Jens Spahn gilt als Außenseiter
Diesmal nicht Erster

Ahaus/Berlin -

Bisher führte die politische Karriere des Jens Spahn immer nur in eine Richtung – nach oben. Schon nach sechs Jahren als Chef der Jungen Union im Kreis Borken übernahm er 2005 den Vorsitz über den gesamten Kreisverband – damals gerade einmal 26 Jahre alt.

Donnerstag, 06.12.2018, 17:52 Uhr aktualisiert: 06.12.2018, 20:22 Uhr
Jens Spahn gilt als Politiker, der durchaus moderne und zukunftsfähige Themen besetzt. Aber er eckt auch immer wieder an.
Jens Spahn gilt als Politiker, der durchaus moderne und zukunftsfähige Themen besetzt. Aber er eckt auch immer wieder an. Foto: dpa

Viele verdiente und verehrte „Parteifreunde“ im Westmünsterland machten Platz. Oder mussten Platz machen. Auch in Berlin – seit 2002 als gewählter Abgeordneter seines Wahlkreises – zog der studierte Politikwissenschaftler an vielen Platzhirschen schnell vorbei.

Zunächst wurde er – nach kurzer Eingewöhnungsphase – Gesundheitsfachmann in der Unionsfraktion, arbeitete sich fleißig durch die schwierige Materie. 2015 zum Staatssekretär befördert, von keinem Geringeren als Wolfgang Schäuble, der grauen Eminenz. Ein Jahr zuvor hatte der mit einem Journalisten verheiratete Münsterländer Hermann Gröhe unsanft aus dem CDU-Präsidium verdrängt.

Bisher lief es für ihn immer gut. Spahn besitzt großes rhetorisches und taktisches Talent, schont sich nie, nimmt am Tag manchmal 15 Termine wahr. Dazu kommt eine Härte, die mit dem Attribut „Durchsetzungsfähigkeit“ nur unzutreffend beschrieben ist. Damit schafft man sich Gegner, Freunde nicht so viele. Aber die braucht man, wenn es nach oben gehen soll. Nach ganz oben. Doch gerade jetzt, im entscheidenden Moment, sind ihm diese abhandengekommen. Carsten Linnemann, Chef der einflussreichen Mittelstandsvereinigung MIT. Oder Paul Ziemiak, Vorsitzender der Jungen Union. Nicht einfach weg, nein, schlimmer: Beide verfolgen eigene Pläne und unterstützen Merz oder Kramp-Karrenbauer.

Und wo ist Wolfgang Schäuble, der Spahn 2015 zum Staatssekretär machte? Der Ritterschlag, die Aufnahme in den Gral der ganz Großen. Dem 75-Jährigen gefiel Spahns konservative Grundhaltung, wohl auch seine Querdenker-Attitüde. Zum Beispiel der Affront gegen die Kanzlerin 2016. Als die Parteispitze um den damaligen Innenminister de Maizière und auch Merkel den Parteitag innerlich schon abgehakt hatten, ergriff Spahn das Wort und warb für ein Ende der doppelten Staatsbürgerschaft. Als guter Redner gelang es ihm mühelos, eine Mehrheit zu organisieren. Eine offene Provokation gegenüber der Kanzlerin.

Jens Spahn: Karriere in Bildern

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  • Der ehrgeizige Gesundheitsminister Jens Spahn aus dem westfälischen Ahaus hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder als konservativer Kritiker der Kanzlerin profiliert. Nun zählt auch er zu den potenziellen Nachfolgern der Kanzlerin.

    Foto: CDU
  • Erst im März 2018 übernahm Jens Spahn das Gesundheitsministerium von Hermann Gröhe und wurde damit jüngster Minister in Merkels Kabinett. Es ist die bisher höchste Karrierestufe des Jungkonservativen.

    Foto: dpa
  • Nach sechs Jahren als gesundheitspolitischer Sprecher der Unionsfraktion und zweieinhalb Jahren als parlamentarischer Finanz-Staatssekretär rückt Spahn in die erste Reihe auf. In der Vergangenheit brachte sich Spahn nicht nur als geschicktester Merkel-Kritiker in den eigenen Reihen in Stellung. Er tummelte sich auch auf gesellschaftspolitischen Feldern, die mit seinen offiziellen Politikbereichen wenig, mit dem gefühlten Stimmungen im Land und dem erwünschten konservativen CDU-Kurs aber um so mehr zu tun haben.

    Foto: Soeren Stache
  • So forderte das CDU-Präsidiumsmitglied ein Islamgesetz etwa gegen «Import-Imame», die von der Türkei geschickt würden und eine reaktionäre Ausprägung ihrer Religion in Deutschland verankern wollten. Statt nach den langen Tagen mit der SPD den von ihm mitverhandelten Koalitionsvertrag zu erklären und verteidigen, reiste er tags drauf zum Wiener Opernball und suchte die Nähe zu Österreichs jungkonservativem Kanzler Sebastian Kurz, der so etwas wie ein politisches Gegenbild zu Merkel ist und für einen harten Flüchtlingskurs steht.

    Foto: dpa
  • Einigermaßen spektakuläre Einlassungen und Vorstöße mit Überraschungseffekt gehören zu Spahns Karriere seit Jahren dazu. Als 2008 die damalige große Koalition eine Rentenerhöhung beschlossen hatte, wertete der Jungpolitiker das «Wahlgeschenk an die Rentner» und löste eine Empörungswelle aus. 

    Foto: dpa
  • Ob er ein Verbot von Schönheitsoperationen bei Jugendlichen forderte oder die Trennung in gesetzliche und private Krankenversicherung als «nicht mehr zeitgemäß» kritisierte - Aufmerksamkeit war ihm gewiss.

    Foto: Carsten Rehder
  • Persönlich ist der großgewachsene Mann mit modischer Brille gewinnend, freundlich. Mühe, sein Selbstbewusstsein zu verbergen, gibt er sich wenig. Immer wieder ist er mit Schwulenfeindlichkeit konfrontiert. Er  heiratete seinen Lebenspartner, den Journalisten Daniel Funke. Unpassende Bemerkungen konterte er immer wieder lässig. Gleichzeitig bemängelte er auch, dass Schwulenhass von Flüchtlingen tabuisiert werde, angeblich aus einem krudem «Multi-Kulti-Wohlfühldasein» heraus.

    Foto: Robert Schlesinger
  • Verwurzelt ist Spahn in Ahaus, wo er Abitur machte, einem Kreisverband der Jungen Union vorsaß und zehn Jahre Mitglied in einem Stadtrat war. 

    Foto: Kay Nietfeld
  • Ein bisschen Gegenwind bekam der gelernte Bankkaufmann vergangenes Jahr wegen seiner  Beteiligung an einem Startup, das günstige Bearbeitungen von Steuererklärungen im Internet anbietet. SPD und Grüne warfen ihm einen Interessenkonflikt vor, weil er als Finanzstaatssekretär für solche Firmen zuständig sei und einen staatlichen Zuschuss erhalten habe. 

    Foto: Kay Nietfeld
  • Ob Spahn als Merkels Nachfolger eine Chance hat? Ihm wird parteiintern angekreidet, dass er mit Äußerungen etwa in der Flüchtlingspolitik zu stark polarisiert habe. Wer als Kandidat die Mehrheit eines Parteitages auf sich vereinen wolle, müsse alle Flügel integrieren, sagen Kritiker. 

    Foto: Jürgen Peperhowe

Schäuble schwieg damals – aber auch heute, wo er maßgeblich an der Kandidatur des Friedrich Merz beteiligt war und diesen offen unterstützt. Rechnet Schäuble seinem alten Freund bessere Chancen aus als Spahn? Das dürfte diesen echt kränken.

Dabei hätte der amtierende Gesundheitsminister, der neben seiner Kandidatur auch noch ein großes Ressort zu führen hat, Unterstützung nötig. Das Rennen um den CDU-Vorsitz spielt auf einer anderen Ebene. Politische Champions League. Spahn weiß genau: Wer CDU-Vorsitzender werden kann, dem steht vielleicht schon bald die Tür des Kanzleramtes offen. Deswegen schmerzt es, dass er diesmal wohl nicht Erster sein wird. Verlieren wird er sogar. Und das vor den Augen der Welt, ausgeleuchtet auf allen medialen Kanälen, die Spahn so gern und virtuos bedient. 1800 Journalisten sind in Hamburg.

Diesmal dürfte es nicht reichen

Irgendwo zwischen Lübeck, Böblingen und Hamburg, zwischen Umfragen und Reflektieren wird er es in den vergangenen Tagen irgendwann gespürt haben: Diesmal dürfte es nicht reichen. Diesmal nicht.

Aufgeben, die Kandidatur zurückziehen, kommt für Spahn nicht infrage. Natürlich nicht. Er kämpft weiter. Tingelt fleißig durch Talkshows, spricht auf den Regionalkonferenzen, rhetorisch versiert, fachlich sattelfest, immer freundlich und fast nie überheblich. Wenn Journalisten fragen, bekommen sie für den Fall der Fälle auch eine Antwort. „Ich bleibe natürlich an Bord“, sagte er im Interview mit unserer Zeitung. Sowohl als Gesundheitsminister als auch in der CDU-Spitze. Klar. Was sonst.

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