Vor Grünen-Parteitag
Neues Personal gesucht: Nach Cem Özdemir erklärt auch Simone Peter Verzicht

Münster -

Wohin steuern die Grünen? Wo ist ihr Zukunftspotenzial in Zeiten, in denen fast alle Parteien die grünen Kernbotschaften – Umwelt, Klimaschutz – aufgenommen haben? Das Ganze ist auch eine personelle Frage: Neue Gesichter müssen her, um neue Wähler zu gewinnen. 

Montag, 08.01.2018, 18:01 Uhr

 
  Foto: colourbox.de

Ende Februar wird beim Parteitag in Hannover die Parteispitze gewählt. Traditionell besetzen die Grünen ihre beiden Chefposten mit Vertretern des rechten und des linken Flügels, zudem muss mindestens eine Frau der Partei vorsitzen.

Doch mit Cem Özdemir ist nicht mehr zu rechnen. Der Realo hat angekündigt, nicht mehr als Parteichef zu kandidieren. Nicht etwa, weil er abgeschrieben ist. Im Gegenteil: Der Schwabe ist ein brillanter Redner, verkörpert auf moderne, pragmatische Weise Multi-Kulti. Doch der Grünen-Chef hat sich verzockt. Er rechnete mit einem Erfolg der Jamaika-Verhandlungen – und mit einem Ministerposten. Doch beides klappte nicht. Das zweite Problem: Der kämpferische Redner wäre gerne Fraktionsvorsitzender statt Parteichef geworden, doch er blitzte mit diesem Vorstoß in den eigenen Reihen ab. So ist er im Moment erstmal raus aus dem Geschehen.

Grünen-Parteitag: Drei „Neue“ kandidieren

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  • Die niedersächsische Fraktionschefin Anja Piel (54) kandidiert für den Parteivorsitz. Sie wird dem linken Parteiflügel zugerechnet. Die gelernte Industriekauffrau wirbt dafür, das soziale Profil der Grünen zu schärfen. Bei Fragen der Gerechtigkeit würden die Konzepte der Grünen „noch nicht genug wahrgenommen“. Die langjährige Grünen-Parteichefin in Niedersachsen gilt als bescheiden und integrer.

    Foto: Julian Stratenschulte
  • Der Grünen-Politiker Robert Habeck ist Doktor der Philosophie und freier Schriftsteller. Der Schleswig-Holsteiner will für den Parteivorsitz kandidieren, zugleich aber in der Übergangszeit sein Amt als Umweltminister in Kiel behalten. Daher verlangt er eine Satzungsänderung bei den Grünen. 2017 unterlag er nur knapp Cem Özdemir bei der Wahl um den männlichen Spitzenkandidaten der Partei.

    Foto: Carsten Rehder
  • Die 37-jährige Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock hat sich als Europa- und Klimaexpertin bei den Jamaika-Sondierungen einen Namen gemacht. Baerbock, die von 2009 bis 2013 Brandenburger Landesvorsitzende der Partei war, wird dem Realoflügel zugerechnet. Sie gilt als kämpferisch und unideologisch. Zuvor studierte sie Politikwissenschaft und öffentliches Recht in Hamburg und London.

    Foto: Georg Wendt
  • Cem Özdemir ist seit dem Jahr 2008 Bundesvorsitzender der Grünen. Das Kind türkischer Einwanderer wuchs in Schwaben auf und studierte Sozialpädagogik. Er war Bundestags- und Europaabgeordneter und 2017 zusammen mit Katrin Göring-Eckardt Spitzenkandidat seiner Partei. Der 53-Jährige kündigte an, nicht erneut für den Parteivorsitz zu kandidieren und auch nicht für den Vorsitz der Fraktion.

    Foto: Soeren Stache
  • Simone Peter (52) steht seit 2013 an der Spitze der Grünen. Im Oktober hatte die Saarländerin noch angekündigt, beim Parteitag am 26. und 27. Januar in Hannover wieder zu kandidieren. „Aber häufig kommen die Dinge anders“: Nun kündigte die promovierte Mikrobiologin ihren Rückzug an. Sie wolle sich der Erneuerung der Parteispitze nicht verschließen, schrieb die 52-Jährige in einem Brief an die Grünen.

    Foto: Soeren Stache

Seit gestern steht fest: Partei-Chefin Simone Peter , die den linken Flügel vertritt, wird ebenfalls nicht mehr antreten. Ihre Begründung: Die niedersächsische Fraktionschefin Anja Piel hat ihre Kandidatur für den Parteivorsitz erklärt. Sie vertritt ebenfalls den linken Flügel und will das soziale Profil der Partei schärfen. Simone Peter ist in vier Jahren an der Grünenspitze dagegen blass geblieben. Ihr fehlten das kämpferische Moment und der Rückhalt der Basis.

Der Parteitag in Hannover könnte die große Stunde für Robert Habeck werden. Der Kieler Landesumweltminister ist inzwischen Vordenker der Partei. Er gilt als pragmatisch, hatte 2016 in seinem Bundesland ein Jamaika-Bündnis auf die Beine gestellt. Auch die Brandenburgerin Annalena Baerbock will kandidieren. Sie genießt großen Rückhalt, doch die Klimaexpertin gilt wie Habeck als Realpolitikerin. Es wäre ein Novum, wenn zwei Realos die Partei führen.

Dass sich im Feld der Bewerber noch etwas tut, ist nach Habecks Worten gut möglich. „Es kann auch sein, dass noch ein Mann kandidiert, das halte ich für überhaupt nicht ausgeschlossen“, sagte er unlängst. Der EU-Politiker Sven Giegold hat eine Kandidatur für den Fall in Aussicht gestellt, dass Habeck eine Übergangszeit verweigert wird, in der er sowohl Landesminister als auch Parteichef sein kann. Das ist bei den Grünen nicht erlaubt. Bei all dem Stühlerücken gibt es aber auch Kontinuität: Die Fraktion der Grünen soll weiter von Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter geleitet werden.

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