Ein grünes Urgestein geht
Rückzug von Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele

münster/berlin -

Zur Bundestagswahl am 24. September werden auch einige prominente Parlamentarier nicht mehr antreten. Als Minister oder engagierte Oppositionspolitiker haben sie sich einen Namen gemacht.

Montag, 07.08.2017, 16:08 Uhr

Spektakuläre Aktion: Am 31. Oktober 2013 besuchte Hans-Christian Ströbele den NSA-Whistleblower Edward Snowden in Moskau
Spektakuläre Aktion: Am 31. Oktober 2013 besuchte Hans-Christian Ströbele den NSA-Whistleblower Edward Snowden in Moskau Foto: dpa

Auf der Zielgeraden ist der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele noch im Stress gewesen. Der Geheimdienstexperte seiner Partei saß wochenlang am Abschlussbericht zum NSA-Untersuchungsausschuss.

Damit sei er vollends ausgelastet, so erklärt sein Berliner Büro bei der Anfrage für ein Interview. „So wie es momentan aussieht, wird sich die Fertigstellung auch noch bis Ende Juni hinziehen.“ Deshalb fand Herr Ströbele auch keine Zeit, Fragen zu beantworten. Die Annäherung erfolgt also auf Umwegen.

Grenzen verschwimmen

Der streitbare Rechtsanwalt, Jahrgang 1939, ist nach Ansicht einiger Beobachter der Berliner Politik einer der wenigen echten Konservativen im Bund. Denn er, so stellte die „Zeit“-Kolumnistin Mariam Lau im vergangenen Jahr fest, denkt heute noch genau das, was er 1968 gedacht hat, nämlich dass der Kapitalismus ein fehlerhaftes System ist, dass die Weltrevolution noch aussteht und dass man den Verfassungsschutz abschaffen sollte.

Christian Ströbele sorgte oft für Schlagzeilen – bei ihm verschwommen die Linien zwischen Politiker und Aktivist immer mal wieder. Eine seiner spektakulärsten Aktionen der vergangenen Jahre war zweifellos der Besuch beim NSA-Whistleblower Edward Snowden am 31. Oktober 2013 in Moskau.

Ströbele über Snowden

Zu den Erkenntnissen des erwähnten NSA-Ausschusses, der 2014 eingesetzt wurde, meinte Ströbele: „Es ist viel mehr herausgekommen und bewiesen worden, als ich geahnt habe.“ Und in einem Interview mit dem Redaktions-Netzwerk Deutschland erklärte Ströbele, dass die NSA und der Bundesnachrichtendienst BND „ganz offensichtlich sehr, sehr viel gemeinsam“ hätten. Beide verbinde auch „eine rechtlich und moralisch untragbare Praxis“.

Sein moralischer Kompass schlug auch aus, als er die aktuelle Situation von Edward Snowden, der noch immer in Russland im Exil lebt, bedachte: In seinen „schlimmsten Träumen“, so Ströbele, sehe er die Gefahr, dass Snowden Teil eines miesen Tauschgeschäftes zwischen Russlands Präsident Putin und US-Präsident Trump werden könne.

Ungewöhnliche Ansichten

Die Grünen konnten sich bei Voten zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr immer darauf verlassen, dass Ströbele beharrlich Nein sagte. Kosovo, Bosnien, Afghanistan oder Mali – wo viele Grüne humanitäre Gründe für ein Eingreifen sahen, blieb Ströbele unbeirrbar.

In puncto Migration gehörte Christian Ströbele zu den Vorreitern einer weitgehenden Öffnung. Als er vorschlug, einen muslimischen Feiertag einzuführen und hierfür einen christlichen zu streichen, entfachte er allerdings einen Sturm der Entrüstung.

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Er ist der einzige Bundestagsabgeordnete seiner Partei, der bei der Bundestagswahl im Jahr 2013 ein Direktmandat erringen konnte. „Noch mal vier Jahre, das ist mir zu stressig“ – so erklärte Hans-Christian Ströbele seinen Rückzug.

Der Kampfgeist muss da wohl der Gesundheit Tribut zollen. Ein grünes Urgestein geht.

Zur Person

► Geboren wurde Hans-Christian Ströbele am 7. 6. 1939 in Halle an der Saale.

► Nach dem Abitur 1959 in Marl leistete Ströbele seinen Wehrdienst bei der Luftwaffe in Aurich.

► Ab 1960 Studium der Politikwissenschaft und der Rechtswissenschaft in Heidelberg und an der Freien Universität Berlin. 1969 legte er die zweite juristische Staatsprüfung ab und erhielt die Zulassung als Rechtsanwalt.

► Als Mitglied des „Sozialistischen Anwaltskollektivs“ verteidigte er in den 70er Jahren Angehörige der RAF – darunter auch Andreas Baader.

► Von 1970 bis 1975 war Ströbele Mitglied der SPD. Sie schloss ihn aus, nachdem er die Terroristen der RAF als „liebe Genossen“ bezeichnet hatte.

► 1978 gehörte er zu den Mitbegründern der Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz, dem Vorläufer der Grünen in Berlin.► Im Bundestag von 1985-1987 und seit 1998

► Seit 1967 ist er mit Juliana Ströbele-Gregor verheiratet.

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