zu tun. Das NRW-Umweltministerium hat, weil noch keine abschließende Beurteilung durch die EU vorliegt, den Glyphosat-Einsatz auf öffentlichen Wegen und Plätzen weitgehend untersagt.

Anwendung reglementiert

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit legte zudem im Mai 2014 neue Anwendungsbestimmungen für glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel fest. Innerhalb eines Kalenderjahres dürfen zum Schutz des Grundwassers im Ackerbau pro Jahr nur maximal zwei Behandlungen im Abstand von mindestens 90 Tagen durchgeführt werden. Die Wirkstoffmenge wurde auf 3,6 Kilogramm pro Hektar festgelegt. Statistisch sind es heute schon weniger. Die Anwendungen wurden reglementiert, zum Beispiel bei der Sikkation (Abreifebeschleunigung).

Inzwischen heizt ein weiteres Thema den Streit an. Studien sagen aus, dass Unkräuter eine Immunität gegen das Pflanzengift entwickeln. Resistente „Superweeds“ schrecken die Expertenwelt auf. Gentechnisch veränderten Pflanzen (GVO) wie Mais und Soja ist eine Resistenz gegen Glyphosat „eingezüchtet“. Doch nun reagieren vermehrt verschiedene Unkräuter nicht mehr auf die Herbizide.

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