Neues Gesetz geplant
Um diese Organspende-Vorschläge geht es im Bundestag

Berlin -

In Deutschland ist die Zahl der Patienten, denen eine Organspende helfen könnte, deutlich größer als die Zahl der transplantierten Organe. Die Politik hat bereits ein Gesetz geändert. Nun steht eine weitere wichtige Entscheidung an.

Montag, 13.01.2020, 16:40 Uhr aktualisiert: 13.01.2020, 17:57 Uhr
Viele Krankenhäuser und deren Patienten sind dringend auf Spenderorgane angewiesen.
Viele Krankenhäuser und deren Patienten sind dringend auf Spenderorgane angewiesen. Foto: dpa

Für mehr als 9000 Menschen in Deutschland geht es beim Warten um Leben und Tod. Sie sind dringend auf eine Organspende angewiesen, weil ihr Körper nicht mehr hundertprozentig funktioniert.

Alljährlich verschlechtert sich der Gesundheitszustand bei über 1000 der Patienten auf den Wartelisten so sehr, dass entweder keine Transplantation mehr möglich ist – oder sie sterben sogar. Die großen Skandale um manipulierte Wartelisten sind schon einige Jahre her, die Einstellung der Deutschen ist laut Umfragen so positiv wie nie. Nur: Es mangelt an geeigneten Spendern.

Ein Spender, drei neue Lebenschancen

Im vergangenen Jahr ging die Zahl der Organspender leicht von 955 auf 932 zurück. „Statistisch gesehen sind das Schwankungen, keine große Änderung“, sagt Axel Rahmel , Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Wichtig sei, dass der deutliche Anstieg im Jahr 2018 kein Ausreißer gewesen sei. Die Zahl der gespendeten Organe sank 2019 von 3113 auf 2995. Das waren nach vorläufigen Angaben von Montag 1524 Nieren, 726 Lebern, 329 Lungen, 324 Herzen, 87 Bauchspeicheldrüsen sowie 5 Dünndärme. Jeder Spender hat im Schnitt mehr als drei Schwerkranken eine neue Lebenschance geschenkt.

Was bisher geändert wurde

Die Politik hat die Problematik auf dem Schirm. Im abgelaufenen Jahr wurde das Gesetz geändert: So bekamen Transplantationsbeauftragte in den Krankenhäusern einen höheren Stellenwert, ihre Arbeit wird besser vergütet. Schulungen etwa zum Umgang mit Patientenverfügungen und eine bessere Analyse der Todesfälle in Kliniken sollen dazu beitragen, dass die Zahl der Organspenden steigt.

Erstmals aufgenommen wurde darüber hinaus die Betreuung der Angehörigen – eine Wertschätzung, die aus Rahmels Sicht nicht zu unterschätzen ist. Dass das alles helfen kann, da sind sich alle Experten einig. Wie sehr es helfen wird, bleibt ebenso abzuwarten wie das Tempo, in dem die Verbesserungen eintreten. Die DSO verbuchte in den vergangenen Monaten zumindest schon mal mehr Anfragen der Krankenhäuser.

Bekannte Organspender und -empfänger

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  • Foto: gap (Montage)
  • FRANK-WALTER STEINMEIER: Der SPD-Fraktionschef spendete 2010 seiner schwer erkrankten Ehefrau Elke Büdenbender eine Niere. Der CSU-Bundestagsabgeordnete JOSEF GÖPPEL war 2003 Organempfänger: Er erhielt eine Niere seiner Ehefrau Rosalinde.

    Foto: dpa
  • HERBERT GRÖNEMEYER: Der Sänger spendete 1998 seinem krebskranken Bruder Wilhelm Knochenmark, genauso wie Bruder Dietrich, der als Radiologe arbeitet. Zunächst schien die Therapie erfolgversprechend, doch wenige Wochen später starb Wilhelm Grönemeyer.

    Foto: dpa
  • ROLAND KAISER: Der lange unter der Lungenerkrankung COPD (chronic obstructive pulmonary disease, chronisch obstruktive Lungenerkrankung) leidende Schlagersänger («Santa Maria», «Sieben Fässer Wein») erhielt 2010 ein Spenderorgan. Acht Monate nach der Lungen-Transplantation kehrte Kaiser auf die Bühne zurück.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • JÜRGEN VOGEL: Der Schauspieler spendete in den 1990er Jahren seiner an Leukämie erkrankten Schwester zwar kein Organ, aber Knochenmark.

    Foto: dpa
  • NIKI LAUDA: Der ehemalige österreichische Formel-1-Weltmeister und Geschäftsmann bekam 1997 von seinem Bruder Florian eine Niere. Da dieses Organ Leistungsfähigkeit verlor, spendete ihm 2005 seine damalige Lebensgefährtin und heutige Ehefrau Birgit Wetzinger eine Niere.

    Foto: dpa
  • PRINZ DANIEL: Der heutige Ehemann der schwedischen Kronprinzessin Victoria bekam 2009 eine Niere seines Vaters implantiert. Damals hieß er noch Daniel Westling und litt an einer angeborenen Nierenerkrankung.

    Foto: dpa
  • IVAN KLASNIC: Dem kroatischen Fußball-Nationalspieler wurde 2007 eine Niere seiner Mutter eingepflanzt. Weil sein Körper das Organ nicht annahm, spendete sein Vater eine Niere. Nach den Operationen kehrte Klasnic in die Bundesliga zurück und spielte wieder für Werder Bremen.

    Foto: dpa

Abstimmung im Bundestag

Viel versprechen sich die meisten von der Abstimmung am Donnerstag im Bundestag: Dann geht es auch um die sogenannte Widerspruchslösung. Zwei fraktionsübergreifende Gesetzentwürfe und ein Antrag der AfD liegen vor. 

1. Die große Lösung

Eine Abgeordnetengruppe um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und den SPD-Fachpolitiker Karl Lauterbach macht sich für eine „doppelte Widerspruchslösung“ stark. Sie würde das bestehende Prinzip umkehren, dass Organentnahmen nur bei ausdrücklich erklärtem Ja zulässig sind. Stattdessen soll jeder automatisch Spender sein - man soll dem aber jederzeit widersprechen können und müsste das in einem neuen Register speichern. Vor einer Transplantation müsste ein Arzt dort abfragen, ob es eine Erklärung gibt. Falls nicht und es auch sonst kein schriftliches Nein gibt, ist der nächste Angehörige zu fragen - aber nicht nach einer eigenen Entscheidung, sondern ob er ein Nein oder einen anderen Willen des Verstorbenen kennt.

Geplant ist eine große Informationskampagne für eine neue Regelung, außerdem soll jeder ab 16 Jahren dreimal direkt mit Informationen angeschrieben werden. Kommen Minderjährige als Spender infrage, wäre eine Organentnahme nur zulässig, wenn ein Angehöriger zugestimmt hat - das sind wohl meist die Eltern. Bei Menschen, die die Tragweite einer solchen Entscheidung nicht erkennen können - etwa wegen einer geistigen Behinderung - sollen Organspenden grundsätzlich tabu sein.

Debatte

Nach dem Willen von Gesundheitsminister Jens Spahn sollen alle Menschen, die dem nicht ausdrücklich widersprechen, automatisch Organspender werden? Ein nötiger Schritt angesichts fehlender Organe? Oder wird der Mensch durch diesen Gesetzesentwurf entmündigt? Stimmen Sie oben ab und schreiben Sie uns Ihre Meinung unter Angabe Ihrer Adresse an debatte@zgm-muensterland.de

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2. Die alternative Lösung

Eine andere Gruppe um Grünen-Chefin Annalena Baerbock und die Linke-Vorsitzende Katja Kipping lehnt einen derart tiefen Eingriff in die Selbstbestimmung ab. Sie schlägt stattdessen vor, die Bürger mindestens alle zehn Jahre direkt anzusprechen. Wer ab 16 einen Personalausweis beantragt, ihn verlängert oder sich einen Pass besorgt, soll auf dem Amt Informationsmaterial bekommen. Beim Abholen kann man sich dann auch schon direkt vor Ort in ein neues Online-Register eintragen - mit Ja oder Nein. Auch in Ausländerbehörden soll es so etwas geben. Selbst beraten sollen Ämter ausdrücklich nicht. Für Kinder sollen die Neuregelungen nicht gelten.

Für eine regelmäßige Aufklärung spielen in diesem Konzept auch Hausärzte eine größere Rolle. Sie können Patienten bei Bedarf alle zwei Jahre über Organspenden informieren und zum Eintragen ins Register ermuntern - aber ergebnisoffen und mit dem Hinweis, dass es weiter keine Pflicht zu einer solchen Erklärung gibt. Grundwissen über Organspenden soll auch Teil der Erste-Hilfe-Kurse vor einer Führerscheinprüfung werden. Im Online-Register sollen Entscheidungen jederzeit zu ändern sein.

3. Der Antrag der AfD

Die AfD hat einen Antrag eingebracht, in dem zunächst von einer „abzulehnenden“ Widerspruchslösung die Rede ist. Das Ziel ist mehr Vertrauen in das Organspendesystem. Dafür soll der Bundestag die Regierung unter anderem auffordern, dass die Aufsicht über die Vermittlung von Organen auf eine „unabhängige öffentlich-rechtliche Institution“ übertragen wird. Diese dürfe nicht mit Beteiligten im Organspendeverfahren besetzt sein.

Tod muss zweifelsfrei feststehen

Bisher sind Organ-Entnahmen nur bei einem ausdrücklichen Ja zulässig. Philosoph Dieter Birnbacher, Mitglied der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer, meint, die Quote an Verweigerungen der Angehörigen hänge mit den jeweiligen Einstellungen in den Ländern zusammen. „In Deutschland herrscht in Bezug auf die High-Tech-Medizin immer noch eine Misstrauenskultur“, so Birnbacher. „Es wäre insofern gut, wenn sich mehr potenzielle Spender zu Lebzeiten äußern würden.“

Ein zweiter Punkt ist wichtig: Der Tod des Menschen muss durch Nachweis des unwiderrufbaren Ausfalls der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms zweifelsfrei feststehen. Zwei Ärzte prüfen das unabhängig voneinander. Beispielsweise ist in Spanien die Organspende nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand möglich, in Deutschland aber nicht erlaubt. „Das ist ein relativ dickes Brett und hat ganz eigene ethische Herausforderungen“, sagt Rahmel dazu.

Ist ein passender Empfänger gefunden, kommt es auf Zeit an: „Einige Organe lassen sich nur für kurze Zeit konservieren, ein Herz beispielsweise nur für vier Stunden“, heißt es bei der DSO. Bei einer Niere könnten mehr als 20 Stunden bis zur Transplantation vergehen.

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