Befreiung von Auschwitz vor 75 Jahren
Erinnerung, die schmerzt und mahnt

Oswiecim -

Viele reden. Einige, so scheint es, sogar vom ­Discobesuch am Vorabend. Viele andere schweigen, zeigen betretene Gesichter. Vielleicht sind sie unsicher, wie sie das Bevorstehende bewältigen werden. Das Bevorstehende, das ist ein Besuch im Konzentrationslager Auschwitz. 

Donnerstag, 23.01.2020, 07:50 Uhr aktualisiert: 23.01.2020, 11:21 Uhr
Schockierende, anrührende Naivität eines Kindes: eine Zeichnung des Lagers Auschwitz..
Schockierende, anrührende Naivität eines Kindes: eine Zeichnung des Lagers Auschwitz.. Foto: Bernhard Hertlein

Was ist in dieser Situation das angemessene Verhalten? Manche nutzen die Zeit in der Warteschlange für die ersten Selfies. Sie hören damit auch nicht auf, als sie den Eingang passieren – den Eingang zur Hölle mit dem bekannten Schriftzug: „Arbeit macht frei.“

Selfies als Botschaft des Gedenkens?

Selfies mit dem Vernichtungslager Auschwitz im Hintergrund – ist das nicht würdelos? Vielleicht. Aber vielleicht auch eine Botschaft. Über die sozialen Netzwerke verbreitet, sagt es immerhin: Ich war da. Ich habe das Unvorstellbare gesehen. Ich kann davon Zeugnis ablegen – auch dann, wenn es 75 Jahre nach der Befreiung bald kaum noch Zeitzeugen für den millionenfachen Massenmord geben wird.

Auschwitz – auf Polnisch: Oswiecim – ist ein Museum im Osten Polens, am einfachsten über die Stadt Krakau erreichbar. Seit 1979 ist es Unesco-Welterbe. Der Eintritt ist frei. Nur den „Guide“ – das Wort „Führer“ verbietet sich in diesem Zusammenhang – muss man bezahlen.Und seinen Ausweis vorlegen.Wohl, weil verhindert werden soll, dass Nazis das Erbe schänden und besudeln. ­Selfies an diesem Ort mit dem Hitlergruß – das Unglaub­liche ist schon vorgekommen.

20200122_102031_328

Besuchergruppen – darunter viele Jugendliche – stehen vor dem Eingang des Konzentrationslagers. Foto: Bernhard Hertlein

Zwischen 1940 und 1945 starben im Konzentrations­lager Auschwitz etwa 1,3 Millionen Menschen. Die meisten wurden gar nicht regis­triert, sondern im etwa drei Kilometer vom Stammlager I entfernten Lager Birkenau direkt von den Bahngleisen in die Gasanlagen gezwungen. Registriert wurden mehr als 400 000. Von ihnen starben mehr als die Hälfte an den Folgen von massiver Unterernährung, Zwangsarbeit,von den medizinischen Versuchendes Lagerarztes Josef Men­gele, durch Exekution am Galgen, durch Erschießen an der „Schwarzen Wand“ oder durch Selbstmord, indem sie sich in den elek­trischen Lagerzaun stürzten.

Die Mehrzahl – bis zu 1,1 Millionen – der Ermordeten waren europäische Juden. Hinzu kamen Sinti und Roma, polnische Widerstandskämpfer, sowjetische Kriegsgefangene, Homosexuelle, politische Gegner. In den Baracken dokumentieren Ausstellungen ihre Herkunft und ihr Schicksal. Beim Gang zu den Schlaf- und Wasch­räumen passieren die Be­sucher unzählige Bilder mit Namen und Lebensdaten von Auschwitz-Opfern, alle in den typischen Sträflings-Lager-Kleidern. Schwer zu sagen, was am meisten schockiert. Diese Porträtfotos. Oder die Baracken. Die Hinrichtungsstätten. Oder die Original-Stammkarten, zum Teil mit den Umständen der Verhaftung. Oder die riesigen Ansammlungen von Koffern, Schuhen, Taschen, Brillen. Oder die Kinderzeichnungen aus dem Ghetto und den Lagern. Oder die Reste der ­Gaskammern und Verbrennungsöfen.

60 Millionen Euro Unterstützung

Nach den Bundeskanzlern Helmut Schmidt und Helmut Kohl war 2019 auch Angela Merkel in Auschwitz. Sie brachte die Zusage mit, den Erhalt des Museums Auschwitz mit 60 Millionen Euro zu unterstützen. Gleich zu Beginn ihrer Rede in der Gedenkstätte sagte Merkel, sie empfinde tiefe Scham. Im Blick auf Deutschland mahnte sie: „Wir erleben einen ­Besorgnis erregenden Rassismus, eine zunehmende In­toleranz, eine Welle von Hassdelikten.“ Auschwitz mahne täglich, wachsam zu sein. „Wir dürfen niemals ver­gessen. Einen Schlussstrich kann es nicht geben. Und auch keine Relativierung.“

25 Millionen Besucher

Seit der Eröffnung kamen mehr als 25 Millionen Besucher nach Auschwitz. 2019 waren es 2,3 Millionen. Die Zahl steigt kon­tinuierlich. Die größte Gruppe stellen Polen. ­Danach folgen Bürger aus Großbritannien und den USA. Danach etwa gleichauf Italiener, Deutsche, Spanier, Franzosen und Israelis. Die Zahl der Deutschen – etwa 80 000 – schwankt, ist aber nicht gestiegen. Besonders groß ist das Interesse an Pater Maximilian Kolbe, der in dieser Hölle zum Helden wurde, weil er für einen anderen Häftling in den Hungerbunker ging und starb. Das Schicksal Anne Franks, die in Bergen-Belsen ermordet wurde, spielt in der Ausstellung über die Juden in den Niederlanden eine Rolle.

...

Besucher aus Deutschland werden in Auschwitz oft genug daran erinnert, dass es deutsche SS war, die das Lager aufgebaut und den Massenmord organisiert hat. Die englischsprachigen Guides sprechen in der Regel nicht von „Nazis“, sondern von „the Germans“.

Auschwitz gibt den Tätern wie den Opfern Gesicht. Allen voran bei den Tätern Mengele und dem 1947 in Polen hingerichteten Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß. Gleich nach Betreten des Konzentrationslagers wird an das Lagerorchester erinnert, das bei der Rückkehr der Häftlinge von der Zwangsarbeit aufspielen musste. Eine Ausstellung widmet sich den wenigen Überlebenden, die für die Verbrennung und Beseitigung der Leichen verantwortlich waren. Die meisten wurden kurz vor Schluss noch selbst hingerichtet.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7211906?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F199%2F
Zwei Tote nach Zusammenstoß mehrerer Fahrzeuge
Unfall auf B 54: Zwei Tote nach Zusammenstoß mehrerer Fahrzeuge
Nachrichten-Ticker