Gegen das Vergessen
Jugendliche und der Holocaust-Gedenktag am 27. Januar

"Nie wieder!“ Diese Lehre aus dem Holocaust ist prägend für das Selbstverständnis Deutschlands. „Nicht schon wieder!“ Diese Antwort bekommt oft zu hören, wer mit Jugendlichen über das Thema spricht. Dabei wissen vier von zehn Schülern mittlerweile nicht mehr, wofür Auschwitz steht. Ist ihr Desinteresse das Problem?

Sonntag, 27.01.2019, 10:30 Uhr aktualisiert: 27.01.2019, 18:12 Uhr
Stolpersteine:Eine Form, an die Deportation und Ermordung von Juden im Dritten Reich zu erinnern. dpa
Stolpersteine:Eine Form, an die Deportation und Ermordung von Juden im Dritten Reich zu erinnern. Foto: dpa

Es gibt wohl keinen schrecklicheren Ort als Auschwitz. „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung“, schrieb der Soziologe Theodor Adorno. Wehret den Anfängen! So heißt es immer wieder. Ist es dafür in Deutschlands zu spät? Das fragen sich inzwischen immer mehr Beobachter. Anfänge sind für jedermann sichtbar.

Der AfD-Sprecher in Thüringen, Björn Höcke, fordert ganz offen eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ und erntet in gewissen Kreisen dafür Applaus. Tabus werden gebrochen. Einer neuen EU-Umfrage zufolge nimmt jeder dritte EU-Bürger einen Anstieg von Antisemitismus wahr – in Deutschland sogar jeder zweite.

Die Zeitzeugen treten ab

Aktuelles Problem: Die Zeitzeugen treten langsam ab. Die Kinder werden also in Zukunft in einer Welt leben, die keinen direkten Kontakt mehr zu Überlebenden der Gräueltaten des nationalsozialistischen Massenmordes hat.

Umso mehr besorgt es, dass nur 59 Prozent der deutschen Schüler ab 14 Jahren wissen, dass Auschwitz-Birkenau ein Konzentrationslager der Nationalsozialisten war. Das geht aus einer Umfrage der Körber-Stiftung hervor. Doch interessieren sich Jugendliche wirklich nicht für das Thema?

Eindrucksvoller Lernprozess

Experten haben eine klare Antwort: „Sie interessieren sich sehr dafür. Es kommt darauf an, wie es vermittelt wird!“, erklärt Christoph Spieker , Leiter des Geschichtsorts Villa ten Hompel in Münster. Erstarrt wirkende Rituale schrecken Jugendliche allerdings eher ab. „Gelungene Beispiele für die Geschichtsdidaktik setzen auf persönliche Bezüge und individuelles Reflektieren.“ Es gibt viele gute Beispiele dafür – gerade im Münsterland.

Winfried Nachtwei ist ein Pionier der Erinnerungsarbeit in der Region und hält immer wieder in Schulen Vorträge über die Deportation der Juden aus dem Münsterland nach Riga. Er wird den Moment nie vergessen, als die 16-jährige Anna im ehemaligen Rigaer Ghetto Jugendlichen aus den Erinnerungen von Gertrude Schneider vorlas, einer damals etwa gleichaltrigen Ghetto-Bewohnerin. Für die Teilnehmer des Workcamps war es ein eindrucksvoller Lernprozess.

~3904191-034

Anna aus Linz liest im ehemaligen Rigaer Ghetto aus den Erinnerungen von Gertrude Schneider vor, die als junge Frau von Wien nach Riga deportiert worden war. Anna nahm als 16-Jährige an einem Workcamp des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge teil Foto: Winfried Nachtwei

Beseitigung jeglicher Spuren

Dem ehemaligen Grünen-Bundestagsabgeordneten und Geschichtslehrer Nachtwei geht es um mehr. Der „zweiten Vernichtung nach dem Massenmord“ müsse etwas entgegengesetzt werden. Denn die Nazis stehen nicht nur für die systematische Vernichtung aller Juden und anderer Minderheiten, sondern in einem – ähnlich barbarischen – zweiten Schritt für die Beseitigung jeglicher Spuren ihrer Gräueltaten.

Dies wurde übrigens erst jetzt, in dem gerade erschienenen Buch „Aktion 1005“ von Andrej Angrick, akribisch aufgearbeitet. „Aktion 1005“ war der Tarnname von SS-Chef Heinrich Himmler für die großangelegte Vernichtung der Hinweise auf NS-Verbrechen. Viele Leichen wurden dafür exhumiert und beseitigt.

Persönliche Annährung mit der Geschichte

Wenn Jugendliche sich heute dafür engagieren, die wenigen Überbleibsel der Opfer-Familien zu erhalten, Stolpersteine zu setzen und zu pflegen, ihre Texte vorzulesen, ist es nicht nur eine persönliche Annäherung an die Geschichte der Opfer. Es ist eine fortwährende Demonstration einer wichtigen politischen Botschaft: Die Entindividualisierung der Opfer wird nie gelingen. Darauf passen wir auf!

Workshops an den Tatorten – eine besonders starke Form der Erinnerungsarbeit. Doch auch im alltäglichen Umfeld gibt es engagierte Projekte. Anlaufpunkt im Münsterland ist die Villa ten Hompel, wo ein Katalog von Ansätzen entwickelt wurde und gepflegt wird. Im ehemaligen Sitz der Ordnungspolizei im Nationalsozialismus werden nicht nur deren Verbrechen dokumentiert – er ist heute ein Geschichtsort, eine didaktische Schnittstelle für Theater, Vorträge und Tagungen. Projekte wie der „Demokratiedschungel“ sollen einen reflektierten Umgang mit den Verbrechen der Nazizeit für Schülergruppen ermöglichen.

Anhand der Schicksale der Überlebenden erfahren die Schüler hautnah: Das ist wirklich passiert!

Christoph Spieker

Über Menschenrechte reden, Empathie fördern – all dies können Jugendliche während eines ­Besuches der Ausstellung lernen. Immer wieder gibt es den konkreten Bezug zu Menschen der Zeit. Weiteres Beispiel: die Geschichtskoffer. Durch Fotos, Alltagsgegenstände und Aussagen von Zeitzeugen über ihre Schulzeit bekommen die Kinder ein Bild vom Alltag jüdischer Kinder aus der Region, der von Ausgrenzung und Antisemitismus geprägt war.

Doch nichts wirkt so nachhaltig wie Zeitzeugen: „Anhand der Schicksale der Überlebenden erfahren die Schüler hautnah: Das ist wirklich passiert!“, sagt Spieker. Was tun, wenn aufgrund des Alters nur noch wenige dieser beeindruckenden Persönlichkeiten ihre mahnende Stimme erheben können? In Chicago setzt man gerade auf neue Technologien.

dpa_5F9C640002DC8D5E

Esther Bejarano ist eine der wenigen noch lebenden Zeitzeugen. Sie sagte unlängst zu Schülern: „Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt.“ Foto: dpa

Neue Wege: Erinnerungspaten

Als 3D-Hologramm erzählen die Zeitzeugen im „Illinois Holocaust Museum“ ihre Geschichte. Dabei sieht es so aus, als würden die Überlebenden mitten unter den Zuschauern sitzen. Auch in Münster geht man neue Wege. Man setzt auf Erinnerungspaten. Stellvertretend für die Zeugen übernehmen es andere Menschen, für sie zu sprechen. „Idealerweise haben sie einen Bezug zu ihnen aufbauen können“, erläutert Christoph Spieker.

So berichtet beispielsweise Stefan Querl aus dem Team des Geschichtsortes Villa ten Hompel als Erinnerungspate inzwischen über das Verfolgungsschicksal des mit 91 Jahren verstorbenen jüdischen Zeitzeugen Hans Kaufmann aus Münster. Kaufmann lebte nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Tischler in Stockholm und hielt engsten Kontakt zu Münster bis zu seinem Tod 2016. Die Bezirksregierung stellt zudem im Internet Interviews mit Zeitzeugen des Völkermords an den Juden bereit.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6344978?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F199%2F
Kein Platz für Studenten
Gebäude der ehemaligen Oxford-Kaserne würde das Studierendenwerk gern im Herbst weiterhin als Studentenunterkünfte anbieten.
Nachrichten-Ticker