CDU-Vorstand lässt politisches Urgestein bei Europa-Liste durchfallen
Elmar Brok verzockt sich

düsseldorf/bielefeld -

Am Tag danach reiben sich viele in der NRW-CDU verwundert die Augen: Der Landesvorstand hat am Montagabend eine Kandidatenliste für die Europawahl beschlossen, auf der ausgerechnet der dienstälteste und vielleicht einflussreichste Europaabgeordnete fehlt.

Dienstag, 08.01.2019, 19:44 Uhr
Der Bielefelder EU-Abgeordnete Elmar Brok ist bei einer Kampfabstimmung um Listenplatz 6 der NRW-CDU für die Europawahl unterlegen. auf eine Kandidatur für Platz 4 hat er aus eigenen Stücken verzichtet.
Der Bielefelder EU-Abgeordnete Elmar Brok ist bei einer Kampfabstimmung um Listenplatz 6 der NRW-CDU für die Europawahl unterlegen. auf eine Kandidatur für Platz 4 hat er aus eigenen Stücken verzichtet. Foto: dpa

In einer geheimen Kampfabstimmung unterlag der ­72-jährige Elmar Brok dem 23 Jahre jüngeren Landtagsabgeordneten Stefan Berger . Es war das vorläufige dramatische Ende eines langen Tauziehens zwischen den acht CDU-Bezirksvorsitzenden und der Parteispitze, in dem vielleicht eine taktische Fehlentscheidung Broks selbst den Ausschlag gab.

Die Bezirkschefs hatten am Montag über die Liste diskutiert, ein Thema war das Alter der Kandidaten. Es solle gewährleistet sein, dass bei einem schlechten Ergebnis jüngere Politiker eine Chance hätten. Gemeint war neben Berger der 39-jährige Bochumer Dennis Radtke, der 2017 für Innenminister Herbert Reul nachgerückt ist. Brok verstand den Hinweis, verzichtete auf Platz 4 und rutschte auf Rang 6. Auf den erhob laut Teilnehmern aber Günter Krings, Vorsitzender der CDU Mittelrhein, Anspruch für Berger.

Parteichef Armin Laschet bemühte sich abends im Landesvorstand dann um eine Korrektur, der setzte Brok wieder auf Platz 4 hinter den unumstrittenen EU-Abgeordneten Peter Liese, Markus Pieper und Sabine Verheyen. Doch der Ostwestfale winkte ab, wollte für Platz 6 antreten, obwohl er mit einer Kampfabstimmung rechnen musste. In der Sitzung saß der Paderborner Landtagsabgeordnete Daniel Sieveke neben ihm: Er habe Brok noch geraten, auf dem unumstrittenen vierten Platz anzutreten. Warum der stur blieb, könne er nur raten: wohl aus seiner Erfahrung als Bezirkschef, weil in dem Kreis getroffene Absprachen gelten. Die Abstimmung verlor Brok mit 17 zu 20.

Damit war indes auch Laschets Vorschlag gescheitert. Er bedauere Broks Entscheidung, auf Platz 4 zu verzichten. Damit „hat er eine Eigendynamik ausgelöst, die sich jetzt gegen ihn gewandt hat“. Teil dieser Dynamik war offenbar die Überlegung, dass für Berger der Aachener Hendrik Schmitz in den Landtag nachrücken würde: Der 40-Jährige war bis 2017 Abgeordneter und gilt als Talent. Dass diese Überlegung die Wahl Bergers beeinflusst haben dürfte, bestätigen viele Vorstandsmitglieder. Und schütteln den Kopf, es gehe ums Europaparlament, nicht den Landtag.

„Elmar Brok ist jemand, den wir in dieser Zeit gut gebrauchen können“, bedauerte der Chef der Münsterland-CDU, Karl-Josef Laumann. Laschet betonte, wie wichtig der gut vernetzte Ostwestfale in Brüssel ist: „Auf Köpfe wie ihn wird es in den absehbar schwierigen Zeiten rund um den Brexit und die Bildung einer neuen EU-Kommission nach den Europawahlen ankommen.“

Die endgültige Entscheidung trifft die CDU am 26. Januar. „Ich behalte mir vor, auf der Landesvertreterversammlung noch zu kandidieren“, sagte Brok auf Nachfrage. Seine Tonlage klang entschlossen.

Kommentar: Brok wird kämpfen

Ukraine, Katalonien, Großbritannien – es gibt wohl kaum ein Land, kaum eine politische Krise auf dem Globus, zu der Elmar Brok keine Meinung und – noch wichtiger – keine guten Drähte hat. Der Bielefelder Europa-Ab­geordnete verfügt über enormes Verhandlungs­geschick, über außer­gewöhnliche Kontakte in fast alle Hauptstädte. Auch Angela Merkel wusste, was sie an dem verschwiegenen Krisenvermittler hatte. Doch seit Brok 2017 seinen Posten als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses für David McAllister räumen musste, begann das europapolitische Denkmal aus Ostwestfalen ernsthaft Risse zu bekommen. Jetzt wurde der 72-Jährige reichlich unsanft von einem aussichtsreichen Listenplatz der NRW-CDU verdrängt – zugunsten eines deutlich jüngeren „Parteifreunds“ vom Niederrhein. Doch Brok wird seinen Platz zwischen Straßburg, Brüssel und Berlin nicht so leicht frei machen. An seiner Seite weiß er seinen Landesvorsitzenden Armin Laschet, dem durchaus bewusst ist, was die deutsche Außenpolitik Brok der Weltläufe vielleicht noch verdanken wird. (Frank Polke)

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