Psychologe Dietmar Lucas zum Fall Petra Hinz
„Man will nicht als Versager dastehen“

Münster -

„Betrügerin“, „Lügnerin“, „Hochstaplerin“ – auf die Bundestagsabgeordnete Petra Hinz prasselt es derzeit medial nur so ein. Das langjährige SPD-Mitglied hatte großflächig ihren Lebenslauf geschönt, was nach etlichen Jahrzehnten aufgeflogen ist. Wie konnte es so weit kommen? Eine Einschätzung von Diplom-Psychologe Dietmar Lucas.

Freitag, 05.08.2016, 11:08 Uhr

Petra Hinz hat gelogen – ihr Leben lang. Ihr drohen schwerwiegende seelische Konsequenzen, vermutet Psychologe Dietmar Lucas.
Petra Hinz hat gelogen – ihr Leben lang. Ihr drohen schwerwiegende seelische Konsequenzen, vermutet Psychologe Dietmar Lucas. Foto: dpa, privat

Rücktrittsforderungen und Botschaften der Verachtung prägen das Thema aktuell. Doch der Ursprung für Hinz ‘ Täuschung wird kaum Beachtung geschenkt. Für den münsterischen Diplom-Psychologen Dietmar Lucas ist das nicht verwunderlich: Ein Betrug in solch großem Stil einer bekannten Personalie sei natürlich erst einmal das Brisante – und nicht etwa das Phänomen Hochstapelei. Doch Lucas schaut hinter die Fassade der Petra Hinz. Er geht der Frage auf den Grund, wie ein Mensch sich in ein solches Lügengebilde verstricken kann.

„Eine Hochstapelei fängt in fast allen Fällen klein ein“, sagt Lucas. „Dann steigert man sich hinein – soweit, bis es einem nur noch logisch erscheint, damit weiterzumachen. Eine solche Entwicklung halte ich auch bei Petra Hinz für nicht unwahrscheinlich.“

Petra Hinz‘ erste Lebenslüge setzt früh in ihrem Leben an. Bereits mit 17 Jahren in die SPD eingetreten, gab sie später durchweg vor, das Abitur erlangt zu haben – eine glatte Lüge. Nach und nach schönte sie weiter. Das erste und zweite Jura-Staatsexamina, wie sie es in ihrem Lebenslauf angab, hatte sie nie abgelegt.

Oft steckt familiärer Druck dahinter

Dennoch muss Hinz eine Frau mit Intellekt sein – sonst hätte sie nie elf Jahre im Bundestag ihre Arbeit verrichten können. Psychologe Lucas erlebt oft Fälle, wie den von Hinz, bei denen intelligente Menschen aus eigener Unsicherheit betrügen. „Man will nicht als Versager dastehen und sieht in jungen Jahren die Konsequenzen nicht“, sagt er. In den meisten Fällen sei es familiärer Druck, der zu solchen Taten treibe.

Petra Hinz bekommt die tatsächlichen Konsequenzen nun in äußerster Form zu spüren. Doch schon vorher muss Hinz unter ihren eigenen Lebenslügen gelitten haben. Um ihre Täuschung über Jahrzehnte aufrechterhalten zu können, muss sich Hinz enorm abgesichert haben. „Sie stand in der Öffentlichkeit, musste sich daher sozial unaufällig verhalten und enge Freundschaften meiden. Sozialkontakte reißen ab, das kann oft zu einer schlimmen Isolation führen“, erklärt Lucas.

Angst vor dem Auffliegen

Über den Auftritt von Hinz gegenüber Kollegen breiten sich derzeit erweitert Gerüchte aus. Die Zeit schreibt von einer „herrischen Chefin“, in der WAZ erzählt einer ihrer Ex-Mitarbeiter gar, Hinz sei „bei der leisesten Kritik ausgerastet“. Wohlmöglich die Angst vor dem Eklat: dem Aufliegen des Schwindels.

Nun ist genau das passiert, und Hinz steht wohl vor dem Nichts. Dietmar Lucas sieht das als enormes Problem, nicht nur beruflich, sondern vor allem für ihre Seele. Mit dem Wegfall großer Teile einer Vita fielen viele Betroffene in eine Art Loch: „Das innere System drückt auf die Pausetaste, zentrale Lebensfragen rücken in den Vordergrund.“ Nicht selten seien bei aufgeflogenen Betrügern Depressionen die Folge.

„The Wolf of Wall Street“

Dietmar Lucas wünscht Hinz trotz all ihrer Schwindelei, dass sie einen Neuanfang schaffe – eine Herkules-Aufgabe. Dass ein solcher Start nach dem Betrug trotzdem möglich ist, zeigt die Geschichte von Jordan Belfort. Schmutzige Aktien-Deals brachten den Wall-Street-Händler 1998 ins Gefängnis. Draußen hatte er verbrannte Erde hinterlassen: keine Chance im alten Job, keiner wollte mehr etwas mit ihm zu tun haben. Doch mittlerweile arbeitet er als Motivationstrainer und hat seine Geschichte auf Papier gebracht. Und tatsächlich: Wie Belfort gezockt und seine Jacht versenkt hat, wurde zum Bestseller – und zum Hollywood-Blockbuster: „The Wolf of Wall Street“ mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle.

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