Interview
Norbert Lammert warnt eindringlich vor einem Scheitern der Demokratie

Münster -

Norbert Lammert ringt am Ende seines Vortrags in Münster um Fassung. Wenige Politiker reden so mitreißend wie er, wenige können so messerscharf Mängel der politischen Kultur sezieren – und mit seinem unabhängigen Geist liefert er Reformvorschläge gleich mit. Zwölf Jahre lang hat er das Amt des Bundestagspräsidenten ausgefüllt. Nun sitzt der 68-Jährige bei einem Gespräch unserem Redaktionsmitglied Claudia Kramer-Santel noch immer sichtlich bewegt gegenüber. Drahtig, leidenschaftlich: nicht wie ein Ruheständler. Er werde als stellvertretender Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung weitermachen, mehr Kunst anschauen, sagt er. Doch der CDU-Politiker aus Bochum hat an diesem Tag eine Mission: einen Weckruf starten! Die Bürger für Demokratie zu begeistern – und für eine Teilnahme bei der Wahl. Denn er ist in großer Sorge ...

Donnerstag, 21.09.2017, 19:09 Uhr

Engagierter Demokrat: Norbert Lammert zeigt sich besorgt, dass die politische Kultur in Deutschland Schaden nehmen könnte und erinnert eindringlich an das Privileg, in einer Demokratie leben zu dürfen.
Engagierter Demokrat: Norbert Lammert zeigt sich besorgt, dass die politische Kultur in Deutschland Schaden nehmen könnte und erinnert eindringlich an das Privileg, in einer Demokratie leben zu dürfen. Foto: Gunnar A. Pier

In Ihrer letzten Bundestagsrede haben sie eindringlich vor einer Art Trägheit gewarnt, vor der Verlockung, Demokratie zu selbstverständlich zu nehmen. Sie wirkten ähnlich wie nach Ihrer Rede in Münster tief bewegt. Warum?

Lammert : (Lange Pause) Wenn man über Grundsatzfragen der Demokratie oder Freiheit redet, ist das ja nicht banal. Ich habe es mir zur Lebensaufgabe gemacht, über die kleinteiligen Alltagsdinge hinaus historische Zusammenhänge zu verdeutlichen. Es ist bewegend, wenn viele das aufsaugen wie ein Schwamm. Man merkt: Es gibt dafür einen Bedarf.

Was war die bewegendste Rede Ihrer Amtszeit?

Lammert: Ich vergesse nie den Tag, als ich in der Knesset als deutscher Parlamentspräsident mit Ehrengarde und deutscher Hymne empfangen wurde und dort dann auf Deutsch geredet habe. Da wird einem bewusst, was für eine besondere Beziehung zu Israel wir haben.

Norbert Lammert unterstützt Sybille Benning im Wahlkampf

1/19
  • Rückendeckung wenige Tage vor der Bundestagswahl: Die münsterische CDU-Kandidatin Sybille Benning begrüßte am Dienstag Norbert Lammert in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • In der Friedenkapelle trafen sich die CDU-Anhänger.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der scheidende Bundestagspräsident Norbert Lammert hielt eine bewegende Rede.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • CDUler unter sich (von links): Karin Reismann, Josef Rickfelder, Norbert Lammert und Sybille Benning.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Gast und Gastgeberin: Norbert Lammert und Sybille Benning kurz vor Beginn der Veranstaltung auf dem Podium.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Sybille Benning kandidiert in Münster für den Bundestag.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Aufforderung zur Wahl: Norbert Lammert.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Als Dank für seinen Besuch gab's ein Faksimile des westfälischen Friedensvertrags.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Nur noch kurz die Mails checken: Karin Reismann kurz vor Beginn.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Norbert Lammert hielt ein flammendes Plädoyer für die Demokratie.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Sybille Benning und Josef Rickfelder

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier

Was ist derzeit das größte Problem für die Demokratie in Deutschland?

Lammert: Es gibt eine große Versuchung zu denken, Demokratie sei eine Art natürlicher Zustand, um den man sich nicht mehr kümmern müsse, weil alles ja so schön funktioniert. Das ist leichtsinnig! Man muss sich darum kümmern! Deshalb engagiere ich mich im Wahlkampf, obwohl ich zum ersten Mal seit 40 Jahren gar nicht mehr kandidiere. Mich hat keine Nachricht im Wahlkampf mehr aufgeregt als das Umfrageergebnis, dass bis kurz vor der Wahl rund 50 Prozent der Wahlberechtigten nicht wissen, ob und wenn ja wen sie wählen – und gleichzeitig sagen 48 Prozent der gleichen Wahlberechtigten, sie wüssten schon genau, wie die Wahl ausgeht. Das könnte auch Ausdruck einer gefährlichen Überheblichkeit sein. Doch die Demokratie steht nicht unter Denkmalschutz!

Viele hielten den Wahlkampf ja schlichtweg für langweilig …

Lammert: Was heißt das, der Wahlkampf ist langweilig? Vielleicht hängt das damit zusammen, dass wesentliche Dinge geregelt sind und wir uns über vergleichsweise luxuriöse Dinge Gedanken machen können – obwohl es natürlich wirklich noch viel Modernisierungsbedarf gibt. Bessere Verhältnisse als heute hat es aber noch nie gegeben. Wenn der Wahlkampf wirklich zu aufregend gewesen wäre, hätte man das aber gewiss auch kritisiert!

Viele fühlen sich ja heute von der Politik persönlich nicht mehr angesprochen. Wie würden Sie diesen Bürgern erklären, dass sie wählen gehen müssen?

Lammert: Derjenige, der nicht wählt, wählt ja auch. Er kann ja nicht vermeiden, dass entschieden wird. Er nimmt nur selber nicht teil. Wer sich entschieden hat, sich nicht für Politik zu interessieren, hat sich entschlossen, anderen die Zukunft zu überlassen. Demokratie ist nicht wie in einem Gewächshaus geschützt! Sie findet in der freien Natur statt. Pausenlos gibt es nicht absehbare Unwetter! Mal absehen davon ist eine gesicherte Erfahrung: Fanatiker machen von ihrem Wahlrecht immer Gebrauch. Sie wollen so ihre Weltanschauung demonstrieren.

Wie stehen Sie zur Kritik an der EU, die im Wahlkampf immer wieder aufkeimt?

Lammert: Das Ansehen Deutschlands war noch nie größer als heute. In Deutschland gibt es die Demokratie ja noch nicht so lange wie in manch anderen EU-Ländern. Und trotzdem gibt es immer mehr Menschen, die einen Rückmarsch ins 19. Jahrhundert wollen. Die Rückkehr zum reinen Nationalstaat! Ausgerechnet in Deutschland mit der Erfahrung der Mauer samt Schießbefehl kommen Leute auf die Idee, wir benötigen wieder Mauern? Das kann nicht gutgehen. Wir brauchen mehr denn je Lösungen, die über den Tellerrand hinausgehen.

Mehr zum Thema

Warum befürworten Sie eine fünfjährige Legislaturperiode? Wahlen in kurzen Abständen können doch auch eine Frischzellenkur für die Demokratie bedeuten.

Lammert: Es gibt Argumente für vier Jahre und für fünf Jahre. Bei komplizierten Mehrheitsverhältnissen und Koalitionsgesprächen vergehen aber oft Monate, bevor die parlamentarische Arbeit überhaupt losgehen kann. Im letzten Jahr findet auch nicht mehr viel statt. Bei fünf Jahren würde man verfügbare Zeit fürs konzeptionelle Arbeiten im Parlament einfach erhöhen.

Macht es Sie als leidenschaftlichen Demokraten traurig, dass viele den Respekt vor dem Wahltag verloren zu haben scheinen?

Lammert: Fest steht: Wahlen sind das Königsrecht der Demokratie, ein Hochfest. Wer davon nicht Gebrauch macht, hat mindestens moralisch den Anspruch verwirkt, sich nachher zu beschweren. Denn ohne bürgerschaftliches Engagement kann die Demokratie nicht existieren.

Anzeige
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5169799?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F199%2F
Label oder Mogelpackung?
CDU und Grüne wollen den Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) durch eine „Münsterland-S-Bahn“ voranbringen, SPD und Linke nannten die entsprechende Resolution im Rat eine Mogelpackung.
Nachrichten-Ticker