20 Jahre KFOR-Einsatz
Frieden ist nach wie vor ein Fremdwort

Münster -

Erst Afghanistan, jetzt das Kosovo: Winfried Nachtwei, bis 2009 sicherheitspolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, ist umtriebig wie eh und je. Vergangenen Oktober war er in Afghanistan, jetzt reiste er ins Kosovo.

Freitag, 17.01.2020, 18:38 Uhr aktualisiert: 17.01.2020, 20:28 Uhr
Winfried Nachtwei, vormals grüner Bundestagsabgeordneter, besuchte jetzt die deutschen KFOR-Truppen.
Winfried Nachtwei, vormals grüner Bundestagsabgeordneter, besuchte jetzt die deutschen KFOR-Truppen. Foto: Privat

Seit nunmehr 20 Jahren engagiert sich die Bundeswehr dort. KFOR , die Kosovo-Force, war all die Jahren ein Friedensgarant. „Und ist es noch immer“, sagt Nachtwei . Auch wenn derzeit nur noch 70 Bundeswehr-Soldaten im kleinen Land auf dem Balkan eingesetzt sind, dürfe ihre Bedeutung nicht gering geschätzt werden.

Wie immer hat der 73-Jährige einen ausführlichen Bericht über die Reise verfasst und verschickt. An Interessierte in Ministerien und der Truppe. Seine Expertise ist nach wie vor groß, das Interesse an dem, was er tut, offenbar auch. Krieg und Frieden, die beiden großen Antipoden, haben den Münsteraner nie losgelassen, so wenig wie er sie.

Ein politischer Zeitzeuge

Nachtwei saß von 1994 bis 2009 für die Grünen im Bundestag. In dieser Zeit zerfiel Jugoslawien, die Balkankriege waren die Folge. Ein paar Jahre später entbrannte der Afghanistan-Krieg, infolge der Terroranschläge vom 11. September. Krieg war damals oft näher als Frieden. Wer als Sicherheitspolitiker unterwegs war, hatte viel zu tun – und manch schwere Entscheidung zu treffen. 1995 schickte der Bundestag deutsche Solda­ten auf dem Balkan in ihren ersten bewaffneten Einsatz. 2001 begann der Afghanistan-Krieg, schon früh unter deutschem Kommando.

Er sei ein politischer Zeitzeuge, sagt der Münsteraner an einem Donnerstag in Münster, das neue Jahr ist noch recht jung. Das Café ist leer, der Kaffee dampft in den Tassen. Nachtwei hat viel zu erzählen.

20 Jahre KFOR: In Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, wurde das nicht direkt gefeiert. Eher wurde dessen gedacht. Nachtwei war da, um einen Vortrag zu halten. Die Geschichte des KFOR-Einsatzes. Es gibt nicht mehr viele, die die Mission mehr oder minder nah und mehr oder minder verantwortlich begleitet haben. Zwölf Mal war der Ex-Politiker zwischen 1999 und 2011 vor Ort. Die Winter-Tour war die 13. Reise.

KFOR-Einsatz nach wie vor wichtig 

Zwei Punkte sind Nachtwei wichtig: Der KFOR-Einsatz war ein Erfolg, und er ist nach wie vor wichtig. „Der politische Konflikt im Kosovo ist noch immer nicht gelöst“, sagt er. Was auch daran liege, dass es bislang keinen Verständigungs- und Versöhnungsprozess zwischen Serben und Albanern gebe.

Zudem sei das Land Spielball verschiedener Mächte. Saudi-Arabien fördert massiv den Bau von Moscheen und nimmt über Vorbeter beträchtlichen Einfluss. Die Türkei engagiert sich, die Serben, und natürlich Russland, das traditionell aufseiten der Serben agiert und dessen Geheimdienste die kosovarische Polizei unterwandert haben. Von der organisierten Kriminalität, die vor allem im Norden des Landes grassiert, ganz zu schweigen.

Im Dezember hatte auch Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer das deutsche KFOR-Kontingent besucht. Ihre Bewertung der Sicherheitslage gleicht der Nachtweis. Im Kosovo sei zwar Stabilität erreicht worden, hatte sie gesagt, „aber noch keine ganz selbsttragende Struktur“.

Appell für mehr Wertschätzung 

Zöge sich KFOR zurück, meint Nachtwei, „besteht das erhebliche Risiko, dass sich die bestehenden Konflikte zwischen den Bevölkerungsgruppen etablieren“. Schattenkrieg nennt er den Konflikt im Land. 20 Jahre UN-Mission und kein Fortschritt Richtung Frieden? Das ist dem 73-Jährigen dann doch zu schwarz-weiß. Schließlich bewegten sich die ethnischen Auseinandersetzungen seit Jahren auf niedrigem Niveau. Zudem sei den albanischen Seilschaften aus früheren UÇK-Milizen bei der Wahl im Oktober die rote Karte gezeigt worden.

Nachtweis Bilanz? Vielschichtig für das fast vergessene Land, eindeutig für den KFOR-Einsatz: Im Kosovo werde KFOR geschätzt und die Deutschen besonders. Ganz anders in Deutschland. „Hier könnte ich mir mehr Wertschätzung für das Bundeswehr-Engagement auf dem Balkan vorstellen.“

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