In der Blase des Hasses
Hetze in Internet-Kommentaren droht die politische Debatte zu vergiften

"Merkel-Diktatur“, „Volksverräter“, „Lügenpresse“, „Pegidiot“ oder „Antifa-Nazi“. Wer die Kommentare in den sozialen Netzwerken liest, könnte meinen, Deutschland stehe kurz vor dem „Bürgerkrieg“ – und auch dieser Begriff dürfte zu den Top 50 in den deutschen Hass-Kommentaren gehören. Zu oft ersetzt in den Internet-Kommentaren Aggression das Argument, Pöbelei die politische Debatte.

Freitag, 22.01.2016, 17:01 Uhr

In einer Umfrage des Munich Digital Institute gaben fast drei Viertel der befragten Facebook-Nutzer an, dass sie zunehmend mit extremen politischen Meinungen konfrontiert werden. Fast 62 Prozent sahen eine Zunahme der Hetz-Kommentare. Einst war viel von „Schwarmintelligenz“ im Netz die Rede, heute spricht selbst der Blogger Sascha Lobo mit Blick auf die Netz-Kommentare von „Flächenidiotie“.

Besonders massiv trifft der mit „Rudeln“ von Ausrufungszeichen versehende Hass Politiker jeder Couleur. Entnervt hat die grüne Renate Künast kürzlich eine Anleitung für „gelungene“ Hasskommentare auf ihre Facebook-Seite gestellt. Der Ton wird rauer. Bei Twitter kanzelte kürzlich CDU-Generalsekretär Peter Tauber einen Pöbler, der Kanzlerin Merkel Geisteskrankheit unterstellt hatte, als „Arschloch“ ab. Tauber erntete einen Sturm der Entrüstung – und Beifall.

Gleich welches Thema, im Netz dominieren die Extreme. Ein Grund: Wer sich dort bewegt, dem schlagen die Algorithmen von Facebook, Google und Co. immer mehr des ewig Gleichen vor. Was wir gesucht und gesehen haben, bestimmt, was wir zu sehen bekommen. „Filterblase“ (Filter Bubble) hat der US-Internet-Aktivist Eli Pariser das genannt. Wer aber sein Argument nie an Gegenstimmen messen muss, der wird in seiner Meinung weiter bestärkt – auch wenn die extrem ist. Die „Filterblase“ wird zur „Hassblase.“ Was sollte schon an einer Meinung extrem sein, wenn die – scheinbar – viele vertreten? Und die Online-Hetze schlägt sich offline nieder: in den Diskussionen, in Reden, im Galgen oder dem Schafott, das auf der Demo gezeigt wird.

Natürlich haben sich Menschen immer schon die „passende“ Lektüre gesucht. Aber: „Wenn ich eine Zeitung aufschlage (...), stolpere ich manchmal über einen Artikel, von dem ich gar nicht wusste, dass er mich interessieren könnte. (...) Damit eröffnet sich mir ein Thema, das ich nicht aktiv gesucht hätte“, sagte die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel schon 2013. Im Netz muss ich gezielt suchen.

Im Internet kann jeder alles verbreiten – stets findet sich jemand, der es glaubt. Wer früher Verschwörungstheorien anhing, wer sich vor Chemtrails hinter Flugzeugen fürchtete, der stand mit hektografierten Flugblättern in die Fußgängerzone. Heute ist die weltweite Öffentlichkeit nur einen Wisch auf dem Smartphone entfernt. Absurde Theorien und unhaltbare Gerüchte, die früher im Papierkorb sorgsam prüfender und abwägender Journalisten verschwunden wären, finden im Netz Anhänger und fleißige Weiterverbreiter.

Dazu kommt die gezielte Desinformation: So wird zurzeit die Meldung, in Berlin hätten Asylbewerber eine 13-Jährige 30 Stunden lang vergewaltigt, immer weiter gestreut – trotz des offiziellen Dementis der Polizei. Die Gerüchteküche 2.0 ist kein Ersatz für die fundierte Debatte.

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