Gesundheits-Studie
Studenten fühlen sich stärker gestresst als Berufstätige

Berlin -

„Von wegen lange schlafen und Party machen“, warnt das Deutsche Studentenwerk zum Start des Wintersemesters vor Klischees. Studierende in Deutschland fühlen sich nach einer aktuellen Umfrage sogar stärker gestresst als Berufstätige. In NRW ist das Stresslevel besonders hoch.

Dienstag, 11.10.2016, 15:10 Uhr

Gesundheits-Studie : Studenten fühlen sich stärker gestresst als Berufstätige
Studierende in Deutschland fühlen sich nach einer aktuellen Umfrage stärker gestresst als Beschäftigte im Job. Foto: dpa

Durch Zeitdruck und Zukunftsängste fühlen sich Studierende in Deutschland nach einer aktuellen Umfrage insgesamt stärker unter Stress als Beschäftigte im Job. Studentinnen leiden unter dieser Situation mehr als ihre männlichen Kommilitonen, an staatlichen Hochschulen ist das Überforderungsgefühl höher als an den privaten, und Bachelor-Studenten klagen darüber häufiger als die schon reiferen Master-Kandidaten. Stress-Studienfach Nummer eins ist Tiermedizin, am Ende der Skala stehen die Sportwissenschaften.

All dies geht aus einer am Dienstag in Berlin vorgestellten Online-Befragung von mehr als 18 000 Teilnehmern hervor. Der AOK-Bundesverband hatte Wissenschaftler der Universitäten Potsdam und Hohenheim mit der bisher größten repräsentativen Erhebung zum „Studi-Stress“ beauftragt. 

Sechs Fakten über das Studentenleben

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  • Das Studentenleben ist längst nicht mehr so entspannt wie es vielleicht einmal war. Überfüllte Hörsäle, teure Mieten und kaum Zeit für Freizeitaktivitäten - so sieht für viele das Studium 2016 aus. Sechs Fakten über das Studentenleben heutzutage:

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  • Es werden immer mehr:

    Etwa 2,8 Millionen Studenten studieren im Wintersemester 2016/17, überwiegend an den rund 240 Hochschulen in staatlicher Trägerschaft - Tendenz steigend. Seit Jahren strömen jeweils 500 000 Erstsemester an die Unis, darunter immer mehr Ausländer, für die Deutschland ein attraktiver Hochschulstandort ist.

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  • Eine 40-Stunden-Arbeitswoche reicht nicht: 

    Studenten wenden in Deutschland im Schnitt 35 Wochenstunden für Vorlesungen, Seminare, Hausarbeiten und Recherchen an ihrer Uni auf, hinzu kommen etwa sieben Stunden für Nebenjobs. Gut jeder Fünfte muss neben der Hochschule so viel arbeiten, dass er „faktisch Teilzeit“ studiert.

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  • BAföG hilft nicht mal einem Viertel:

    Knapp drei Milliarden Euro ließ sich Vater Staat die Ausbildungsförderung im Vorjahr kosten. Damit wurden nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes 611 000 Studierende gefördert - vor vier Jahren waren es 60 000 mehr. Mit der zum Wintersemester umgesetzten Bafög-Reform wird nun manches besser: Es gibt mehr Geld und der Kreis der Geförderten soll um 110 000 wachsen.

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  • Schuldenmachen ist unbeliebt:

    Trotz steigender Studentenzahlen werden immer weniger Studienkredite in Anspruch genommen. Studenten, die auf Zuschüsse angewiesen sind, suchen sich eher einen Nebenjob, als einen Kredit aufzunehmen. Auf Stipendien kann nur ein kleiner Teil zurückgreifen.

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  • Studentenwohnungen werden zum Luxusgut:

    In Berlin müssen Studenten inzwischen 37% mehr Miete zahlen als vor sechs Jahren. In anderen Städten sieht es ähnlich aus. Besonders in den typischen Studentenstädten muss man sich auf eine lange Suche nach einer bezahlbaren Unterkunft gefasst machen.  

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  • Studenten-Stress steigt:

    Überfüllte Hörsäle und zu viel Lernstoff überfordern viele Studenten. Dabei gibt es nicht nur geschlechterspezifische Unterschiede sondern auch zwischen den Studienfächern und den verschiedenen Hochschulen. 

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Unselbstständig und überhöhte Erwartungen

„53 Prozent geben ein hohes Stresslevel an“, resümierte die Potsdamer Studienleiterin Prof. Uta Herbst . Eine vergleichbare Erhebung aus dem vorigen Jahr habe gezeigt, dass der Anteil der in der Arbeitswelt Beschäftigten mit hohem Stresslevel bei „nur“ 50 Prozent liege.

Ein Grund für das hohe Belastungsgefühl von Studenten sei die „Bologna-Reform“ von 1999 zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraumes, die mit erhöhtem Prüfungsstress einherging, so das Fazit der Experten. In Deutschland sei die „Stressresilienz“ (Widerstandsfähigkeit im Umgang mit Belastungen) bei Studierenden wohl sehr gering ausgeprägt, sagte Herbst. Viele junge Leute kämen heutzutage eher unselbstständig zur Uni, viele plagten sich mit überhöhten Erwartungen an ihren Studienerfolg herum.

Stresslevel in NRW am höchsten

Differenziert nach Bundesländern, steht Nordrhein-Westfalen an der Spitze der Stresswert-Tabelle, vor Sachsen-Anhalt, dem Saarland und Sachsen. Offenkundig geht es in Bremen, Brandenburg, Bayern und Rheinland-Pfalz für Studierende insgesamt ruhiger zu.

„An erster Stelle ist es hochschulbezogener Stress, der Studierenden zu schaffen macht“, bilanzierte der Hohenheimer Marketing-Professor Markus Voeth. „Dazu zählen neben Vorbereitungszeiten auf Prüfungen und dem Anfertigen der Abschlussarbeit die allgemeine Arbeitsbelastung durch das Studium sowie der Stoffumfang in Lehrveranstaltungen.“ Weniger ins Gewicht fielen dagegen „bekannte Stressoren des Alltags wie die Pflege von sozialen Kontakten oder die ständige Erreichbarkeit durch die modernen Medien“.

Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Lustlosigkeit

Kommt im Studium Stress auf, äußert sich dieser bei den Betroffenen in unterschiedlicher Form: Am häufigsten wurden Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten sowie Lustlosigkeit genannt. Abhilfe könne durch mehr Unterstützung von außen geschaffen werden, sagte AOK-Vorstandschef Martin Litsch: „Die Hälfte der Studierenden wünscht sich den Ausbau von Beratungsangeboten zur Stressbewältigung durch die Hochschule und externe Organisationen.“ Angesichts drohender Gesundheitsprobleme durch Stress oder möglicher Suchtgefahren müssten die Krankenkassen das Thema ernst nehmen, „es geht hier nicht nur um Befindlichkeiten“.

Psychologische Beratung

Studenten leiden oft unter Zeit- und Leistungsdruck. Es gelte, schnell und erfolgreich zu sein, sagt Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk. Das kann zu überhöhten Erwartungen an sich selbst führen. Aber auch zum Gefühl, dass man nur noch für das Studium lebt. Grob plädiert dafür, ruhig daraus auszubrechen und sich im Zweifel auch mal ein Semester mehr Zeit zu gönnen. Wer das Gefühl hat, dass es zu viel wird, kann sich außerdem an die psychologischen Beratungsstellen von Studentenwerken und Hochschulen wenden. Die seien in der Regel kostenlos, erklärt Grob. Es sei kein Makel, sich dahin zu wenden. Die Berater helfen auch bei anderen Problemen, etwa Zweifeln am Studium oder Einsamkeit.

Zur psychologischen Beratungsstelle der Uni Münster

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Die AOK-Studie stellte außerdem fest, dass Mehrfachbelastungen von Studierenden nicht automatisch zu noch mehr Stress führen müssen. Studenten mit einem Nebenjob seien „nicht mehr, teilweise sogar weniger gestresst als Studenten, die sich ausschließlich aufs Lernen fokussieren“, hob Kassen-Vorstandschef Litsch hervor. Ähnliches gelte für Studenten mit Kindern. Hier zeige sich offenbar, dass eine gute „Work-Life-Balance“ zwischen dem Studentenleben und der Ablenkung durch andere Dinge durchaus stressreduzierend wirken könne.

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