Afghanistan-Experte und Sicherheitspolitiker
Winfried Nachtwei war zum 20. Mal am Hindukusch

Münster -

Es gibt vermutlich keinen zweiten deutschen Politiker, der sich so lange und derart intensiv mit Afghanistan beschäftigt hat, wie Winfried Nachtwei aus Münster. Vor zehn Jahren schied er aus dem Bundestag aus, bis dahin war er sicherheitspolitische Sprecher seiner Fraktion. Vor ein paar Tagen ist er zum 20. Mal aus Afghanistan zurückgekehrt. Das kriegsversehrte Land am Hindukusch hat es ihm angetan, sagt er. 

Freitag, 08.11.2019, 12:20 Uhr aktualisiert: 08.11.2019, 14:24 Uhr
Afghanistan-Experte und Sicherheitspolitiker: Winfried Nachtwei war zum 20. Mal am Hindukusch
"Mullah Winni" hieß es 2008, als sich der Grünen-Politiker eigens für die Afghanistan-Reise einen Bart stehen ließ. Foto: privat

Ein Mittwoch in einem Café in Münster. Nachtwei kommt wie gewohnt mit dem Fahrrad. Im Gepäck hat er eine dicke Kladde. Schon in seiner aktiven Zeit als Politiker hat er viel geschrieben und noch mehr berichtet. Daran hat sich nichts geändert. Nach wie vor pflegt er auch seine eigene Homepage, ist in den sozialen Medien und auch sonst sehr aktiv. Die Themen Krieg und Frieden lassen ihn nicht los. Und er sie nicht. Zuletzt wurde er Anfang November in den Vorstand der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen gewählt.

Wer ein Thema über einen langen Zeitraum verfolgt und sich vor Ort zu informieren weiß, entwickelt eine besondere Expertise. Weil er Entwicklungen sieht und Veränderungen wahrnimmt. Weil er Menschen kennt – Zeugen, handelnde Akteu­re –, durch sie Informationen aus erster Hand bekommt– und so ein ungefiltertes, authentischeres Bild. So jemand ist auch dann noch gefragt, wenn er außer Dienst gestellt ist.

Fortschritt bei gleichzeitigem Rückschritt

Wie steht es denn nun um Afghanistan? Leichte Frage, komplexe Antwort. Weil die Wirklichkeit eben nicht einfach ist. „In der Gesellschaft hat sich etwas verändert“, sagt Nachtwei. In den größeren Städten seien der Fortschritt sichtbar und vor allem die jungen Leute westlich orientiert. Auf dem Land hingegen regierten die Tradition und in mehr Gebieten die radikalislamischen Taliban . Fortschritt bei gleichzeitigem Rückschritt. Ein gelebtes Paradoxon.

Nach dem Angriff auf das World-Trade-Center 2001 in New York hatten die USA den El-Kaida-Terroristen und den Taliban, die ihnen am Hindukusch Schutz und Zuflucht boten, den Krieg erklärt. Daraus wurde am Ende ein Kampfeinsatz der Nato, der 2014 zu Ende ging. Seitdem wird Afghanistan vom Westen nur noch bei der Hilfe zur Selbsthilfe un­terstützt. Deutschland bildet dabei nach wie vor Polizeikräfte aus.

Geplatzte „Aufbauillusionen“ 

Nachtwei erzählt. Von der ersten Reise 2002, der frühen Hoffnung auf Frieden – „Aufbauillusionen“ nennt er das – und deren jähem Ende. Dass die Militärs der Internationalen Schutztruppe meist „ein realistischeres Lagebild hatten als die hohe Politik“. Dass er, selbst so etwas wie ein Veteran, auf der jüngsten Reise alte Bekannte getroffen hat, „da braucht es dann keine Aufwärmphase“, und vorbildliche Projekte besuchte.

Das Berufsbildungszentrum Takhta Pul bei Mazar-e Sharif beispielsweise, die größte Einrichtung für berufliche Bildung in ganz Afghanistan. „Mitten im Taliban-Gebiet und von ihnen geduldet, weil es sich die Islamisten nicht mit der Bevölkerung verderben wollen.“ Oder ei­ne Einrichtung, die Polizisten zumindest eine Grundbildung vermittelt: Lesen, Schreiben, Rechtskunde.

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Polizisten bei der Grundlagen-Ausbildung Foto: Nachtwei

Wie es weitergeht in Afghanistan, da wagt der 73-Jährige keine Prognose. So gebe es auch unter den Taliban Kräfte, bei denen die Einsicht gereift sei, militärisch nicht siegen zu können. Und dann gibt es eben auch die anderen, Bombenbauer, Selbstmordattentäter. Zwei Tage bevor die deutsche Delegation unter Leitung des Einsatzkommandeurs des Heeres, Generalleutnant Johann Langen­egger, nach Kundus reiste, wurden dort 18 afghanische Polizisten ermordet.

„Es juckt immer noch“

Seit ein paar Tagen ist Nachtwei wieder in Deutschland. Derzeit macht er das, was er nach solchen Reisen immer getan hat: Er schreibt Berichte. Dass seine Ein- und Ansichten noch immer interessieren, zeigen die Reak­tionen aus den Ministerien oder der Truppe.

Ob es noch eine 21. Afghanistan-Reise geben wird? „Vor der letzten hätte ich gedacht, das wird wohl das letzte Mal gewesen sein“, sagt er und grinst. „Aber jetzt … es juckt immer noch.“

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