Fünfter Jahrestag der Maidan-Proteste
An allen Fronten im Krisenmodus

Kiew -

Der erste Schneefall des nahenden Winters lässt Kiew bibbern. Die Menschen in der ukrainischen Hauptstadt wurschteln sich auf dem Weg ins Büro oder zum Einkauf irgendwie durch. So wie auch sonst im Alltag. Leicht fällt dieser den meisten in dem krisengeschüttelten Land ohnehin nie.

Montag, 19.11.2018, 09:28 Uhr aktualisiert: 19.11.2018, 09:30 Uhr
Schautafeln und eine Ausstellung erinnern an die Bürgerproteste auf dem zentralen Unabhängigkeitsplatz im Herzen Kiews, wo vor fünf Jahren die Revolution der Würde ihren Anfang nahm.
Schautafeln und eine Ausstellung erinnern an die Bürgerproteste auf dem zentralen Unabhängigkeitsplatz im Herzen Kiews, wo vor fünf Jahren die Revolution der Würde ihren Anfang nahm. Foto: Dirk Anger

Die Wirtschaft lahmt seit Jahren, der militärische Konflikt mit von Russland unterstützten Separatisten im Osten des Landes und die russische Annexion der Krim verschärfen die Lage. Gleichzeitig sind die Gaspreise hoch, die Renten klein. Zu allem Überdruss noch Korruption.

Was bleibt, wenn es dann auch beim Fußball schlecht läuft? „Lachen“, entgegnet Taxifahrer Arthur, als er den Seat auf dem Weg vom Flughafen Boryspil vor den Toren des Zentrums – vorbei an schmucklosen, in den Himmel ragenden Wohnburgen teils sozialistischer Prägung – geschickt durch den dichten Verkehr ins Herz der Drei-Millionen-Einwohner-Metropole lenkt. „Lachen in Zeiten des Krieges – in Kiew spürt man zum Glück nicht so viel vom Konflikt im Osten.“ Doch der gräuliche Himmel, der sich dieser Tage über die Stadt legt, scheint eher den wahren Gemütszustand vieler Bürger in dem weitläufigen Land mit seinen rund 43 Millionen Einwohnern widerzuspiegeln.

An diesem Mittwoch jährt sich der Jahrestag des Beginns der weltweit beachteten Bürgerproteste auf den Straßen der ukrainischen Metropole – für einen Weg nach Europa und gegen Vereinnahmung durch den starken Nachbarn Russland. Aber das Feuer der Begeisterung, das sich ab 2013 im Zuge des sogenannten Euromaidans in der Metropole am mächtigen Strom Dnepr breitgemacht hat, ist längt abgekühlt. Eingefroren die Hoffnung auf Veränderungen, ein besseres Leben.

Als am 21. November 2013 die ersten Bürgerproteste beginnen, weil der ungeliebte, russlandfreundliche Präsident Viktor Janukowitsch das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union nicht unterzeichnen will, lässt sich kaum absehen, dass später Hunderttausende auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew demons­trieren werden – genauso wenig wie das bittere Ende: Im Februar 2014 bezahlen rund 100 Menschen bei der Revolution der Würde, wie sie später heißt, ihre Forderungen mit dem Leben. Nur ein kleiner Teil dieser Tragödie ist bislang strafrechtlich aufgearbeitet. Rechtsanwälte beklagen das schleppende Vorgehen.

Als „himmlische Hundertschaft“ wird seitdem das Erbe der Getöteten bewahrt. An der Institutcka-Straße, die vom Hügel hinunter zu Khreschatyk-Boulevard und Maidan führt, hängen ihre Fotos an den Bäumen: junge Köpfe, aber auch Gesichter mit Furchen des Lebens – alle gestorben im Kampf um den Wunsch nach mehr Freiheit und Bürgerrechten.

An den Straßensperren von einst, die am Rand wie stolze Heiligtümer bewahrt werden, liegen nicht nur kurz vor dem Jahrestag frische Blumen. Die blau-gelben Nationalfarben wehen überall in der Stadt im Wind, vor allem an den Orten der Revolution, deren Blutzoll sich eingebrannt hat ins Gedächtnis des Landes.

Janukowitsch flieht 2014 über Nacht, im Sommer wählen die Ukrainer den Süßwarenfabrikanten und Multimillionär Petro Proroschenko, einen der reichsten Männer des Landes, zum Staatspräsidenten. Einer, der damals an den „Schokoladenkönig“ geglaubt hat, sitzt seitdem im Parlament – und ist maßlos enttäuscht. Der frühere Investigativ-Journalist Mustafa Najem hat nach den Maidan-Wirren die Seiten gewechselt, versehen mit der Hoffnung, dass Poroschenko die Zivilgesellschaft stärken würde. Heute sagt er: „Wir haben keinen Reformer gewählt.“ Noch schlimmer: „Er hat die Hoffnung der Menschen getötet.“

Poroschenko habe ihnen damals „ein besseres Leben und Frieden“ versprochen, erinnert sich Najem. Längst schreibt das Minsk-Protokoll auf dem Papier zwar einen Waffenstillstand im Osten des Landes fest. Gekämpft, geschossen wird an der Konfliktlinie aber fast jeden Tag – und es gibt Tote in Europas Osten. Eine Lösung dort wie auf der Krim steht in den Sternen. Denn der Schlüssel dafür liegt im Kreml in Moskau. „Es gibt keine militärische Lösung für diesen Konflikt“, stellt Najem nur fest.

Nicht allein der Konflikt mit Russland belastet die Menschen: „Poroschenko bleibt kein Freund von Zivilgesellschaft und Medien.“ Er kämpfe nicht gegen Korruption, behauptet Najem. Allerdings hat es im Medizin- wie im Banken- und Energiebereich durchaus messbare Fortschritte gegeben, wie mehrere Seiten bestätigen.

Die leiderprobte Bevölkerung spürt jedoch im täglichen Leben offenbar nicht allzu viel von diesen Veränderungen. „Die Menschen sind skeptisch und enttäuscht“, meint der Abgeordnete. Trotzdem sieht es so aus, dass bei der im März 2019 anstehenden Präsidentschaftswahl mit Poroschenko und der früheren Ministerpräsidentin Julia Timoschenko erneut altbekannte Gesichter das Rennen maßgeblich bestimmen.

Wenigstens der Kampf um das eigene Land, das auf der Krim von den Russen besetzt und in den sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk praktisch kaum zugänglich ist, eint die meisten Ukrainer und befördert zugleich nationalistische Umtriebe. So mischt sich in den fünften Jahrestag des Beginns des Euromaidans für die Ukraine ein bitterer Beigeschmack.

Probleme ohne Ende

Die Ukraine ist das flächenmäßig größte Land, das komplett in Europa liegt. Die wirtschaftliche Situation ist schlecht. Industrien im Osten sind zusammengebrochen, hohe Militärausgaben als Antwort auf die russische Besatzung belasten den Staat. Er ächzt unter einem hohen Schuldenberg. Korruption und Einmischung durch Oligarchen gelten als höchst problematisch. Löhne und Renten reichen kaum zum Leben. In Anerkennung und Bewertung gegenseitiger Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg liegt die Ukraine mit dem Nachbarn Polen im Clinch. - Dirk Anger

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