Interview mit Nachhaltigkeitsforscher
Plastik-Verbot: Die wichtige Suche nach Alternativen

Münster -

Trinkhalme, Geschirr, Wattestäbchen: Das EU-Parlament möchte Einweg-Produkte aus Plastik verbannen. Ein guter Anfang, findet Tobias Gumbert,der an der Uni Münster in den Bereichen internationale Beziehungen und nachhaltige Entwicklung forscht. Im Interview mit unserer Redakteurin Anna Spliethoff erklärt er, ob das Verbot bereits ausreicht.

Freitag, 26.10.2018, 13:08 Uhr
Interview mit Nachhaltigkeitsforscher: Plastik-Verbot: Die wichtige Suche nach Alternativen
Vermüllte Strände und Meere: Plastik-Verpackungen sorgen weltweit für Umweltprobleme. Foto: dpa

Ist die Richtlinie ein erster guter Schritt, um Plastik-Müll zu reduzieren?

Thomas Gumbert : Es ist ein guter Schritt, weil die Plastik-Produktion endlich sichtbar auf die politische Agenda gerückt wird. Positiv hervorheben sollte man, dass es nicht nur um Verbote und Reduktionen geht, sondern auch um die Verantwortung von Produzenten. Das sind alles Aspekte, die sehr progressiv sind. Gleichzeitig muss man auch sagen, dass der zunehmende Fokus auf Einweg-Verpackungen erstmal in Richtung Symbol-Politik geht.

Das heißt?

Gumbert: Es sind gar nicht so viele Akteure betroffen. Plastik-Besteck, Plastik-Halme - das betrifft nur ausgewählte Industrien. Der Handel kann hier Produkte relativ einfach aus dem Handel nehmen und sich so ein gutes öffentliches Image sichern. Es sind sehr vorsichtige Annäherungen, aber es ist ein wichtiger erster Schritt.

Aber es reicht wohl nicht aus, Einweg-Produkte zu verbieten. Was ist noch notwendig?

Gumbert: Das Bundesumweltamt hat für das Jahr 2012 berechnet, dass Coffee-To-Go-Behälter, Einwegbecher für Kaltgetränke und kleinere Einweg-Produkte in Deutschland in einer Höhe von 106.000 Tonnen angefallen sind. Gleichzeitig ist der Verpackungsmüll auf Haushaltsebene in Deutschland mit 16,6 Millionen Tonnen beziffert worden. Das macht einen Anteil von 0,64 Prozent aus.

Das ist verschwindend gering. Dementsprechend sehen wir, dass die Verpackungsmüll-Produktion ganz andere Dimensionen hat. Die klassischen Lebensmittel-Verpackungen werden jetzt noch nicht adressiert, weil es sehr viel mehr Akteure betrifft und sehr viel mehr Diskussionen verursacht. Das wäre nichtsdestotrotz ein wichtiger Schritt.

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Tobias Gumbert ist Politikwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung der WWU Münster. Foto: WWU Münster

In der Richtlinie sind mehrere Ausnahmen vorgesehen - zum Beispiel Trinkhalme, die für medizinische Zwecke genutzt werden. Was halten Sie davon?

Gumbert: Zunächst muss man sagen, dass die Ausnahmen für hygienische Zwecke schlicht notwendig sind, um Gesundheitsrisiken vorzubeugen. Die Ausnahmen zeigen, dass Plastik als Material nicht per se zu verteufeln ist.

Kunststoffe können im Vergleich zu Metallen auch eine umweltfreundlichere Alternative sein. Es geht viel mehr darum, genauer hinzuschauen, wo Kunststoffe tatsächlich zwingend notwendig - und wo sie überflüssig sind.

Diese Plastikprodukte will die EU verbannen

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  • Einweggeschirr, Strohhalme, Wattestäbchen und Ballonhalter aus Plastik sollen in der Europäischen Union verboten werden, um Umwelt und Meere besser zu schützen. Diese Produkte stehen auf der Verbotsliste:

    Foto: Stefan Sauer
  • Plastikbesteck

    Foto: Patrick Pleul
  • Strohhalme

    Foto: Patrick Pleul
  • ausrangierte Fischernetze

    Foto: Oskar Skumial
  • Ohrenstäbchen

    Foto: Colourbox
  • Zigarettenstummel

    Foto: Martin Gerten
  • Becher und Deckel

    Foto: Sebastian Gollnow
  • Luftballons und Ballonhalter

    Foto: Colourbox
  • Plastiktüten

    Foto: dpa
  • Plastikflaschen

    Foto: Matthias Ahlke
  • Lebensmittelverpackungen von Fastfood

    Foto: Jochen Tack
  • Verpackung von Süßigkeiten und Chips

    Foto: Armin Weigel
  • Hygieneprodukte und Feuchttücher

    Foto: Colourbox

Bio-Gurke und Paprika in Plastik

Können sie Beispiele nennen?

Gumbert: Muss die Bio-Gurke durch eine Plastik-Einweg-Verpackung von der konventionellen Gurke unterschieden werden? Muss die Paprika im Dreierpack in Plastik eingeschweißt sein? Das sind Fragen, die ein bisschen komplexer sind, weil es auch um Lagerung, Transport und Schutz geht. Aber das sind alles Beispiele dafür, wo man sich die Nutzung von Kunststoffen genauer anschauen muss.

Verbraucher sollen durch die Richtlinie verstärkt auf Umwelt-Schäden hingewiesen werden, die Kunststoffe anrichten. Ist es wichtig, dass Menschen darüber informiert werden?

Gumbert: Hier würde ich Ja und Nein sagen. Wenn Kunststoffe in die Umwelt gelangen, kann das Effekte haben, die nicht abzusehen und im Zweifelsfall immer negativ sind. Gleichzeitig geht es um die Nutzung. Die Plastiktüte ist ein gutes Beispiel dafür, weil sie in vielen Haushalten nicht nur einmal benutzt und dann weggeworfen wird. Deswegen ist das Material gar nicht so sehr zu verteufeln.

Es geht nicht darum, noch mehr Informationen auf Verpackungen zu drucken. Man müsste sich überlegen, wie man Maßnahmen anstoßen kann, die die Urteilskraft von Bürgern stärken. So kann man Bürger eher dazu bringen, mal darüber nachzudenken, welche Alternativen es gibt.

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Bunte Trinkhalme aus Plastik gehörten wohl lange zu Kindergeburtstagen und anderen Parties. Bald sollen sie in der EU verschwinden. Foto: Patrick Pleul/dpa

Das können Verbraucher tun

Allerdings gibt es nicht in jeder Stadt Läden, in denen man verpackungsfrei einkaufen kann. Reicht es, wenn ich meinen Verpackungsmüll richtig entsorge - zum Beispiel im Gelben Sack?

Gumbert: Ein Fehlschluss wäre es, zu sagen: "Wir sind in Deutschland Recycling-Weltmeister, wir trennen Müll und gehen daovon aus, dass die Sachen gut entsorgt werden." Dann wäre es ja kein Problem, Plastik zu verbrauchen. Studien zeigen aber, dass es eigentlich gar nicht so einfach ist.

Selbst in Deutschland wird noch etwa 50 Prozent des Materials, das im Gelben Sack gesammelt wird, verbrannt, weil es nicht wiederverwertet werden kann. Richtig Müll trennen löst das Problem also nicht. Denn wenn man dieses Denken verinnerlicht hat, wird sogar noch mehr Plastik verbraucht.

Was kann ich sonst tun?

Gumbert: Wenn man über die individuelle Ebene geht, kann man versuchen, jenseits des Supermarktes einzukaufen, wenn die Infrastruktur vorhanden ist. Oder man schaut, dass der Plastikfußabdruck relativ gering ist.

Kollektiv geht es gleichzeitig auch immer darum, die Infrastruktur einzufordern und es in den politischen Prozess zu bringen, und sei es nur mit einer E-Mail an die Verwaltung. Das ist natürlich ein größerer Aufwand, als im Supermarkt eine Entscheidung zu treffen, aber da kommen wir langfristig nicht drumherum.

Es würde ja vermutlich schon helfen, wenn ich statt des Dreierpacks Paprika in Plastikverpackung drei einzelne nehme, die nicht verpackt sind....

Gumbert: Genau, rein von den Effekten her kann man das nicht von der Hand weisen. Aber auch hier liegt die Gefahr nah, zu denken: Wenn doch nur jeder das Möglichste tut, löst sich das Problem von selbst. Es entsteht die Vorstellung, dass Produkte nicht mehr angeboten werden, wenn viele Konsumenten verantwortungsbewusst handeln.

Ganz so einfach ist es leider nicht. Die Industrie ist auch aus Kostengründen auf die Produktion und die Verwendung von Kunststoffen angewiesen. Hier muss man breiter über Alternativen nachdenken.

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Einweg-Geschirr soll ebenfalls der Vergangenheit angehören. Foto: Patrick Pleul/dpa

Verzicht als einzige Möglichkeit

Die Richtlinie wird voraussichtlich erst 2021 in Kraft treten. Ist das zu spät? Hätte man früher etwas tun müssen?

Gumbert: Die Zeiträume sind nicht unwichtig, weil es um die Umsetzung nationaler Reduktionssziele geht. Erst müssen sich die Mitgliedsstaaten verständigen, dann muss national verhandelt werden. Im demokratischen Prozess braucht die unterschiedliche Interessensberücksichtigung seine Zeit.

Das ist wichtig, weil beschleunigte Verfahren oft dazu führen, dass Industrie-Interessen stärker gewichtet werden. Gleichzeitig müssen Betroffene die Zeit haben, sich auf die Veränderungen einzustellen und Alternativen zur Marktreife zu führen.

Viele Alternativen gibt es schon: Tüten wurden verbannt oder sind kostenpflichtig. Bringen diese Alternativen etwas?

Gumbert: Bei den reinen Zahlen sind das geringe Effekte. Es ist gut, dass es solche Alternativen gibt und einzelne Personen darauf ausweichen. Aber es müsste viel stärker beworben werden. Es sollte klar sein, dass es keine andere Möglichkeiten mehr gibt.

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