Interview: 100 Jahre Frauenwahlrecht
Zwei Frauen über Politik, Wahlen und Frauenquote

Die eine – Stefanie Frost (22), Studentin, politisch interessiert. Die andere – Hildegard Bone (68), Ratsmitglied. Zwei Frauen, die sich wundern: Wie kann es sein, dass Frauen noch 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts Randerscheinungen in der Politik sind?

Mittwoch, 12.12.2018, 12:00 Uhr aktualisiert: 12.12.2018, 22:04 Uhr
Interview: 100 Jahre Frauenwahlrecht: Zwei Frauen über Politik, Wahlen und Frauenquote
Hildegard Bone ist erfahrene Kommunalpolitikerin, Stefanie Frost wiederum politisch interessiert, aber noch auf der Suche nach dem für sie richtigen Weg. Foto: Wilfried Gerharz

Frau Bone , können Sie sich an den Tag erinnern, an dem Sie zum ersten Mal zur Wahl gegangen sind?

Hildegard Bone: Ja, ich muss kurz überlegen. Ich bin mit meinen Eltern ins Wahllokal gegangen. Es war eine Landtagswahl . Genau – Heinz Kühn war damals Ministerpräsident.

Und Ihre erste Wahl, Frau Frost ?

Stefanie Frost: Die erste war die Kommunalwahl in Lüdinghausen, mit 16. Danach Landtagswahl und Bundestagswahl. Alle drei Ebenen einmal.

Wann sind Ihre Wahlentscheidungen gefallen?

Frost: Eigentlich immer erst am Wahltag. Ich habe Programme und Artikel gelesen und viel diskutiert. Trotzdem habe ich mich erst auf dem Weg zum Wahllokal oder erst dort entschieden.

Können Sie das nachvollziehen, Frau Bone?

Bone (entschieden): Nein, das kann ich nicht. Wir haben eine ganze Legislaturperiode Zeit, um zu gucken und zu beurteilen, was passiert.

Frost: Vermutlich haben Sie recht. Doch das ist auch immer eine Frage des politischen Bewusstseins, das man erst einmal entwickeln muss.

Bone: Das ist wahr. In der Nachkriegsgeneration war es beispielsweise völlig ungewohnt, dass Frauen sich für Politik interessieren könnten. Da war es gang und gäbe, dass die Männer nach dem Essen die Tagesschau angesehen und die Frauen das Geschirr in der Küche abgewaschen haben.

Wo haben Sie sich aufgehalten – im Wohnzimmer oder in der Küche?

Bone: Ich habe darum gebeten, erst die Tagesschau ansehen zu können und danach allein in der Küche abzutrocknen. Ich komme aus einer politischen Familie. Einen entscheidenden Anteil hatten aber auch meine Kollegen, von denen viele einer anderen Partei zugewandt waren. Wer weiß ( lacht ), vielleicht bin ich konservativ geworden, weil meine Kollegen rot waren . . .

Und Sie sind automatisch in die Politik gegangen?

Bone: Nicht sofort. Ich habe Zwillinge bekommen, bin aus dem Beruf ausgeschieden und habe überlegt, was ich in meiner knappen Freizeit noch machen kann. Ich bin in die CDU eingetreten und war dort als Frau sehr willkommen. Seitdem habe ich immer mitgearbeitet. 38 Jahre sind das jetzt. Im Vorstand, später im Coesfelder Kreistag und heute im Stadtrat. In meiner ersten Legislaturperiode saßen für die CDU nur zwei Frauen im Kreistag. Zwei Frauen und 30 Männer.

Wie vielen Frauen begegnen Sie jetzt im Lüdinghausener Rat?

Bone: Die CDU hat 15 Mandate, und davon sind vier Frauen.

Genug oder zu wenig?

Bone (sehr entschieden): Zu wenig. Es sind noch immer viel zu wenig. Ich glaube nicht, dass Frauen kein politisches Interesse haben. Es ist vielmehr so, dass sie einfach durch Beruf und Familie zu wenig Zeit haben. Und für so ein Mandat braucht man Zeit.

Frost: Wie viel Zeit investieren Sie denn in die Politik?

Bone: Wenn ich mein Mandat und die Mitarbeit in mehreren Vorständen intensiv betreibe, ist es fast ein Halbtagsjob.

Ist es nicht auch möglich, dass Frauen selbst für ihre Unterrepräsentanz verantwortlich sind? Vielleicht trauen sie sich einfach zu wenig zu.

Bone: Ohne Frage. Männer und Frauen sind unterschiedlich strukturiert. Ein Mann kommt und sagt: Natürlich kann ich das. Eine Frau wiederum überlegt erst: Kann ich das wirklich, oder bin ich nicht gut genug?

Frau Frost, ist Ihnen das auch vertraut?

Frost: Im Unialltag? Ja, durchaus. Es gibt viele Kommilitonen, die sagen: Ich kann das, ich mach das. Doch meistens sind es gerade diese Leute, die vor die Wand fahren.

Trauen Sie sich Politik zu?

Frost: Ich würde es mir zutrauen. Die Frage ist allerdings, ob das, was ich vertreten würde, auch wirklich das ist, was ich vertreten möchte. Das erfordert einen erheblichen Informationsstand.

Was halten Sie von Frauenquoten, Frau Frost?

Frost: Am Anfang fand ich sie ( lacht ) dämlich, aber auch irgendwie berechtigt. Die Frage heißt für mich grundsätzlich, ob die Frau geeignet ist oder nur über die Quote in eine politische Funktion gekommen ist. Andererseits können Frauen so die Chance bekommen, in eine Rolle hineinzuwachsen, die sie unter anderen Umständen nicht bekommen hätten.

Jetzt bin ich gespannt, was Sie sagen, Frau Bone.

Bone: Ich bin eine absolute Verfechterin der Frauenquote. Ich war das nicht immer. Es hat sich entwickelt durch meine persönlichen Erfahrungen. In der Schule und im Beruf sind Frauen oft gleichberechtigt. Doch spätestens, wenn sie für die Familie zu Hause bleiben, ist es vorbei mit der Gleichberechtigung. Ich habe überhaupt kein Problem damit, eine Quotenfrau zu sein. Lieber Quotenfrau, als überhaupt nicht dabei. Und außerdem: Wir Frauen begegnen so vielen Quotenmännern . . .

Unsere Justizministerin Katarina Barley hat kürzlich gesagt, im Bundestag würden Frauen zunächst mal nur nach ihrer Stimmhöhe und ihrer Optik beurteilt. Frau Bone, glauben Sie, dass Frauen irgendwann nicht mehr in allererster Linie über ihr Aussehen bewertet werden?

Bone: Nein, das wird nie aufhören. Entweder ist man zu jung oder zu alt, zu klein oder zu groß, zu blond oder zu grau, zu dick oder zu dünn. Männer können immer mit derselben Kleidung kommen, das fiele niemandem auf.

Wie reagieren Sie denn, wenn Sie auf Ihre Kleidung angesprochen werden?

Bone: Ich spiegel das wider. Ich sage: Du siehst heute aber auch super aus.

Haben Sie schon unangenehme Situationen erlebt?

Bone: Ja, mehrmals. Man hat mir zum Beispiel gesagt, dass ich jetzt für die Politik zu alt sei. Da war ich 62.

Wie haben Sie reagiert?

Bone: Ich bin ganz ruhig geblieben. Ich habe gesagt, ich könne von einer Lebenserwartung bis 2034 ausgehen. Und danach hätte ich in den Spiegel gesehen, und ich könne versichern, auch dort sei alles noch in Ordnung. Ich habe kürzlich an einem politischen Workshop bei Bad Bentheim teilgenommen. Wir waren eine Frau und 16 Männer und haben auch Burg Bentheim besichtigt. Der Burgführer hat sich plötzlich mir zugewandt: „Ach, die Dame ist doch bestimmt an unseren Rosen interessiert.“ Ob das jemals aufhört . . .?

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