Krimiautor Petros Markaris analysiert die griechische Gesellschaft
„Der Mittelstand ist ruiniert“

Osnabrück -

Mit seiner Figur, dem meist mürrischen Kommissar Kostas Charitos hat er nichts gemein. Ein freundliche ältere Herr mit weißem Haarwust tritt wie verabredet ins Hotelfoyer in Osnabrück. Ein leichter südlicher Einschlag in seinem perfekten Deutsch belegt, wo Petros Markaris studiert hat: in Wien. Der Autor redet im Interview mir unserem Redaktionsmitglied Martin Ellerich treffsicher, zuweilen spitz, aber vor allem kenntnisreich über Griechen und Deutsche, über die Krise – und natürlich über seinen bei Diogenes erschienenen neuen Kriminalroman „Drei Grazien“.

Sonntag, 09.12.2018, 14:22 Uhr aktualisiert: 09.12.2018, 14:37 Uhr
Petros Markaris wurde in Istanbul geboren, hat in Wien studiert, lebt in Athen. In seinen Kriminalromanen legt er die griechische Gesellschaft auf die Couch.
Petros Markaris wurde in Istanbul geboren, hat in Wien studiert, lebt in Athen. In seinen Kriminalromanen legt er die griechische Gesellschaft auf die Couch. Foto: Dietlind Ellerich

Sie sind in Istanbul geboren und aufgewachsen, in einer Familie, die väterlicherseits armenisch, mütterlicherseits griechisch geprägt war. Sie haben eine deutschsprachige Schule besucht, in Wien studiert. In welcher Sprache träumen Sie?

Markaris : In Deutsch und Griechisch – beides. Es kommt sehr oft vor, dass ich Träume erlebe, die deutschsprachig sind. (lacht) Aber nie Türkisch.

Aber Türkisch wird doch die Sprache gewesen sein, die Sie als Junge auf der Straße gesprochen haben...

Markaris: Ja, meine ersten beiden Sprachen waren Türkisch und Griechisch. Griechisch als Muttersprache, Türkisch als Landessprache. Trotzdem ist mir Deutsch viel näher als Türkisch nach so vielen Jahr.

Was ist – bei Ihrem Lebenslauf – Ihre Heimat?

Markaris: Ich kann mit dem Begriff Heimat kaum etwas anfangen. Ich habe in der Türkei gelebt, aber die Türkei war nie meine Heimat, weil ich als Jugendlicher und junger Student in der Mitte der 40er bis Ende der 50er Jahre dort den strengsten und aggressivsten Nationalismus erlebt habe. Einen Nationalismus, der mir sagte: Entweder Du bist Türke oder Du bist gar nichts. Griechenland ist meine sprachliche Heimat. Ich bin nach Athen gezogen, weil ich irgendwann während meiner Wiener Jahre zum Entschluss gekommen bin, dass ich in meiner Muttersprache schreiben wollte. Aber ich habe in Griechenland weder die deutsche Besatzung erlebt noch den Bürgerkrieg – ich kenne mich ganz gut damit aus, aber von der Lektüre her, nicht aus eigener Erfahrung.

Zur Person

Zwei (Fehl-)Entscheidungen seines Vaters haben Petros Markaris zu dem gemacht, was er ist: ein Autor, der den Deutschen die Griechen erklärt – in Kriminalromanen. Markaris wurde 1937 in Istanbul als Sohn eines armenischen Kaufmanns und einer Griechin geboren. Der Vater war überzeugt, dass Deutsch die Sprache der Zukunft ist, schickte ihn auf eine deutschsprachige Schule. Und er entschied, dass der Sohn Ökonomie studieren solle – in Wien. Weit weg von zu Hause machte der „Student“, was er wirklich wollte: schreiben. Sein Kommissar Kostas Charitos wird in einem Atemzug genannt mit Wallander und Montalbano. Markaris lebt in Athen.

...

Sie haben nicht die gleichen persönlichen Erfahrungen gemacht wie Ihre Nachbarn...

Markaris: Ja, vielleicht ist das ein Vorteil, denn ich habe ja die emotionale Verstrickung mit dieser Zeit nicht. Ich kann ganz klar sehen, was für viele Griechen meiner Generation nicht so einfach ist. Aber ich habe eine Heimatstadt. Die Stadt, die dem Begriff Heimat am nächsten kommt, ist Istanbul.

Vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen mit dem türkischen Nationalismus – wie beurteilen sie die politische Situation in der Türkei heute, die Entwicklung, die das Land unter Erdogan nimmt?

Markaris: Wenn ich die Europäer reden höre – auch die Deutschen – dann habe ich den Eindruck, die Türkei war eine Demokratie und wurde von Erdogan zerstört. Das stimmt nicht! Wenn ich höre, die Kemalisten seien offener und demokratischer gewesen, dann ist mir zum Heulen. Das heißt nicht, dass ich mit dem, was Erdogan macht, einverstanden bin. Nein! Aber: Immer haben die politischen Parteien, die in der Türkei an der Macht waren, sei es die Republikanische Volkspartei oder die AKP, so gehandelt, um ihre absolute Dominanz über das Land auszubauen.

Also ist es für die Türkei nichts ganz Neues, was wir unter Erdogan erleben...?

Markaris: Erdogan war am Anfang viel offener und demokratischer. Er hat sich mit dem Militär auseinandergesetzt. Ich und meine türkischen Freunde haben das sehr hoch geschätzt. Das war ein Hoffnungsschimmer. Was wir nicht voraussehen konnten, war, dass dies alles im eigenen Interesse geschah und zur Festigung seiner eigenen Ziele.

Sie haben Ökonomie studiert. Im August hat Griechenland den Euro-Rettungsschirm verlassen. Ist wieder alles in Ordnung in Griechenland?

Markaris: Ich lebe in einer Welt, wo die Menschen durch die Zahlen ersetzt worden sind. Man sagt: „Die Zahlen stimmen, den Leuten geht es besser.“ Aber die Zahlen stimmen und die Leute leiden.

Die Zahlen geben nicht die Realität der Menschen wieder...

Markaris: Die Zahlen geben nicht die Realität wieder, weil diese Zahlen der Profit einer kleinen Minderheit sind und die Mehrheit leidet. Es geht eben um diese bittere Realität heute auf der Welt. Die Ökonomen sagen: Wenn es den Zahlen gut geht, dann geht es auch dem Bürger gut. Aber das ist nicht wahr. Nicht in Griechenland, nicht in Italien – nirgendwo. Wir müssen irgendwann darüber ernsthaft nachdenken, dass es beim Wachstum nicht um den Reichtum geht, sondern um die Verteilung dieses Reichtums. Es kann nicht sein, dass vom Aufschwung ein Prozent, das den großen Reichtum in der Hand hält, profitiert und 99 Prozent darunter leiden.

Wie ist die Lage, wenn Sie mit Freunden, mit Bekannten in Griechenland reden?

Markaris: Ich kann Ihnen sagen: Der Mittelstand in Griechenland ist ruiniert, den gibt es nicht mehr. Und dasselbe hören Sie auch von den Italienern.

Und die jungen Leute haben keine Chance...

Markaris: 500 000 junge Leute haben inzwischen auf der Suche nach einem Arbeitsplatz das Land verlassen. Wie soll es da dem Land gut gehen?

Damit sind wir eigentlich bei Ihrem neuen Roman „Drei Grazien“. Der spielt im Universitätsmilieu, bei den Jungen, die eine Ausbildung beginnen, obwohl sie keine Chance haben.

Markaris: Die Krise hat auch die Unis getroffen. Die Unis haben kein Geld, um neue Stellen für Lehrende auszuschreiben. Sie müssen mit dem Lehrpersonal weiterarbeiten, das sie haben. Nun hat aber die Syriza-Regierung viele Uni-Professoren als Minister eingesetzt. Das bedeutet, dass diese Lehrkräfte ihren Platz an der Uni temporär aufgeben. Sie besetzen einen Ministerposten und wenn ihre Ministerperiode vorbei ist, gehen sie zurück an die Uni. Das hat den Nachteil, dass die Uni die Mittel, die sie für diese Professoren hat, nicht für neue Lehrkräfte benutzen kann.

Der bekannteste der Minister, die in die Regierung gewechselt sind, ist ein Schreckgespenst für die Deutschen gewesen: Yanis Varoufakis ....

Markaris: Wissen Sie, Varoufakis hat immer noch sein Büro an der Uni, aber er lehrt nicht. Er hat keinen Lehrauftrag, weil er eine neue Partei gegründet hat für den Europawahlkampf. Bitte! Sie sagen, dass Varoufakis ein Schreckgespenst für die Deutschen war, können Sie sich vorstellen, was für ein Schreckgespenst er für die Griechen war?

Schön, dass wir uns da treffen...

Markaris: Aber ich will ganz ehrlich sein: Ich glaube, Varoufakis, wenn er sagt, dass er alles mit Zustimmung von Tsipras gemacht hat. Das war nicht seine eigne Initiative. Das war abgestimmt. Als Tsipras sah, wohin das führt, hat er Varoufakis rausgeschmissen und den Kurs geändert.

Heute ist Ihr Ministerpräsident Tsipras aus deutscher Sicht ein Musterknabe.

Markaris: Ja, ich weiß. Er ist ein Musterknabe. Ihr habt Ruhe mit dem.

An einer Stelle Ihres neuen Buches sagt eine der drei Grazien in einer Begegnung mit Deutschen: „Auch wenn sie uns Faulpelze und Schmarotzer nennen, sind wir doch immer noch gute Gastgeber.“ Das ist eine interessante Mischung aus Stolz und Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber den Deutschen.

Markaris: Nicht nur im Umgang mit den Deutschen. Die Griechen sind ein Volk voller Widersprüche. Das Leben als Widerspruch ist Alltag für die Griechen. Wenn ich mit den Griechen rede, dann sagen sie mir: Du hast Recht, wir haben große Fehler gemacht. Aber wenn ein Ausländer – es muss nicht einmal ein Deutscher sein – dasselbe sagt, sind sie wütend. Der Ausländer soll nicht schlecht über uns reden.

Kann ein kleines Volk mit einer großen Geschichte überhaupt anders sein als es die Griechen sind?

Markaris: Ich weiß es nicht. Aber was die Europäer nicht verstehen: Zwischen den antiken Griechen, die die Deutschen so verherrlichen, und den heutigen Griechen liegen eine Periode von 1000 Jahren Byzanz und 450 Jahren osmanisches Reich. Das hat die Neugriechen viel mehr geprägt als die Antike. Das wollen die Deutschen nicht verstehen. Für die Griechen war die Orthodoxie viel prägnanter als die Antike.

Aber wenn Sie sehen, was die EU den Griechen alles zugemutet hat und wenn Sie jetzt sehen, wie die – viel reicheren – Italiener gegenüber Brüssel auf hohe, neue Schulden pochen... Was sagen Sie dazu?

Markaris: Es wird eine Zeit kommen, befürchte ich, in der die Deutschen und die Europäer sagen werden: Ach, wie schön war es, als wir als einziges Problem Griechenland hatten. Europa hat weitaus größere Probleme. Einmal mit Italien jetzt, dazu kommt noch Polen, dazu kommt Ungarn ... Wir haben das große Problem, dass zugleich die liberale Demokratie unterminiert wird. Ich habe nie ein gutes Wort gehört von den Europäern über die Griechen, über die Portugiesen oder die Spanier, dass diese drei Länder, die lange unter der Diktatur gelebt haben, in Zeiten der Krise die Demokratie nicht im Stich gelassen haben. Dafür verdienen sie ein Lob. Aber das haben sie von den Europäern nie gesehen.

Markaris: Sie haben Recht: Ich habe von Brecht viel gelernt, sehr viel. Etwa die Position von Distanz, ein guter Beobachter zu sein, distanziert die Gesellschaft zu betrachten. (...) Ich wollte von Anfang an keine intellektuellen Romane schreiben. Ich wollte Romane schreiben, die sich mit gesellschaftlichen Problemen unter dem Vorwand der Kriminalromane befassen – für ein breites Publikum.

Sie haben den Krimi den Gesellschaftsroman des 21. Jahrhunderts genannt.

Markaris: Stimmt! Das sehen sie fast überall. Der skandinavische Krimi ist ganz bestimmt ein Sozialroman. Aber auch bestimmte Autoren des Mittelmeerraumes schreiben soziale Romane, die als Ausgangspunkt eine Krimi-Geschichte haben – Andrea Camilleri, Manuel Vázquez Montalbán, Jean-Claude Izzo.

Markaris: Ja! Das stimmt. Ich habe da mal einen Essay drüber geschrieben: Der Kriminalroman des Mittelmeers und die Küche. Das hat mit den sozialen Zuständen zu tun. Die Frauen in Nord- und Mitteleuropa haben sich viel früher emanzipiert und sind in die Arbeitswelt gegangen. Gut für die Frauen, schlecht für die Küche. Im Mittelmeerraum sind sie länger Hausfrauen geblieben – und wir sind die Generation der Autoren, die in solchen Haushalten aufgewachsen sind. Wir sind mit gutem Geschmack aufgewachsen... Wenn ich einen skandinavischen Roman lese, kann ich mindest einen Monat lang keine Pizza essen und kein Bier trinken. Es geht nicht!

Charitos ist mürrisch, aber ein liebevoller Familienmensch. Er buckelt gegen die Vorgesetzten, dreht sich um und macht, was er will. Er ist widersprüchlich.

Markaris: Er ist ein Grieche, ein typischer griechischer Kleinbürger. Die machen das alle so.

Woher kommt das? Musste man das können, um unter der Junta oder unter den Türken zu überleben?

Markaris: Ich habe mal gesagt, dass die Türken und die Griechen ihre Probleme miteinander weitaus einfacher und schneller hätten lösen können, wenn sie ihren gemeinsamen spirituellen Leader hätten akzeptiert können. Wer das ist? Karagöz/Karagiozis. Beide Völker sind Kinder des Karagöz. Einer Art Kasperl des Schattentheaters Diese Figur des Schattentheaters, wie es in der Türkei und in Griechenland verbreitet ist, ist dafür bekannt, dass sie immer eine Lösung findet. Und: Karagöz spielt immer den Untergebenen, schafft es aber am Ende doch, das Seine zu tun.

Wie kommen Sie auf Ihre Themen?

Markaris: Ich kann mir eine Geschichte ausarbeiten, wenn mich ein Thema wütend gemacht hat. Wie jetzt das der Universität. Erst bin ich ganz wütend, dann sage ich: Jetzt muss ich eine Geschichte schreiben!

Sie haben sich über Varoufakis geärgert ... ?

Markaris: Ich war wütend nicht nur über Varoufakis, über mehrere Uni-Professoren. Und weil ich Professoren kenne, die im Ruhestand weiter unterrichten, damit die Studenten ihren Abschluss machen können.

Ihr amerikanischer Kollege John Irving beginnt die Arbeit mit dem letzten Satz und schreibt dann darauf zu. Wie schreiben Sie?

Markaris: Wenn ich eine Geschichte schreibe, dann habe ich die Handlung in ganz groben Zügen im Kopf. Aber ich entdecke die Geschichte von einem Kapitel zum anderen durch den Kommissar. Er ist der Erzähler, nicht ich. Immer wenn ich ein Kapitel abgeschlossen habe, frage ich mich: Was macht er jetzt?

Sie beobachten ihre Figuren.

Markaris: So ist das.

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