Verteidigungsministerinnen
Deeskalieren statt Säbelrasseln?

münster -

An das Bild müssen sich manche – vor allem Männer – erst noch gewöhnen: Wenn sich die EU-Verteidigungsminister treffen, dann steht jetzt mittendrin ein Damenquartett: die Norwegerin Ine Marie Eriksen Soreide, die Niederländerin Jeanine Hennis-Plasschaert, die Italienerin Roberta Pinotti und die Deutsche Ursula von der Leyen.

Montag, 20.07.2015, 19:07 Uhr

Verteidigungsministerinnen : Deeskalieren statt Säbelrasseln?
Die Verteidigungsministerinnen der EU: Die Italienerin Roberta Pinotti, die Norwegerin Ine Marie Eriksen Soreide, die Deutsche Ursula von der Leyen und die Niederländerin Jeanine Hennis-Plasschaert. Foto: Fotos: dpa/ Illustration: Lisa Stetzkamp

 Beweist das, wie viele Feministinnen behaupten, dass die letzten männlichen Bastionen erobert werden?

Die Soziologin Paula-Irene Villa von der Ludwig-Maximilians-Universität München, spezialisiert auf Forschung zu Geschlechterfragen, sieht das recht gelassen. „Ja – aber so ganz unerhört ist das nicht mehr“, meint sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Verteidigungsministerinnen seien kein Novum im strengen Sinne, betont sie und ergänzt: „In Israel beispielsweise gibt es schon lange die Verflechtung zwischen Weiblichkeit und Militär.“

Vielleicht fühlt sich die Gesellschaft nach Jahrzehnten ohne Krieg in Europa so sicher, dass sie die Verantwortung für die Armee, die früher mächtige Feldherren oder später zumindest gediente Soldaten trugen, jetzt „sogar“ Frauen anvertraut? Das ließe sich nur schwer daraus ableiten, so Villa. „Da muss man auch immer die andere Variante mitdenken – wenn Krieg herrschte, gäbe es dann auch Verteidigungsministerinnen?“, gibt sie zu bedenken. So ganz fern vom Krieg sei man ja auch nicht, da kriegerische Auseinandersetzungen auch in Europa immer näher rückten und die Bundeswehr im Ausland in solche Auseinandersetzungen involviert sei.

Dann könnte man es vielleicht als ein Zeichen veränderter Konfliktstrategien von Regierungen halten, wenn Frauen dieses Amt ausfüllen – Deeskalieren statt Säbelrasseln ? „Solche Stereotype und Klischees entbehren nicht der empirischen Belegbarkeit, und sie sind für unsere Identität, Erziehung und Sozialisation nicht unwichtig“, räumt Villa ein. Gerade bei Frauen, die in Männerdomänen aktiv seien, könne man das beobachten. Frau von der Leyen habe sich durch Themen, die mit Mütterlichkeit und Weiblichkeit assoziiert werden, profiliert. Sie behandele die Bundeswehr als „ganz normalen Arbeitsplatz“ – aber nicht, weil sie als Frau neuronal oder genetisch so geprägt sei, sondern auch weil sie dies als weibliche Politikerin für sich nutzen kann. Nicht grundsätzlich, so Villas These, gingen Frauen anders mit diesen Themen um, sondern aus strategischen Erwägungen.

Zählt dazu auch, dass sowohl Angela Merkel als auch Ursula von der Leyen nur im Hosenanzug öffentlich erscheinen? Das sei so ein „deutsches Ding“, dass sich Weiblichkeit und Macht ausschlössen, erläutert die Soziologin. In romanischen Ländern werde dies viel entspannter gesehen – sie verweist auf die französische IWF-Chefin Christine Lagarde und deren eleganten Stil. Hierzulande „befürchten die Frauen offenbar, dass es ihre Macht hinterfragt“, wenn sie allzu weiblich aufträten. Aber das ändere sich langsam ...

Die ersten Verteidigungsministerinnen gab es in Asien, in Europa war Finnland Vorreiter, selbst das konservative Spanien hatte früher als Deutschland eine Frau in diesem Amt. Offenbar hinkt die Emanzipationsbewegung in Deutschland hinterher ...?

Villa sagt dazu ein klares „Jein“. Es gebe, so erläutert sie, eine große Sensibilität für das Thema Gleichstellung dank einer starken, nachhaltigen Frauenbewegung, die viel in der Politik bewegt habe. Interessanterweise gebe es zudem das Phänomen, dass viele meinten, diese Veränderung des Bewusstseins reiche aus.

Politische Eliten würden abgeschottet, weil die bis dahin herrschenden Männer viel zu verlieren hätten. Außerdem gebe es hierzulande viel ausgeprägter als in anderen Ländern einen „Müttermythos“, der die Unvereinbarkeit mit Politik, Macht und Karriere impliziere. Dies habe die gleichberechtigte Teilnahme der Frauen lange verhindert – mit Auswirkungen auf Einkommen, Vollzeit oder Teilzeit, Rentenhöhe und so weiter. „Das sitzt noch stark in den Köpfen – auch bei den Frauen.“

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