Vor den USA-Zwischenwahlen
700 Meilen durch Amerika: Reise durch ein gespaltenes Land

Cincinnati/Washington -

Wie geht es den Durchschnittsamerikanern weit ab der Großstädte an der Ost- und Westküste in den USA? Wie ticken sie rund zwei Jahre nach der Wahl Donald Trumps kurz vor den Zwischenwahlen am 6. November? Hat sich ihre Lage verbessert oder verschlechtert? Unsere Politik-Redakteurin Claudia Kramer-Santel hat sich auf den Weg gemacht. Sie fuhr von Cincinnati aus durch einige der ärmsten Bundesstaaten mit großer Trump-Anhängerschaft nach Washington. Sie lernte ein Amerika kennen, in dem die Menschen kaum noch wagen, über Politik zu reden.

Freitag, 02.11.2018, 12:25 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 02.11.2018, 10:38 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 02.11.2018, 12:25 Uhr
Vor den USA-Zwischenwahlen: 700 Meilen durch Amerika: Reise durch ein gespaltenes Land
Donald Trump (r), Präsident der USA, spricht während einer Wahlkampfveranstaltung in Florida. Foto: Susan Walsh/AP/dpa

„Wir starten unseren Landeanflug auf den Cincinnati/Northern Kentucky International Airport!“ 40 Flugminuten von Chicago entfernt rückt der Ohio River im Herbstsonnenschein immer näher. Am Flughafen ist es ruhig geworden, seitdem die US-Flug­linie Delta Air Lines ihren großen Knotenpunkt geschlossen hat. Nur wenige internationale Business-Reisende verirren sich hierhin. Hinter der Gepäckausgabe warten Menschen in karierten Hemden, Kappen, Jeans.

Über die Autobahn 71 sind es mit dem Automatik-Van nur ein paar Minuten nach Covington/Kentucky. Brauereien, ein „Hofbräuhaus“, ­katholische Kirchen – Spuren deutscher Einwanderer überall. Gegenüber des Ohio River liefert die Skyline von Cincinnati den perfekten Hintergrund. Die Idylle trügt. „Wissen Sie, die Stimmung ist hier inzwischen so aufgeheizt, wir reden nicht mehr über Politik“, sagt Tom Brinkmann , ein Rentner mit Wurzeln im Emsland, der den Garten der schmucken Benedikt-Kirche harkt. Viele der alten Südstaatenhäuser rundherum verfallen. Brinkmann hat sich längst in einem Vorort ein komfortableres Anwesen zugelegt. Er kommt nur zurück, um etwas für die Kirche seiner Kindheit zu tun, die wie eine Insel der Seligen inmitten von Armut erscheint.

Von Cincinnati nach Washington

1/11
  • Angekommen: das Washington Monument in Washington.

    Foto: Claudia Kramer-Santel
  • In West Virginias Bergen sieht es triste aus.

    Foto: Claudia Kramer-Santel
  • Die obdachlose Sandy in der Church Church Street in Charleston/West Virginia mit ihrem kleinen Hund.

    Foto: Claudia Kramer-Santel
  • Überall Wahlschilder: Selbst auf den Grundstücken zeigen die US-Bürger, welche Kandidaten sie bevorzugen.

    Foto: Claudia Kramer-Santel
  • Die ehemalige Kampfpilotin Amy McGrath spricht in einer Reithalle. Sie ist eine der Hoffnungsträgerinnen der Demokraten.

    Foto: Claudia Kramer-Santel
  • Heruntergekommenes Haus in Covington/Kentucky.

    Foto: Claudia Kramer-Santel
  • Eine arme Nachbarschaft nahe Cincinnati. Hier gibt es viele Wahlschilder der Demokraten.

    Foto: Claudia Kramer-Santel
  • Trump-Toilettenpapier. In Washington ein Verkaufsschlager.

    Foto: Claudia Kramer-Santel
  • Kristen Arant:»Ich habe die Heroinsucht überlebt. Doch viele brauchen hier Hilfe.«

    Foto: Claudia Kramer-Santel
  • 700 Meilen durch Amerika: Redakteurin Claudia Kramer-Santel fuhr von Kentucky über West Virginia und Maryland nach Washington.

    Foto: Claudia Kramer-Santel
  • Journalismus-Studenten der Northern Kentucky University in Cincinnati: »Wir reden hier nicht mehr viel über Politik.

    Foto: Claudia Kramer-Santel

Schnell wird klar: Viele Menschen fühlen sich in der ehemaligen Kohleregion nicht nur ökonomisch abgehängt, sondern unverstanden mit ihren konservativen Werten, die rund um die Themen Familie, Religion und Patriotismus kreisen. Sie sind davon überzeugt: Donald Trump macht ihre Welt endlich sichtbar. Erst vor zwei Tagen war er in East Kentucky bei einer Wahlveranstaltung für die Midterm Elections am 6. November. Mit seinem Versprechen, neue Jobs zu schaffen, eroberte er 2016 das Land. Er bekam in Kentucky 62,5 Prozent der Stimmen. Nur zwei der 120 Counties gingen an die Demokraten. Doch wie sieht es heute aus?

Drogenepidemie im Nordosten der USA

Frühstück im einfachen Comfort Suites Motel in Covington: Es gibt Kaffee aus Pappbechern, Pfannkuchen, Eier – die Gäste schauen schweigend Nachrichten im Lokalsender WCPO. Das Wetter, Football, dazu ein Lotto-Jackpot. Dazwischen immer wieder Wahlwerbung. Mal die Demokraten, die auf Versöhnung, soziale Themen und neue Gesichter setzen. Die Republikaner schlagen durchweg schärfere Töne an, greifen den Gegner direkt an: „Die Demokraten lügen!“ Es sind einfache Slogans: Gegen Einwanderer, für Jobs. Zeitungen spielen kaum noch eine Rolle. Trump-Fans nähren ihr Weltbild mit dem Fernsehund Radiosender „Fox News“. Demokraten muntern sich mit Daily Shows wie der von Trevor Noah auf.

thumbnail-015

Kristen Arant:»Ich habe die Heroinsucht überlebt. Doch viele brauchen hier Hilfe.« Foto: Claudia Kramer-Santel

Ein paar Blocks weiter treffen sich Sozialarbeiter. Es geht um die Drogenepidemie, die nirgendwo so schrecklich wütet wie hier im Nordosten der USA. „Es liegt doch daran, dass die Menschen sich nicht genug an Jesus orientieren“, ist Jerry Wallace überzeugt. Seine Organisation „Angel Tree“ hilft Kindern der Abhängigen. Kristen Arant, eine zarte blonde 32-jährige Frau, sieht es anders. Alles begann damit, dass Ärzte ihr starke Schmerzmittel, Opioide, verschrieben. „Die haben mich abhängig gemacht.“ Später habe sie dann Heroin genommen, landete auf der Straße, habe für Geld furchtbare Dinge getan. Ihren Sohn habe sie in Pflege gegeben. Doch sie habe irgendwann die Kurve gekriegt. Heute sei sie Sozialarbeiterin. Trump habe nur wenig gegen das Problem getan: „Wir brauchen Hilfe.“

Dr. James Brown leitet in der Nähe eine Medical School. „Hier habe ich bis zu zehn Fälle von Überdosis am Tag. Die meisten sterben. Es gibt keine Familie mehr, die nicht von dem Problem betroffen ist.“ Inzwischen sind viele zudem auf Fentanyl umgestiegen, eine noch viel härtere synthetische Droge.

Massiver Widerstand gegen die Republikaner

Beunruhigend ist die Lage auch am nächsten Morgen an der Northern Kentucky University nahe Covington. Die Journalistik-Studenten drucksen herum. Politik? Darüber wollen sie nicht reden. Sie sind in ein Pro- und ein Contra-Trump-Lager gespalten. Kiara Reece wagt erst nach dem Seminar ein Statement: „Wir diskutieren nicht mehr. Wir haben Angst, dass alles dann außer Kontrolle gerät. Irgendwann wird es gewalttätig.“ Jede Diskussion werde sofort emotional. „Deshalb weichen alle auf Facebook aus, wo die Meinungen dann ungebremst aufeinanderprallen.“ Ihr Nachbar Zackary Pizzano gibt zu, Trump-Fan zu sein. Ihm geht es wie vielen um das Recht, Waffen zu tragen, um sich verteidigen zu können. Man fragt sich: Hat er etwa jetzt eine dabei?

Elizabeth erzählt, dass viele Studenten Probleme haben, einen Job zu finden. Sie ziehen wieder zu den Eltern. Auch wer arbeitet, wird durch das Abzahlen der teuren Studiengebühren zurückgeworfen. „Die Generation der 20er wirkt gebrochen. Die meisten wählen gar nicht, sie sind apathisch“, meint Mary Kay Fleming, Psychologie-Professorin an der katholischen Mount St. Joseph Universität. „Trump hat in zwei Jahren eine Sprache voller Hass geprägt und er führt eine persönliche Vendetta gegen Obama.“

student-052

Journalismus-Studenten der Northern Kentucky University in Cincinnati: »Wir reden hier nicht mehr viel über Politik.« Foto: Claudia Kramer-Santel

Eine Fahrstunde südlich in Versailles/Kentucky prägen gediegene Gestüte, Bourbon-Whiskey und altes Geld die Gegend. Hier regt sich in einer vollen Reithalle massiver Widerstand gegen die Republikaner. „Es sind nur noch ein paar Tage! Es geht nicht um die Partei, es geht um das Land! Klopft an jede Tür!“ Amy McGrath ist Geheimtipp der Demokraten. Sogar die „New York Times“ hat der forschen Ex-Kampfpilotin, die einen Sitz im Kongress gewinnen möchte, einen Artikel gewidmet. Die dreifache Mutter trägt Stiefel, Jeans, eine alte Fleecejacke. Später umarmt sie geduldig jeden, der für ein Gespräch und ein Selfie mit ihr ansteht. Herzlichkeit – eine sanfte Anti-Trump-Strategie. 183 Demokratinnen kandidieren in den USA. Wer hat von ihnen das Zeug, Trump Paroli zu bieten?

Konzert von Trump-Freund Lee Greenwood

Weiter geht‘s in die Berge an die Grenze zum bettelarmen West Virginia. Hier hat Trump 2016 einen seiner größten Erfolge eingefahren. Lunch im Restaurant „Denny’s“ mit den Schwestern Miller. Bei sind in den 70ern – und streiten sich seit der Wahl permanent. Sie wohnen zusammen draußen in den Appalachen. Doch Betty ist Trump-Fan, zum Entsetzen ihrer Schwester Sandra. „Manchmal reden wir den ganzen Tag nicht miteinander.“ Betty hat gerade eine Rentenkürzung erfahren, die auf das Konto der Republikaner ging. Hat sich durch Trump überhaupt etwas zum Positiven verändert? „Nein“, sagt sie offen. Doch sie hält ihm die Treue. „Wissen Sie, es fing doch mit Obama an. Man konnte ihm doch einfach nicht trauen.“ Schwester Sandra schüttelt ratlos den Kopf: „Das sind Gefühle, keine Argumente!“

USA 081-024

Die ehemalige Kampfpilotin Amy McGrath spricht in einer Reithalle. Sie ist eine der Hoffnungsträgerinnen der Demokraten. Foto: Claudia Kramer-Santel

Es wird einsam auf der ­Interstate 64. Bis zur Tankstelle muss man auf einer Nebenstraße 19 verschlungene Meilen durch die Berge fahren. Vorbei an herunter­gekommenen Wohncontainern der „Hillbillies“, die sich an der Tankstelle mit Bier, frittiertem Fisch und allerlei Auto- oder Angelzubehör versorgen. Es fängt an zu schneien. Schnell zurück!

Das Facebook-Video wird geladen

Endlich in West Virginias Hauptstadt Charleston angelangt, geht es zum Konzert von Lee Greenwood. Die in die Jahre gekommene Ikone der patriotischen Countrymusik ist erklärter Trump-Freund. Er spielt zur Eröffnung der renovierten Musikhalle vor Sponsoren. „Good Bless the US“ – bei seinem bekanntesten Song stehen alle der zumeist betagten ­reichen Paare ergriffen auf.

Gespaltene Gemeinde

„Wie schön! Ein Gast aus Deutschland! Kommen Sie doch herein!“ Am Sonntag beginnt der Gottesdienst der Baptisten in Charleston um Punkt elf Uhr. „Oh Happy Day“, jubelt der Chor. Nach der Messe spricht der Pastor unter vier Augen Tacheles. Rund um seine Kirche hätten die Drogen inzwischen alles kaputtgemacht. Und er sei tief besorgt über Trump: „Er ist verrückt.“ Bei einer Niederlage könne dieser Mann aber erst recht gefährlich werden, wie ein verwundetes Tier, das um sich beiße. Auch seine Gemeinde sei gespalten, viele Trump-Fans finanzierten aber seine Kirche, er könne das alles nicht laut sagen.

IMG_2639

700 Meilen durch Amerika: Redakteurin Claudia Kramer-Santel fuhr von Kentucky über West Virginia und Maryland nach Washington. Foto: privat

Die nur wenige Fahrstunden entfernte Hauptstadt Washington erscheint nach diesen Tagen wie eine andere Welt. Pausenlos düsen Flugzeuge über den Potomac River. Die Menschen drängeln sich nach der Arbeit in Bioläden. Im Café „Paul‘s“ sorgt sich Professor Stephen Billet um die demokratische Kultur der USA. Er hofft auf einen Sieg der Demokraten im Re präsentantenhaus. „Es kommt nun auf die weiblichen Wähler an.“ Im Kennedy-Center haucht an diesem Abend die kapriziöse Sängerin Martina Fiserova Nachdenkliches ins Mikrofon: „Wenn der Wind härter weht, wird es schwer, die Augen zu öffnen.“ Die Gäste sinnieren später bei einem Glas Chardonnay über diese Worte. Vicki bringt es auf den Punkt: „Mein eigenes Land ist mir fremd geworden. Wer öffnet uns endlich die Augen?“

na_Claudia_in_Amerika-page-001
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6161058?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F199%2F
„40 Millionen Euro werden bei Weitem nicht ausreichen.“
Stadion-Debatte im Rat : „40 Millionen Euro werden bei Weitem nicht ausreichen.“
Nachrichten-Ticker