Interview mit Annalena Baerbock
Grünen-Chefin über die Klima-Proteste, die Europawahl und mögliche Koalitionen

Münster -

Schüler protestieren seit Monaten für den Klimaschutz: „Damit rennen sie bei uns Grünen offene Türen ein“, sagt Grünen-Chefin Annalena Baerbock im Interview. Und sie verrät, wie sie reagieren würde, wenn ihr eigenen Töchter demonstrieren würden.

Sonntag, 17.03.2019, 19:00 Uhr aktualisiert: 17.03.2019, 19:06 Uhr
Grünen-Chefin Annalena Baerbock besuchte am Wochenende den Europakongress der Grünen im Münsterland.
Grünen-Chefin Annalena Baerbock besuchte am Wochenende den Europakongress der Grünen im Münsterland. Foto: Claudia Kramer-Santel

Es ist Samstagmorgen, 9 Uhr: Annalena Baerbock kommt lächelnd mit einem Latte Macchiato ins Kaminzimmer. Die junge, forsche Grünen-Chefin verfolgt den Plan, die urban geltenden Grünen stärker „in der Fläche“ zu verankern. Sie besucht später den Europakongress der Grünen in Lüdinghausen. Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Claudia Kramer-Santel kritisiert sie Annegret Kramp-Karrenbauer scharf – wegen ihrer Europapolitik, aber auch wegen ihrer derben Karnevalswitze.

Was verbinden Sie mit Münster?

Baerbock: Einen spannenden Grünen-Parteitag 2016, aber auch viel Persönliches, aufgrund von früheren Freunden in der Stadt. Die Lebensqualität ist hier echt wahnsinnig hoch. Mit der Region verbinde ich den gelebten Europa-Gedanken, die enge deutsch-niederländische Kooperation. Das zu stärken, liegt mir am Herzen.

Profitieren die Grünen von den Schülerdemos für den Klimaschutz oder haben Jüngere inzwischen Aktionsformen, die sich nicht mehr überschneiden?

Baerpock: Die Dramatik, die die Klimakrise jetzt erreicht hat, bringt junge Leute zu Recht auf die Straße. Sie fordern von uns Erwachsenen: Jetzt tut endlich was! Damit rennen sie bei uns Grünen offene Türen ein. ‚Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt.‘ – Das ist ein Gründungsslogan der Grünen. Deshalb machen wir auch beim Thema Kohleausstieg so viel Druck. Das Vorurteil jedenfalls, die Jugend sei unpolitisch, habe ich nie geteilt. Jugendliche bringen sich heute nur einfach anders in Politik ein.

Tausende demonstrieren in Münster für das Klima

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  • Tausende demonstrieren in Münster für das Klima Foto: Matthias Ahlke
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Ist der Protest nachhaltig – und würden Sie Ihre Töchter mitgehen lassen?

Baerbock: Ich kann mich mit meinen 38 Jahren nicht daran erinnern, dass jemals so viele Schüler regelmäßig bei Sturm und Schnee, auch in den Ferien, auf die Straße gegangen sind. Die Jugendlichen teilen nicht nur etwas über die sozialen Medien: Sie gehen raus. Und all das auf Initiative einer 16-Jährigen. Das zeigt, wie viel Kraft Bürgerbewegungen in einer digitalisierten Welt haben. Was meine Töchter angeht: Die sind noch zu jung, die Ältere geht gerade in die zweite Klasse. Wenn sie älter wäre, selbst hinwollte und mir deutlich macht, warum ihr das wichtig ist, würde ich es natürlich erlauben. Ich war früher selbst oft genug auf Schülerdemos. Auch da gab es Einträge ins Klassenbuch. Hat uns nicht geschadet. Aber es ist zentral, mit den Schülerinnen und Schülern auch über dieses Spannungsverhältnis zwischen Schulpflicht und Meinungsbildung zu sprechen. Die Schulpflicht gilt nicht ohne Grund. Und zugleich soll Schule ja junge Menschen bestärken, sich einzumischen. Viele Schulleitungen haben dafür gute Lösungen gefunden.

Die Bundesregierung erklärt 2019 zum Klimajahr. Haben Sie Sorge, dass sie Ihnen das Thema abgreift?

Baerbock: Im Gegenteil – ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn die Bundesregierung endlich eine Klimapolitik betreibt, die auf der Höhe der Herausforderungen ist. Mit Worten allein werden wir nämlich keine einzige Tonne CO² einsparen und mit immer neuen Arbeitskreisen von Ministerinnen und Ministern wird die Erderhitzung nicht reduziert. Deswegen ist es so essenziell, dass im Bundestag endlich ein Klimaschutzgesetz auf den Weg gebracht wird mit einer starken Verankerung des Kohleausstiegs, aber auch mit Leitplanken für eine nachhaltige Wende der Mobilität, einem Ende des fossilen Verbrennungsmotors und einem massiven Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.

Bei Ihrem Elan für Europa müsste Ihnen die Kritik von Annegret Kramp-Karrenbauer an Macrons Europa-Agenda sauer aufstoßen.

Baerbock: Europa steckt in einer politischen Krise. In solchen Momenten braucht es starke Europäerinnen und Europäer, die den Mut haben, Europa weiter zu bauen und zum Beispiel die Regulierung des ungebändigten Finanzkapitalismus anzugehen. Herr Macron hat dazu verschiedene Vorschläge gemacht, und ich halte es für fatal, wenn von deutscher Seite jede Idee zur Stärkung der EU weggebügelt wird. Wenn man immer nur sagt, was auf europäischer Ebene alles nicht geht, fragen sich die Leute doch, warum sie überhaupt zur Europawahl gehen sollen. Es reicht nicht, Europaflaggen aufzuhängen. Europäische Politik bedeutet, in Europa Entscheidungen zu treffen, die das soziale Leben vor Ort stärken. Das ist auch eine gerechte Steuerpolitik, bei der nicht nur der Buchladen um die Ecke Steuern zahlt, sondern auch Amazon und Google zur Kasse gebeten werden.

Auch im Osten, wo drei Wahlen anstehen, scheint es für sie ja ganz gut zu laufen. Profitieren Sie von dem Teil der Menschen, die der Erfolg der AfD furchtbar erschreckt?

Baerbock: 1989 sind in Ostdeutschland Tausende für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte auf die Straße gegangen. Gerade diejenigen, aber auch viele Jüngere wollen diese demokratischen Werte nun verteidigen und bringen sich wieder oder erstmalig politisch ein. Auch bei uns. Das freut mich natürlich sehr. In den 90ern haben wir als Partei das ja leider nicht so gut geschafft. Auch weil wir die wahnsinnigen Umbrüche, die es für viele Menschen damals gab, nicht stark genug im Blick hatten.

Und die Rolle als AfD-Gegenspieler?

Baerbock: Wir Grünen wollen im Herzen der Gesellschaft für die Breite der Bevölkerung Politik machen. Dabei gilt es gerade auch diejenigen zu erreichen, die mit Politik hadern. Eine Partei dagegen, die unsere zentralen Grundwerte, eine offene Gesellschaft und das gemeinsame Miteinander nicht respektiert sowie unsere Geschichte umschreiben will, steht für mich außerhalb des Spielfelds.

Ist mit Sahra Wagenknechts Ankündigung, nicht mehr zu kandidieren, eine rot-rot-grüne Koalition im Bund näher gerückt?

Baerbock: Ich wünsche Frau Wagenknecht persönlich alles Gute. Wenn man sein Leben lang Politik macht, ist das kein einfacher Schritt. Dieses ständige Spekulieren, könnte es jetzt Schwarz-Grün, Rot-Rot-Grün oder was auch immer geben, führt für mich aber zu nichts. Welche Koalitionen möglich sind, darüber entscheiden die Wählerinnen und Wähler bei der nächsten Wahl. Und dazwischen sollten die Parteien aufhören, ständig um sich selbst zu kreisen, sondern gute Politik machen: Familien brauchen bezahlbare Wohnungen, Dörfer eine gute Busverbindung, Pflegekräfte einen vernünftigen Lohn und Plastik muss raus aus den Meeren.

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Warum hat Sie Annegret Kramp-Karrenbauers Karnevalswitz so empört?

Baerbock: Man kann sich ja mal versprechen oder es kann auch mal ein Witz danebengehen. Kenne ich selbst. Aber wenn man merkt, dass sich Menschen davon zutiefst getroffen fühlen, dann halte ich es für geboten, sich dafür zu entschuldigen. Dass Frau Kramp-Karrenbauer das nicht gemacht hat, sondern die Sache auch noch umgedreht hat, nach dem Motto „Alle, die das nicht lustig fanden, sind humorlos“ ist mir unbegreiflich. Denn die Frage dahinter ist ja: Wie gehen wir miteinander in unserer Gesellschaft um? Toleranz und Schutz für Minderheiten gelten 365 Tage im Jahr.

Was ist das Positivste und was das Schwierigste nach einem Jahr als grüne Parteichefin?

Baerbock: Am meisten freut es mich, dass diese Gesellschaft gerade überall darauf brennt, Dinge anzupacken und politisch mitzureden. Egal ob im Regionalzug oder in der Kantine: Die Klimakrise, Herr Trump, Kinderarmut, Frauenrechte – das lässt niemanden kalt. Das aufzugreifen, ist mein Ansporn. Das Schwierigste ist, an so vielen Orten gleichzeitig sein zu können, um daraus gemeinsam was Positives entstehen zu lassen.

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