Verschleiß verschlingt Milliarden
Verkehrsminister Wüst lässt Investitionsbedarf für U-Bahnen und Straßenbahnen errechnen

Düsseldorf -

Viele Städte in NRW steuern auf ein gigantisches Investitionsloch bei ihren Stadtbahnen zu. Große Teile der Gleisanlagen, Bahnsteige, Steuerungstechnik und Stromleitungen sind in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren verschlissen und müssen dringend erneuert werden. Dazu kommen neue Stadtbahn-Züge und modernisierungsbedürftige Betriebshöfe. Es geht um eine Milliarden­investition, deren Finanzierung unergründlich wie ein schwarzes Loch erscheint. Die Städte sind überfordert. NRW-Verkehrsminister Hen­drik Wüst (CDU) hat darum die Düsseldorfer Ingenieurgesellschaft Spiekermann beauftragt, in einem Gutachten den Erneuerungsbedarf bei U- und Straßenbahnen zu analysieren. Ihre Zwischenbilanz, die unserer Zeitung vorliegt, dokumentiert das Ausmaß der Abnutzung der Infrastruktur: Gleisanlagen: Von den 1740 Kilometern Schienennetz stammen die ältesten Teile noch aus den 1950er Jahren, die meisten sind zwischen 1990 und 2005 verlegt worden. Trotzdem sei ein großer Teil auch dieser jetzt 28 Jahre alten Strecken erneuerungsbedürftig. Brücken: Bis 2040 müssen den Gutachtern zufolge 83 Brücken auf den städtischen Strecken erneuert werden, 36 allein in den kommenden zehn Jahren. Haltestellen: Von den rund 2760 Bahnsteigen und Haltestellen für U- und Straßenbahnen muss gut die Hälfte bis Ende 2025 er­neuert werden, rechnen die Gutachter vor. Weitere 800 folgen in den zehn Jahren danach. Etwa 1140 Bahn­steige sind nicht an die Fahrzeughöhe angepasst. Stromversorgung: Von 2100 Kilometern Stromschienen und Stromleitungen müssen in den nächsten zehn Jahren 730 erneuert werden, weitere 360 in der folgenden Dekade.Züge: Erstaunlich ist, dass noch etwa zehn Prozent der Fahrzeuge älter als 35 Jahre sind. Die kommunalen Verkehrsunternehmen müssen neben der laufenden Modernisierung bis 2028 noch mehr als ein Drittel der Fahrzeuge erneuern.

Dienstag, 06.02.2018, 20:02 Uhr

Viele Stadtbahnen fahren auf veralteten Gleisanlagen. Auch die Stromversorgung muss vielerorts erneuert werden.
Viele Stadtbahnen fahren auf veralteten Gleisanlagen. Auch die Stromversorgung muss vielerorts erneuert werden. Foto: dpa

Viele Städte in NRW steuern auf ein gigantisches Investitionsloch bei ihren Stadtbahnen zu. Große Teile der Gleisanlagen, Bahnsteige, Steuerungstechnik und Stromleitungen sind in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren verschlissen und müssen dringend erneuert werden. Dazu kommen neue Stadtbahn-Züge und modernisierungsbedürftige Betriebshöfe. Es geht um eine Milliarden­investition, deren Finanzierung unergründlich wie ein schwarzes Loch erscheint. Die Städte sind überfordert. NRW-Verkehrsminister Hen­drik Wüst ( CDU ) hat darum die Düsseldorfer Ingenieurgesellschaft Spiekermann beauftragt, in einem Gutachten den Erneuerungsbedarf bei U- und Straßenbahnen zu analysieren. Ihre Zwischenbilanz, die unserer Zeitung vorliegt, dokumentiert das Ausmaß der Abnutzung der Infrastruktur:► Gleisanlagen: Von den 1740 Kilometern Schienennetz stammen die ältesten Teile noch aus den 1950er Jahren, die meisten sind zwischen 1990 und 2005 verlegt worden. Trotzdem sei ein großer Teil auch dieser jetzt 28 Jahre alten Strecken erneuerungsbedürftig.► Brücken: Bis 2040 müssen den Gutachtern zufolge 83 Brücken auf den städtischen Strecken erneuert werden, 36 allein in den kommenden zehn Jahren.► Haltestellen: Von den rund 2760 Bahnsteigen und Haltestellen für U- und Straßenbahnen muss gut die Hälfte bis Ende 2025 er­neuert werden, rechnen die Gutachter vor. Weitere 800 folgen in den zehn Jahren danach. Etwa 1140 Bahn­steige sind nicht an die Fahrzeughöhe angepasst.► Stromversorgung: Von 2100 Kilometern Stromschienen und Stromleitungen müssen in den nächsten zehn Jahren 730 erneuert werden, weitere 360 in der folgenden Dekade.►Züge: Erstaunlich ist, dass noch etwa zehn Prozent der Fahrzeuge älter als 35 Jahre sind. Die kommunalen Verkehrsunternehmen müssen neben der laufenden Modernisierung bis 2028 noch mehr als ein Drittel der Fahrzeuge erneuern.

So klingt teuer. Für einen ersten Erneuerungsschub der elf Stadtbahnen in NRW hat der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) bis 2025 einen jährlichen ­Bedarf von 220 Millionen Euro nur für Infrastruktur errechnet. Weitere 160 Millionen jährlich brauche es für neue Fahrzeuge. Ergibt in der Summe drei Milliarden Euro bis 2025. Fachleute erwarten, dass im Gutachten des Landes ein höherer Betrag stehen wird.

„Es ist besser, dass man sich erst mal mit dem Zustand der Stadtbahnen auseinandersetzt, bis die technisch auf einem akzeptablen Stand sind“, sagt VDV- ­Landesgeschäftsführer Volker Wente dieser Zeitung. Er rechnet vor: Auf einen Kunden bei DB Regio und privaten Bahnen kämen 2,2 Fahrgäste in den Stadtbahnen.

Der NRW-Städtetag setzt große Hoffnung in das neue Gutachten, denn zu lange sei der Erhalt der elf Stadtbahnen vernachlässigt worden: „Den Kommunen fehlten Mittel, und die Förderung durch Bund und Land war zu gering“, bilanziert Städtetag-Geschäftsführer Helmut Dedy gegenüber dieser Zeitung. „Der Bund sollte einen Beitrag dazu leisten, vormals geförderte Stadtbahnen zu erneuern und ihre Funktion langfristig sicherzustellen.“ Er schlägt vor, einen größeren Teil der für NRW bis 2031 ohnehin anwachsenden Regionalisierungsmittel des Bundes einzusetzen. 2018 stehen daraus für kommunalen Schienen-Nahverkehr fast 1,4 Milliarden Euro bereit. Dedy sieht auch das Land in der Pflicht.

Verkehrsminister Wüst hält sich bedeckt. Die Studie werde erst in der zweiten Jahreshälfte abgeschlossen, dann könne man Finanzierungsbedarf und -modelle ableiten, so eine Sprecherin.

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