Gesundheitspolitik
Der schwere Weg zum Therapeuten: Spahn will Patienten vorsortieren

Münster -

Wer eine Psychotherapie braucht, muss sehr lange auf Termine warten. Pläne von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn könnte die Lage für psychisch Kranke künftig noch erschweren. Nun rollt eine Protestwelle.

Mittwoch, 19.12.2018, 18:53 Uhr
Gesundheitspolitik: Der schwere Weg zum Therapeuten: Spahn will Patienten vorsortieren
Jens Spahn Foto: dpa

So viele Bürger hat ein Minister noch nie auf die Barrikaden getrieben. Mehr als 200 000 Deutsche haben in den vergangenen Wochen eine Petition gegen ein Gesetz unterzeichnet, mit dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (Ahaus) den Zugang für gesetzlich Versicherte zum Psychotherapeuten neu regeln will. Nach Auskunft der Bundestags könnte der Protest die größte Petition sein, die je in Berlin eingereicht wurde. Spahn habe es mit seinem An­sinnen geschafft, auf einen Schlag 200 000 Menschen „gegen sich aufzubringen“, staunt die Bundestagsabgeordnete Kirsten Kappert-Gonther (Grüne).

Auslöser ist das sogenannte Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG), das in erster Lesung bereits den Bundestag beschäftigt hat. Der Entwurf des Gesetzes war kurz vor der Einbringung um einen kurzen Passus erweitert worden, der vorsieht, dass psychisch kranke Menschen vor dem Gang zum Therapeuten zunächst einen Gutachter aufsuchen sollen, der in einem Vorgespräch entscheidet, ob überhaupt eine Behandlung notwendig ist. Bislang können sich Versicherte direkt an einen Therapeuten ihrer Wahl wenden.

Fachleute warnen deshalb vor einer zusätzlichen Hürde, die Behandlungsbedürftige abschrecken könnte, mit einer Therapie zu beginnen. Der Vorstoß sei „eine Zumutung für psychisch kranke Menschen“, sagt die Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung, Barbara Lubisch. Ähnlich sieht es Kappert-Gon­ther: „Kranken Menschen dürfen keine zusätzlichen Steine in den Weg gelegt werden.“

Schnelle Hilfe

Der Gang zum Psycho­therapeuten ist für Patienten schon heute nicht einfach. Die Wartezeit auf einen Therapieplatz beträgt zwischen drei und fünf Monaten. Seit 2017 gibt es deshalb ­wöchentliche Akutsprechstunden, um bei besonders schweren psychischen Erkrankungen schnelle Hilfe anbieten zu können.

Spahn verärgert den Berufsstand nun mit der These, dass nicht etwa Therapeuten fehlen, sondern dass mehr Psychotherapeuten lediglich mehr Nachfrage schaffen würden. Bereits im September hatte er im Bundestag ­erklärt: „Die Stadt mit dem höchsten Versorgungsgrad in der psychotherapeutischen Versorgung ist Freiburg; die Stadt mit den längsten Wartezeiten ist – Freiburg.“ Bei einem Auftritt im ZDF-„Morgenmagazin“ hatte der Minister diese Behauptung in der vergangenen Woche noch einmal wiederholt.

„Da, wo die meisten Psychotherapeuten zugelassen sind, in den Städten und Regionen, sind die Wartezeiten mit am längsten“, sagte Spahn vor laufender Kamera. Zahlen der Bundespsychotherapeutenkammer zeigen allerdings, dass die Wartezeit auf ein Erst­gespräch in Freiburg etwa dreieinhalb Wochen beträgt – im Bundesdurchschnitt hingegen 5,7 Wochen. Eine ­ Therapie beginnt in Freiburg nach 12,5 Wochen – im Bundesschnitt erst nach 19,9 Wochen.

Irritierende Behauptung

Für Kopfschütteln hatte der Minister an gleicher Stelle auch mit der Behauptung gesorgt: „Wir haben heute so viele Psychotherapeuten zugelassen wie Hausärzte.“ Tatsächlich gibt es in Deutschland mehr als doppelt so viele Hausärzte wie Psychotherapeuten. Beifall bekommt Spahn indes von den Krankenkassen, die sich sträuben, die Zahl der Zulassungen für niedergelassene Psychotherapeuten nach oben zu schrauben.

Hoffnung für psychisch Kranke besteht indes noch. Weil neben den 200.000 Un­terzeichnern auch der Bundesrat das Vorhaben des ­Ministers ablehnt, sollen Vertreter aller Positionen im Januar an einem Tisch sitzen. Kritik regt sich zudem beim Koalitionspartner SPD. „Das werden wir nicht mitmachen“, erklärte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Er wolle keine „vorgeschaltete Instanz, wo dann eine weitere Hürde eingeführt wird, die zwischen dem Patienten und dem Psychotherapeuten steht“.

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