Letzter Halt vor Russland
Die estnische Stadt Narwa kämpft mit Putins Annexionspolitik und dem Strukturwandel

Münster/Narwa -

Es ist der letzte Halt vor der russischen Grenze: Im äußersten Osten Estlands trennt nur ein wenige Meter breiter Fluss die Stadt Narwa vom Staatsgebiet des Kreml. Geografisch endet hier die EU, gefühlt hat man sie bereits beim Betreten der Stadt verlassen.

Montag, 04.12.2017, 17:12 Uhr

Bis zu 12 000 Menschen arbeiteten in den 1970er Jahren in der Manufaktur von Kreenholm. Bei der Tallinn Music Week soll das Gelände als Kulisse für Konzerte dienen.
Bis zu 12 000 Menschen arbeiteten in den 1970er Jahren in der Manufaktur von Kreenholm. Bei der Tallinn Music Week soll das Gelände als Kulisse für Konzerte dienen. Foto: Mirko Heuping

Obwohl Narwa auf estnischem Boden liegt, gehören mehr als 95 Prozent der Bevölkerung der russischsprachigen Minderheit an. Ein Drittel der Einwohner hat den russischen Pass, ein weiteres Drittel gilt als staatenlos und geduldet. Die meisten der älteren Einwohner sprechen weder Estnisch noch Englisch. Deshalb sind sie schwer zu integrieren. In ihren Wohnungen flimmert russisches Staatsfernsehen. Russische Nachrichten. Russische Propaganda.

Ist Narwa Putins nächstes Ziel?

Und als wäre dies nicht Herausforderung genug, werden die Esten seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 immer wieder mit der einen Frage konfrontiert: „Ist Narwa das nächste Ziel Putins?“

Katri Raik ist es längst leid, darauf zu antworten. „Alle Menschen in Narwa hassen diese Frage“, sagt sie und rollt mit den Augen. Seit 20 Jahren lebt und arbeitet die 49-Jährige in der 60 000 Einwohner zählenden Grenzstadt. Sie war die erste Direktorin der örtlichen Universität, sitzt derzeit als Oppositionsführerin im Kommunalrat und ist Direktorin der estnischen Sicherheitsakademie. „Es ist anstrengend, immer wieder zu erklären, dass Narwa nicht die nächste Krim ist. Narwa gehört zu Estland, zur Europäischen Union und zur Nato . Das gibt uns Sicherheit.“ Noch wichtiger sei aber, dass die russischsprachige Minderheit gerne in Estland lebe.

Privilegien für staatenlose Russen

Die Gründe dafür verrät ein Blick auf Narwas Zwillingsstadt Iwangorod. Während der Wohlstand der estnischen Bevölkerung seit Jahren langsam aber stetig steigt, leiden die Menschen auf der anderen Seite des Grenzflusses am wirtschaftlichen Niedergang der Region. „Die schönsten Gebäude sind Tankstellen und Apotheken“, sagt Raik. Und auch wenn das Lohnniveau in Narwa – und besonders das der estnischen Russen – niedriger ist als in anderen Teilen Estlands, ist es inzwischen deutlich höher als in Iwangorod.

Die staatenlosen Russen in Narwa besitzen zudem ein besonderes Privileg: Ein grauer Pass erlaubt es ihnen, einerseits in Estland zu leben und sich frei in der EU zu bewegen und andererseits auch ohne Visum nach Russland zu reisen. „Narwa ist kein Zankapfel, sondern eine Brücke zwischen Russland und Europa. Das muss man ausnutzen“, sagt Raik. Ihr schwebt vor, dass die Stadt irgendwann ein touristisches Ziel für die Millionen Russen wird, die im nahe gelegenen St. Petersburg leben. Doch auch Raik weiß, dass der Weg dorthin lang ist. Außer westlichen Lebensmitteln in den Supermärkten hat die Stadt Touristen wenig zu bieten.

Kreenholm-Manufaktur

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  • Der Innenhof der Kreenholm-Textilmanufaktur hat gewaltige Ausmaße.

    Foto: Mirko Heuping
  • Das Gelände mit der Industriebrache liegt direkt an einem Fluss, der die Außengrenze der EU zu Russland markiert.

    Foto: Mirko Heuping
  • Da die Kreenholm-Manufaktur 2010 die Pforten schloss, macht sich an einigen Stellen bereits der Verfall bemerkbar.

    Foto: Mirko Heuping
  • Es folgen weitere Impressionen

    Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping
  • Die Kreenholm-Manufaktur ist eine Industriebrache in Narwa mit über 200 000 Quadratmetern Fläche Foto: Mirko Heuping

Niedergang einer Textilmanufaktur

In vielen Straßenzügen reihen sich die in trostlosem Einheitsgrau gestrichenen Mehrfamilienhäuser wie kleine, gleichförmige Kasernen aneinander. Trotz der geringen Quadratmeterpreise stehen Wohnungen leer. Die Bevölkerungszahl sinkt jährlich um etwa 1000 Köpfe. Durch den Niedergang der Textilmanufaktur Kreenholm am Ortsrand fehlen gut bezahlte Arbeitsplätze. Zur Blütezeit waren in dem riesigen Industrie-Komplex mehr als 12 000 Menschen beschäftigt. Heute zieht es die Schulabgänger eher in die aufstrebende Hauptstadt Tallinn oder die beliebte Universitätsstadt Tartu, die Älteren bleiben mit den Problemen des Strukturwandels zurück.

Die Kreenholm-Manufaktur

Die Manufaktur von Kreenholm ist eine ehemalige Textilfabrik auf einer Flussinsel direkt an der Grenze zu Russland. Sie wurde 1857 von dem Bremer Kaufmann Ludwig Knoop gegründet und beschäftigte in den 1970er Jahren bis zu 12 000 Arbeiter. Seit der Insolvenz im Jahr 2010 steht die Industriebrache mit über 200 000 Qua­dratmetern Fläche leer.

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Mentalitätswandel

Um nicht weiterhin die Jugend und damit die Zukunft an die Oberzentren zu verlieren, setzt die Stadt seit einigen Jahren verstärkt auf Integration und Modernisierung. An den meisten Schulen wird mittlerweile zweisprachig unterrichtet – jeder Schüler muss ein Mindestmaß Estnisch sprechen können. Parallel dazu hat Estland mit ETV+ vor zwei Jahren einen staatlich finanzierten russischsprachigen Fernsehsender gegründet, der unabhängig über das Weltgeschehen berichtet. Auch das Kulturangebot in der Stadt wird ausgebaut. So gibt es seit Kurzem ein Kino, das Geld für den Bau eines Schwimmbades wurde gerade von der Regierung in Tallinn bewilligt. Es herrscht Aufbruchstimmung.

Keiner verkörpert diese so authentisch wie Ivan Sergejev. Der 30-Jährige Stadtarchitekt ist die personifizierte Zukunftsvision Narwas. Er will die junge Generation auf Dauer in „seine“ Stadt zurückholen. „Man muss ihr nur eine Perspektive bieten“, sagt er mit einem Leuchten in den Augen und zählt Bauprojekte auf, die in naher Zukunft angegangen werden sollen. Finanziert werden viele durch EU-Mittel.

Tallinn Music Week als Aufbruchsignal

Ungenutztes Potenzial bietet vor allem die riesige Industriebrache der Manufaktur von Kreenholm am Stadtrand. Wenn im Jahr 2018 erstmals die Tallinn Music Week – das größte Festival des Landes – mit Konzerten und Kunstaktionen in Narwa zu Gast sein wird, soll die Industriebrache zu einer großen Bühne mit atemberaubender Kulisse werden. Es ist nur ein Anfang, doch Ivan Sergejev ist sich sicher: „Narwa ist das nächste Ziel.“ Nicht einer russischen Annexion, sondern des so dringend benötigten Aufschwungs.

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