Umstrittene Altersversorgung
Die Flexirente bleibt in Westfalen weit hinter den Erwartungen zurück

Münster -

Bei ihrer Einführung vor gut einem Jahr wurde sie von der Politik als Zukunftsmodell gefeiert: die Flexirente, die es ermöglicht, den Ausstieg aus dem Berufsleben sehr individuell zu gestalten. 

Donnerstag, 21.06.2018, 11:45 Uhr

Gundula Roßbach
Gundula Roßbach Foto: dpa

Noch Anfang Juni sprach Gundula Roßbach, Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung, von einem „großen Interesse“ der gesetzlich Versicherten: „Bei jeder dritten Frage zum Rentenbeginn wird auch die Frage nach der Flexirente gestellt.“ Das klingt nach einer Erfolgsidee. Doch weit gefehlt: Die Flexirente – eine Teilrente, die mit Teilzeitarbeit kombiniert werden kann – kommt bei den Versicherten überhaupt nicht gut an. Die Bewilligungszahlen sprechen Bände.

Eine Nachfrage bei der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Westfalen in Münster ergab, dass dort im Monat Mai zwar 3914 Altersrenten bewilligt wurden, aber lediglich 29 Flexirenten. In den vorausgegangenen Monaten sah das Mengenverhältnis stets ähnlich aus.

Der Effekt bleibt aus

Schaut man zurück bis in den Juli 2017, als das Flexibilisierungsgesetz in Kraft trat, kommt man in Westfalen auf folgende Zahlen: 38 523 bewilligte Altersrenten, 298 Flexirenten, 49 Teilrenten (bewilligt nach dem alten Recht).

Der von der Politik gewünschte Effekt, dass die Menschen mit einer Teilrenten-Absicherung im Geldbeutel länger im Berufsleben bleiben und das Rentensystem spürbar entlasten, geht in Westfalen bisher nicht auf.

In einem Punkt decken sich die Erfahrungen des hiesigen Rentenversicherungsträgers mit den Roßbach-Aussagen. Der Auskunfts- und Beratungsdienst der DRV Westfalen wird nicht müde, über die Flexirente zu informieren. Zwischen Januar und April wurden dort über 21 000 Besucher gezählt, die sich über ihre Rente beraten lassen wollten – mit und ohne Antragstellung.

"Die Flexirente ist nach wie vor viel zu kompliziert"

Jeder Vierte, so ein Sprecher der DRV Westfalen, erhielt dabei eine „vertiefte Beratung zur Flexirente und zu ihren individuellen Gestaltungsmöglichkeiten“. Fazit: Die Neugierde ist groß, die Entscheidung fällt aber in eine andere Richtung. Der erdachte sozialpolitische Königsweg wird nur höchst selten betreten.

Beim Bundesverband der Rentenberater war man anfangs sehr skeptisch, ob die Flexirente tatsächlich in einem nennenswerten Umfang von den Versicherten angenommen wird. Die Zahlen überraschen Verbandspräsidentin Anke Voss nicht. Wie sie gegenüber dieser Zeitung erklärte, sieht sie aber eine Ursache vor allem darin, dass „die Flexirente nach wie vor viel zu kompliziert ist“. Sie wünscht sich einfachere Regelungen, die die Möglichkeiten des flexi­blen Rentenbeginns attraktiver machen. „Viele erkennen die Vorteile nicht und denken nur an die Spitzabrechnung am Schluss.“

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