Hansjörg Schmitt von „Pulse of Europe“ kämpft für Europa - jeden Sonntag demonstrieren Tausende
„Europa ist ein gutes Lebensgefühl“

Münster -

Ein Freundeskreis von acht Frankfurtern wollte Ende 2016 mit „Pulse of Europe“ der europäischen Idee wieder auf die Sprünge helfen. Innerhalb von wenigen Wochen mobilisierte er in rund 50 Städten Zehntausende Menschen. Mit einem der Gründer, dem 44-jährigen Rechtsanwalt Hansjörg Schmitt, sprach unser Redaktionsmitglied Claudia Kramer-Santel.

Freitag, 24.03.2017, 14:03 Uhr

Hansjörg Schmitt
Hansjörg Schmitt Foto: Schmitt

Was war die Geburtsstunde von „Pulse of Europe“?

Schmitt : Es waren 2016 zwei Schlüsselereignisse. Einmal das Brexit-Votum. Und dann die Wahl von Donald Trump . Wir stellten fest: So kann es nicht weitergehen! Wir dachten uns: Jetzt kommen noch drei entscheidende Wahlen: Niederlande, Frankreich, Deutschland. Wenn sich dort antieuropäische Kräfte durchsetzen, dann war‘s das. Dann ist das Projekt Europa zu Ende! Das wollten wir verhindern. Warum? Aus Dankbarkeit der Aufbaugeneration gegenüber, die uns etwas Sagenhaftes hinterlassen hat – 70 Jahre Frieden in Europa! Ohne die EU gab es vorher Kriege im Dauerdurchlauf. Jetzt ist Ruhe. Wir wollten dieses positive Lebensgefühl wieder nach vorne kehren.

Sie sind keine Profi-Politiker. Ist das Teil des Erfolgs?

Schmitt: Ja. Wir sind alles Privatleute, die für die gemeinsame Sache brennen. Das merken die Menschen. Wenn man authentisch ist, dann kriegt man so etwas auch hin. Wir bestellen unsere Europaflaggen im Internet. Wir könnten auch die EU-Kommission danach fragen. Machen wir aber nicht. Wir haben viele Angebote von Parteien. Doch wir wollen überparteilich bleiben. Wir machen einfach von unseren Grundrechten Gebrauch: der Versammlungsfreiheit und der Meinungsfreiheit. Die stehen auch der bürgerlichen Mitte zu und nicht nur den Rändern. Demokratien sterben nicht an ihren Rändern, Demokratien scheitern daran, dass die Demokraten gleichgültig werden.

Wie kamen Sie auf das Format, jeden Sonntag um 14 Uhr eine Stunde zu demonstrieren?

Schmitt: Das haben wir uns einfach so überlegt. Wir haben nachgedacht, wie man regelmäßig etwas machen kann. Da kamen wir auf den Erfolg der Montagsdemonstrationen. Wir glauben, dass die Menschen auch im Facebook-Zeitalter das Bedürfnis haben, sich zu begegnen. Wann haben normale Leute Zeit? Am Sonntag. Morgens gehen ja viele zur Kirche oder wollen mit der Familie essen. Wir dachten: 14 Uhr passt, da will man raus. Eine Freundin kannte sich mit Facebook aus und schickte Ankündigungen in die richtigen Kanäle. Wir merkten schnell: Das klappt! Die Leute kommen! Nur eine Stunde, um gemeinsam die Hoffnungen, aber auch Befürchtungen zu teilen mit Gleichgesinnten. Wir alle, ob Organisatoren oder Teilnehmer, haben nachher ganz funkelnde Augen. Unfassbar.

Was sind Ihre Ziele?

Schmitt: Wir wollten die Wahlbeteiligung erhöhen, wie es in den Niederlanden ja schon geklappt hat. Vielleicht konnten wir einen bescheidenen Beitrag hierzu leisten. Die radikalen Kräfte verstehen es sehr gut, ihre Wähler zu mobilisieren. Die Demokraten, die sich in der Mehrheit fühlen, denken, es kommt nicht darauf an. Das stimmt nicht!

Warum sind so viele Freiberufler dabei?

Schmitt: Ich selbst war viele Jahre als Angestellter beruflich tätig. Daher weiß ich, dass man als Angestellter auf vieles Rücksicht nehmen muss. Man wird automatisch politisch passiver. Selbst wenn Sie sich für Selbstverständlichkeiten einsetzen, ist das nicht unbedingt gewollt. Der Freiberufler kann flexibler agieren. Außerdem darf man von Rechtsanwälten auch erwarten, dass sie sich für die res publica, die öffentliches Sache, stark machen.

Ist die Frage der EU mit der Zukunft der Demokratie verknüpft?

Schmitt: Ganz klar ja! Wir dachten vielleicht nach dem Dritten Reich: Jetzt haben wir eine Art kollektive Vernunft erreicht, so etwas ist nie wieder möglich, wir lassen uns nicht mehr verführen. Schwachsinn! Es muss alles immer wieder neu erkämpft werden. Weil die Demokratie eine offene Staatsform ist, kann sie missbraucht werden.

Was passiert als Nächstes?

Schmitt: Wir werden zwei Themen besetzen: Die Begleitung der Austrittsverhandlungen der Briten. Da ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Wir werden bald mit einer Aktion kommen. Zweitens die Verhinderung einer Konstellation in Frankreich, die ein Ausscheiden aus der EU bringen könnte. Wir demonstrieren ja auch in Paris. Dann kommt die Bundestagswahl. Doch jetzt geht es erst einmal darum, die Begeisterung für Europa neu zu entfachen. Mit diesem Optimismus wird es uns gelingen, die zweifellos vorhandenen Probleme zu lösen. Nur wenn man etwas wirklich will, mit Herzblut bei der Sache ist, macht man es auch gut. Europa ist auch ein Lebensgefühl. Wir brauchen eine emotionale Identifikation mit Europa, vergleichbar dem American Way of Life.

Haben Sie überhaupt noch Zeit, in Ihrem Beruf zu arbeiten?

Schmitt: Es ist unglaublich. Im Moment geht die Energie in „Pulse of Europe“. Doch die Demonstrationen in rund 50 Städten werden ja auch von anderen organisiert. Wir bieten nur einen geeigneten Rahmen. Wir sind ja selbst überrascht, dass wir den Nerv so gut getroffen haben: Die Menschen haben darauf gewartet, dass so etwas passiert: Die Begeisterung für Europa war eigentlich immer schon da.

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