Landtagswahl in Bayern
Das Leid mit dem Liebesentzug

Berlin/München -

Die aufstrebende CSU-Jugend namens Dobrindt, Scheuer und Söder hat Horst Seehofer im März aus dem Amt des bayerischen Ministerpräsidenten gedrängt, um der Gewissheit näherzutreten, dass die regierungsverwöhnte Partei durch diese begonnene personelle Erneuerung bei der Landtagswahl am Sonntag ihre absolute Mehrheit würde behaupten können. 

Samstag, 13.10.2018, 11:00 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 13.10.2018, 10:54 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 13.10.2018, 11:00 Uhr
Landtagswahl in Bayern: Das Leid mit dem Liebesentzug
Die nächste Runde im Machtkampf zwischen CSU-Chef Seehofer (links) und Ministerpräsident Söder (rechts) kündigt sich an: Die Meinungsumfragen lassen eine schwere Niederlage für die erfolgsverwöhnte CSU erahnen. Foto: imago; Grafik: Lisa Stetzkamp

Diese Rechnung geht nicht auf, denn der „Staatspartei“ droht mit Stimmenverlusten von wahrscheinlich mehr als zehn Prozent ein Fiasko – und damit der Verlust der Mehrheit. Neu-Ministerpräsident Söder und Immer-noch-CSU-Parteichef Seehofer schieben sich bereits vorher gegenseitig die Schuld für diese Misere in die Schuhe.

Söder hat sich das alles freilich ganz anders vorgestellt. Im kleinen Gesprächskreis wirkt er mit Blick auf den zu erwartenden Liebesentzug durch die bayerischen Wähler ein wenig gekränkt, ja beleidigt. Ganz offenbar trägt er schwer an der Erkenntnis, dass ein Großteil dieser Wähler es ihm und der CSU nicht dankt, dass es dem Land und den dort lebenden Menschen so gut geht; diesen quasi selbstverständlichen Dank aber erwartet der 51-Jährige eigentlich. Er und andere CSU-Größen weisen in diesen Tagen gern darauf hin, dass die vielen Neu-Bayern, die wegen attraktiver Arbeitsplätze in den Süden der Republik gekommen sind, eben politisch nicht „CSU-sozialisiert“ seien . . .

Aufschwung der Grünen

Söder und Seehofer eint aktuell nur dies: Ihnen fehlt ein Rezept gegen die AfD, die im CSU-Lager eifrig Stimmen sammelt und sicher in den Landtag einziehen wird. Weder das Ignorieren der Rechtsnationalen noch das Kopieren einiger ihrer Thesen oder die Frontalangriffe auf die neue Polit-Konkurrenz konnten der AfD etwas anhaben.

Landtagswahl in Bayern: Die Spitzenkandidaten

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  • Markus Söder (CSU, 51): Der Ziehsohn von Ex-CSU-Chef Edmund Stoiber war CSU-Generalsekretär, Europaminister, Umweltminister und schließlich Finanzminister. Kritiker werfen dem Juristen vor, seine Karriere penibel geplant zu haben, halten ihm einen übertriebenen Ehrgeiz vor. Außerhalb Bayerns gilt er vielen als Scharfmacher und Populist. Er ist verheiratet und vierfacher Vater.

    Foto: Sven Hoppe
  • Natascha Kohnen (SPD, 50): Sie ist so etwas wie der personifizierte Gegenentwurf zu Söder. Kohnen mag die Grobheiten des Politikgeschäfts nicht, ihre Kritiker werfen ihr einen zu stillen Wahlkampf vor. Die geschiedene zweifache Mutter ist eine Quer- und Späteinsteigerin. Ein SPD-Parteibuch hat die studierte Biologin, die als Lektorin arbeitete, erst seit 2001, im bayerischen Landtag sitzt sie seit 2008. 2009 wurde sie Generalsekretärin. Im Mai 2017 schließlich wurde Kohnen zur neuen SPD-Landesvorsitzenden gewählt.

    Foto: Lino Mirgeler
  • Hubert Aiwanger (Freie Wähler, 47): Mangelndes Engagement kann Aiwanger niemand vorwerfen. Der ledige Agraringenieur und zweifache Vater ist in Personalunion Landesvorsitzender, Landtagsfraktionschef, Bundesvorsitzender und Spitzenkandidat. Im Landtag ist er eine Ausnahmeerscheinung, viele halten ihn für einen politisch begabten Populisten. Innerparteilich wird ihm von Kritikern ein egozentrischer und autoritärer Führungsstil vorgeworfen.

    Foto: Lino Mirgeler
  • Die Grünen haben traditionell zwei Spitzenkandidaten. Katharina Schulze (33), ledig, keine Kinder, ist eindeutig der lautere Part des Doppels: auf Demonstrationen omnipräsent, in Reden und Debatten kämpferisch und engagiert. 2013 zog sie erst in den Landtag ein, machte eine steile Karriere, stieg 2017 zur Fraktionschefin auf...

    Foto: Tobias Hase
  • Ludwig Hartmann (40), ledig, ein Kind, stammt aus einer durch und durch grünen Familie und zog 2008 in den Landtag ein. Dort hat sich der Kommunikationsdesigner einen Namen als Energieexperte gemacht. Er gilt als ehrgeizig und als ein Mann markiger Worte.

    Foto: Tobias Hase

Ihr Glück kaum fassen können die Grünen, die inzwischen mit fast 20 Prozent gehandelt werden und mit der erst 33-jährigen Spitzenkandidatin Katharina Schulze einen neuen und sympathischen Polit-Star aufgebaut haben. Der grüne Aufschwung speist sich aus unzufriedenen CSU- und SPD-Anhängern, die mit einer eher bürgerlich daherkommenden Alternativ-Partei offenbar keine Probleme haben.

Vor 15 Jahren noch über 60 Prozent der Stimmen

Ein schwarz-grünes Bündnis aber gilt wegen großer programmatischer Differenzen als eher unwahrscheinlich; aber auch deshalb, weil sich die Berliner Grünen dann in der stets heftig geführten Auseinandersetzung mit den Berliner Christsozialen doch deutlich würden zurücknehmen müssen.

Die bayerische SPD spielt in den Koalitions-Überlegungen keine Rolle. Mit ihrer Spitzenkandidatin Natascha Kohnen wird die Sozialdemokratie bei elf Prozent gehandelt – ein Desaster. Inwieweit die neue SPD-Bundesvorsitzende Andrea Nahles hier in die Mitverantwortung gezogen wird, bleibt abzuwarten. Gleiches gilt übrigens für Angela Merkel, die beim CSU-Scherbengericht auch nicht ungeschoren davonkommen dürfte. Insoweit sind neue großkoalitionäre Turbulenzen in Berlin nach dem sonntäglichen Wahlabend in München alles andere als ausgeschlossen.

Zur Erinnerung: 2003 erzielte die CSU bei der Landtagswahl mit über 60 Prozent der Stimmen eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Lang ist’s her . . .

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