Kraft und Laschet im TV-Duell
Die Wogen kochen zeitweise hoch

Köln -

Hannelore Kraft gegen Armin Laschet. Das TV-Duell der Amtsinhaberin der SPD gegen den Herausforderer der CDU geriet über weite Strecken zu einem Disput unter Fachleuten. Bei einigen Punkten kochten die Wogen aber doch hoch.

Mittwoch, 03.05.2017, 07:05 Uhr

Im verbalen Schlagabtausch: Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und ihr Herausforderer Armin Laschet (CDU).
Im verbalen Schlagabtausch: Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und ihr Herausforderer Armin Laschet (CDU). Foto: dpa

Als Erste fährt Hannelore Kraft vor dem Kölner WDR-Studio vor. Es ist 19.09 Uhr, noch etwas mehr als eine Stunde vor ihrem mit Spannung erwarteten TV-Duell mit CDU-Herausforderer Armin Laschet am Dienstagabend. Der lässt sich Zeit, kommt etwa eine halbe Stunde später an. Nachdem SPD und CDU in letzten Umfragen bei 34 Prozent gleichauf gelegen haben, geht es für beide Kandidaten bei diesem verbalen Schlagabtausch um viel: Vor fünf Jahren haben 750.000 Zuschauer eingeschaltet. Beide wirken konzentriert und gespannt, Kraft in langem rotem Blazer hat noch ein professionelles Lächeln im Gesicht, Laschets Mimik wirkt zunächst noch grimmig. Die Nervosität ist greifbar.

Streit über Innenminister Jäger

Zuerst geht es für gut 20 Minuten um das wohl am heftigsten umstrittene Thema – die innere Sicherheit. In ihrem Umfeld kennen beide Einbruchsopfer, sagen sie. Kraft nutzt diesen ersten Aufschlag gleich zu einer Leistungsbilanz und neuen Ankündigungen: In der Justiz seien 1700 neue Stellen geschaffen, die Polizei solle weiter aufgestockt werden, mehr Bezirks- und mehr Kripobeamte. Laschet hält ihr entgegen: „Die Zahl ist einfach zu hoch.“ 144 Einbrüche pro Tag sei bundesweiter Spitzenwert: „Ich will, dass NRW so sicher ist wie andere Bundesländer.“

Wir finden, dass er zum Sicherheitsrisiko geworden ist.

Armin Laschet wirft Innenminister Jäger vor, die Verantwortung für Sicherheitspannen unter anderem im Terrorfall Anis Amri und in der Kölner Silvesternacht zu verantworten.

Beide streiten heftig über den Fall des Berliner Terroristen Anis Amri. Kraft betont, Gesetze und Voraussetzungen hätten nicht für eine Abschiebehaft gereicht, deshalb müsse die große Koalition in Berlin jetzt die Gesetze ändern. „Sie haben es nicht mal versucht“, fällt ihr Laschet ins Wort. Beide lassen sich oft nicht ausreden, versuchen Aussagen des anderen zu relativieren. Laschet gelingt es dennoch, die Bilanz von Innenminister Ralf Jäger als Problem Krafts darzustellen. „Es gibt für mich keinen Anlass, ihn nach Hause zu schicken“, sagt die Ministerpräsidentin.

Für mich gab es bislang keinen Anlass, ihn nach Hause zu schicken.

Hannelore Kraft hat sich auch im TV-Duell vor ihren heftig kritisierten Innenminister Ralf Jäger gestellt.

Beim Thema Integration von Flüchtlingen finden beide schnell zusammen.

Bildung und Staus – Kraft verweist auf rot-grüne Maßnahmen

Die Wogen kochen indes erneut hoch, als es um Krafts Projekt „Kein Kind zurücklassen“ geht. Als Laschet ihr vorhält, das zeige keine Wirkung und sei finanziell unzureichend unterfüttert, verteidigt sie die Lufthoheit: Mit 200 Milliarden Euro für die Bildung und den finanziellen Hilfen für klamme Kommunen habe Rot-Grün dieses Ziel ebenso verfolgt. Laschet attackiert, gegen Kinderarmut müssten mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. Diese Priorität habe Rot-Grün nicht gesetzt.

Der Streit dreht sich auch um Rekordstaus im Land: „Das ist ein unhaltbarer Zustand für ein Industrieland“, weist Laschet die Blechkolonnen als rot-grüne Bilanz aus. Kraft hält ihm entgegen, wer angesichts der kommenden Bauvorhaben verspreche, die Staus würden weniger, „der hat die Lage im Land nicht verstanden“.

Faktencheck

Faktencheck des WDR zur Sendung : Laschet mit falschen Zahlen

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Wie hier versucht sie an vielen Punkten, ihren Amtsbonus, die von Rot-Grün ergriffenen Maßnahmen auszuspielen und so Laschets Angriffe abzuschwächen oder zu entkräften. Es gelingt ihr nicht immer.

Am Ende wird sie erklären, dass sie sich als Gewinnerin des Duells sieht. Laschet ist bescheidener, das sollten andere entscheiden. „Ich glaube, ich habe das, was ich sagen wollte, erklären können.“ Immerhin in den Rede-Anteilen hat die WDR-Regie den Ausgleich geschafft.

Experten-Einschätzung

Das teils hitzige Fernsehduell zwischen NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und ihrem CDU-Herausforderer Armin Laschet hat nach Ansicht des münsterischen Politikwissenschaftlers Klaus Schubert alle Chancen für eine große Koalition offen gelassen. „Im Kern ist bei der Debatte nichts auf den Tisch gekommen, was die beiden Spitzenkandidaten in Koalitionsgesprächen nicht überwinden können“, sagte der Experte von der Universität Münster der Deutschen Presse-Agentur.

Wegen der starken Gemeinsamkeiten in den Ansichten der beiden Kandidaten sei das Duell am Dienstagabend in einigen Phasen auch aggressiver geführt worden als dies vielleicht inhaltlich nötig gewesen wäre: „Da muss man Krallen zeigen und dem Wähler deutlich machen, wo es bei all den Übereinstimmungen auch Unterschiede gibt“, erklärte Schubert. „Wähler erwarten von ihren Kandidaten diese Bissigkeit und Trennschärfe. Das dürfen CDU und SPD nicht den Rechten und Linken überlassen.“

Neue Instrumente wie Faktenchecks seien zudem für TV-Duelle enorm hilfreich: „Die Diskussionen werden anders geführt, wenn so ein Faktencheck am folgenden Tag droht.“ Die Politiker bereiteten sich besser auf ihre Auftritte vor. „Da behaupten sie nicht mehr einfach etwas oder formulieren ins Blaue hinein“, sagte Schubert nach der einstündigen WDR-Debatte zwischen den beiden Spitzenkandidaten weiter. Mit besser recherchierten Fakten könnten Politiker Zusammenhänge deutlicher machen und überzeugender auftreten.

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