Konfliktregion Berg-Karabach
Aserbaidschan: Aktivisten berichten über Einsatz von Syrern

Die Türkei ist eng mit syrischen Rebellen verbündet. Schon früher sah sich Ankara dem Vorwurf ausgesetzt, diese auch in Libyen einzusetzen. Jetzt sollen die Syrer auch in einem anderen Konflikt kämpfen.

Donnerstag, 08.10.2020, 23:16 Uhr aktualisiert: 08.10.2020, 23:18 Uhr
In den seit mehr als einer Woche andauernden Kämpfen in der Unruheregion Berg-Karabach im Südkaukasus zeichnet sich kein schnelles Ende ab.
In den seit mehr als einer Woche andauernden Kämpfen in der Unruheregion Berg-Karabach im Südkaukasus zeichnet sich kein schnelles Ende ab. Foto: Dmitri Lovetsky

Baku/Damaskus/Eriwan (dpa) - Die Türkei hat nach Angaben von syrischen Aktivisten Rebellen aus dem Bürgerkriegsland für den Einsatz im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan rekrutiert.

Die Männer ließen sich aus finanziellen Gründen anheuern, berichtete ein Aktivist aus einem von Regierungsgegnern kontrollierten Gebiet des Landes, der aus Sicherheitsgründen ungenannt bleiben will. Es seien vor allem «verzweifelte Kämpfer», die von der Türkei für den Einsatz zwischen 1500 bis 2000 US-Dollar (etwa 1300 bis 1700 Euro) im Monat bekämen, sagte ein anderer Aktivist. Bei neuen schweren Kämpfen in der Konfliktregion Berg-Karabach im Südkaukasus hat es am Donnerstag wieder Tote und Verletzte gegeben. Zudem kritisierte Aserbaidschan einen Aufruf zur Waffenruhe von Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD).

Die Angaben der Aktivisten ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen. Die Türkei steht in der Konfliktregion im Südkaukasus an der Seite Aserbaidschans. Ankara dementierte die Angaben. «Wir weisen die Behauptung kategorisch zurück», sagte ein hoher Regierungsvertreter. Es handele sich dabei um grundlose Anschuldigungen.

Die Regierung Aserbaidschans hatte Berichte über den Einsatz syrischer Söldner ebenfalls als «gegenstandslos» zurückgewiesen. Auch der Sprecher der mit der Türkei verbündeten oppositionellen Syrischen Nationalarmee, Jussif Hammud, erklärte, Berichte über syrische Kämpfer in Aserbaidschan seien falsch.

Indes gingen die Gefechte am Donnerstag weiter. Es gab Tote und Verletzte. Nach Angaben des armenischen Verteidigungsministeriums wurde auch die Kathedrale der Stadt Schuscha beschossen. Dabei seien zwei russische Journalisten schwer verletzt worden. Zudem sei die Hauptstadt Stepanakert mehrfach mit Raketen beschossen worden. Tausende Menschen sind auf der Flucht. Heftig gekämpft worden sei auch im Süden des Konfliktgebiets.

Nach armenischen Angaben wurden von Mittwoch auf Donnerstag 30 weitere Soldaten getötet. Damit sei die Zahl der Toten auf 350 gestiegen. Aserbaidschan hat bislang keine Angaben zu Verlusten in den eigenen Reihen gemacht. Seit Beginn der neuen Auseinandersetzung in dem jahrzehntealten Konflikt vor mehr als eineinhalb Wochen seien aber mindestens 31 Zivilisten ums Leben gekommen. Die Behörden der nicht anerkannten Republik Berg-Karabach sprachen von bislang 22 zivilen Opfern.

Russland rief am Abend Armenien und Aserbaidschan erneut zu einem sofortigen Stopp der Kämpfe auf. Präsident Wladimir Putin habe dazu mit dem armenischen Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan und Aserbaidschans Präsidenten Ilham Aliyev telefoniert, teilte der Kreml in Moskau mit. Die Außenminister der beiden verfeindeten Länder werden demnach an diesem Freitag zu Gesprächen in Moskau erwartet.

Den syrischen Aktivisten zufolge kommen die für den Kaukasus rekrutierten Kämpfer aus syrischen Rebellengruppen, die eng mit der Türkei zusammenarbeiten. Dazu zählt die Sultan-Murad-Division, eine bewaffnete Gruppe turkmenischer Syrer. Aus deren Umfeld hieß es, es seien 50 ihrer Kämpfer im Kampf um Berg-Karabach getötet worden.

Im syrischen Bürgerkrieg unterstützt Ankara Rebellen, die gegen die Regierung kämpfen. Türkische Truppen kontrollieren zudem gemeinsam mit lokalen Verbündeten Gebiete im Norden Syriens. In der Vergangenheit sah sich die Türkei bereits dem Vorwurf ausgesetzt, syrische Kämpfer für den Bürgerkrieg in Libyen rekrutiert zu haben.

Die Angaben der Aktivisten decken sich mit Informationen aus anderen Quellen und Medienberichten. So hatte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte Ende September erklärt, mehr als 800 Syrer seien über türkische Sicherheitsfirmen nach Aserbaidschan geschickt worden. Es handele sich um «erfahrene Kämpfer» aus der Region um die Städte Idlib und Aleppo im Nordwesten Syriens, sagte der Leiter der Menschenrechtsbeobachter, Rami Abdel Rahman. Er sitzt in England, bezieht seine Angaben aber über ein Netz von Informanten in Syrien.

Auch die britische Zeitung «Guardian» zitierte einen Syrer, er sei mit einer türkischen Militärmaschine nach Aserbaidschan gebracht worden und dort nun an der Kontaktlinie im Einsatz. Der 23-Jährige aus Idlib flog demnach im September als Teil eines Kontingents von 1000 Syrern in die Konfliktregion im Südkaukasus.

In sozialen Medien trauerten zuletzt Syrer über syrische Kämpfer, die im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan getötet worden sein sollen. Einer von ihnen bestätigte der Deutschen Presse-Agentur zunächst, einer seiner Cousins seit dort gestorben. Später widerrief er die Aussage und erklärte, es habe sich um einen Irrtum gehandelt.

Armenien hatte der Türkei vorgeworfen, Tausende Söldner aus den Kriegsgebieten in Syrien und Libyen in den Südkaukasus verlagert zu haben. Im Konfliktgebiet Berg-Karabach sind nach französischen Informationen Kämpfer dschihadistischer Gruppen aus Syrien aktiv, die über die Türkei in die Region kamen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sprach in der vergangenen Woche von einer «sehr ernsten Sache». Die Region Berg-Karabach wird von Armenien kontrolliert, gehört aber völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan.

© dpa-infocom, dpa:201008-99-871074/5

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