„Alle Facetten menschlicher Emotionen“
SPD-Abgeordnete Petra Hinz abgetaucht

Essen/Düsseldorf -

Geraunt wurde es seit Jahren, doch in der Essener SPD dominierte das Schweigen. Schweigen über Gerüchte, nach denen Petra Hinz ihren Lebenslauf „frisiert“ hatte. Dabei hatte die 54 Jahre alte Abgeordnete eigentlich nichts zu verbergen. Seit 1980 war sie in der SPD, politisch fleißig in der Kommunalpolitik, bald Unterbezirksvorsitzende des Essener Stadtverbandes, zudem Mitglied des Rates der Stadt Essen.

Dienstag, 02.08.2016, 16:08 Uhr

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Hinz macht sich in Berlin rar. Ihre Parteifreunde haben keinen Kontakt mehr zu ihr.
Die SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Hinz macht sich in Berlin rar. Ihre Parteifreunde haben keinen Kontakt mehr zu ihr. Foto: dpa

Keine schlechte Vita für eine politische Karriere, doch Hinz ist sehr ehrgeizig. Fachhochschulreife reichte ihr nicht, jedenfalls nicht auf dem Papier. Da musste es schon Abitur sein. 2005 gelang ihr der Sprung in den Bundestag , bald wurde sie als Ordentliches Mitglied in den Haushaltsausschuss des Bundestags berufen. Kein schlechtes Amt, verbunden mit Einfluss, Ansehen, Macht im Berliner Politikbetrieb. Wann die Hochstapelei in ihren Lebenslauf rutschte, wahrscheinlich weiß dies Petra Hinz nur selbst.

In Berlin und Essen galt sie als fleißig, wollte alles unter Kontrolle haben. Ein wenig übertrieben vielleicht, aber was soll es. Viele Büro-Mitarbeiter kamen und gingen noch schneller, von „Mobbing“ war die Rede. 50 Mitarbeiter soll sie in den elf Jahren verschlissen haben.

Vor wenigen Wochen machte ein Essener Stadtmagazin aus den Gerüchten eine Schlagzeile. Woher der Tipp kam, keiner weiß es oder will es sagen. Nach dieser Veröffentlichung ging alles schnell. Hinz räumte alle Vorwürfe ein, ihren Schreibtisch im Bundestag aber nicht. „Ich kenne Petra Hinz ganz gut, bin total enttäuscht“, sagt Bernhard Daldrup, Chef der Münsterland-SPD und selbst Bundestagsabgeordneter. Er fordert ein lückenloses Kontrollsystem für Abgeordnete. „Wir müssen die Angaben besser überprüfen, damit das nicht wieder passiert.“

Die Essener SPD – einer der wichtigsten Verbände innerhalb der NRW-SPD – bemüht sich nun, den Schaden für die Partei in Grenzen zu halten. NRW-Justizminister Thomas Kutschaty , seines Zeichens Chef des Essener Stadtverbandes, telefonierte sofort nach Bekanntwerden der Vorwürfe mit Hinz. „Der lange Austausch, der bei ihr sämtliche Facetten menschlicher Emotionen zum Ausbruch gebracht hat, führte leider nicht zum gewünschten Ergebnis“, sagt ein sichtlich genervter Kutschaty am Montag. Übersetzt heißt das: Hinz will zwar ihr Mandat aufgeben, sagt aber nicht wann. Sie hat sämtliche Kontakte zu ihrem Unterbezirk abgebrochen. „Wir haben seit Tagen nichts mehr von ihr gehört“, sagt Karlheinz Endruschat, Vizechef der Essener SPD. „Sie antwortet überhaupt nicht auf unsere Versuche, Kontakt aufzunehmen.“ Aus den Reihen des Vorstands wisse derzeit niemand, wo die inzwischen als „Hochstaplerin“ charakterisierte Abgeordnete stecke, hieß es. In Berlin hat sie sich inzwischen krank gemeldet und um ein Gespräch mit Bundestagspräsident Norbert Lammert Mitte September gebeten.

Der Faktor Zeit könnte dabei durchaus eine Rolle spielen. Für den Monat August erhält sie nach dem Verstreichen der Monatsfrist noch einmal 14 000 Euro Diäten und Aufwandsentschädigung. Sollte sie tatsächlich erst im September ihr Mandat niederlegen, kassiert sie ab 1. Oktober laut Gesetz ein Übergangsgeld in Höhe von 100 000 Euro.

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