Studie
Klimaneutralität 2050 nur mit viel mehr Ökostrom erreichbar

Von der Heizung über das Auto und Flugzeug bis zur Stahlfabrik: Wenn Deutschland schon in drei Jahrzehnten klimaneutral sein soll, muss all das ohne Kohle, Öl und Erdgas auskommen. Es gebe das Ziel, aber keinen Fahrplan, kritisieren Experten - und erarbeiten selbst einen.

Donnerstag, 22.10.2020, 17:00 Uhr aktualisiert: 22.10.2020, 17:02 Uhr
Damit Deutschland bis 2050 klimaneutral ist, braucht es laut einer Studie deutlich mehr Ökostrom.
Damit Deutschland bis 2050 klimaneutral ist, braucht es laut einer Studie deutlich mehr Ökostrom. Foto: Jens Büttner

Berlin (dpa) - In 30 Jahren soll Deutschlands Treibhausgas-Ausstoß netto bei null liegen - einer neuen Studie zufolge braucht es dafür deutlich mehr Ökostrom als bisher geplant und einen Komplett-Stopp für Investitionen in fossile Technologien ab 2030.

«Die Bundesregierung hat Klimaneutralität 2050 beschlossen, aber sie hat keinen Plan dafür», kritisierte der Direktor der Denkfabrik Agora Energiewende , Patrick Graichen, am Donnerstag.

Wie Agora Energiewende, Agora Verkehrswende und die Stiftung Klimaneutralität haben errechnen lassen, müsste der Zubau an Wind- und Solaranlagen schon in den nächsten zehn Jahren in etwa verdreifacht werden und das deutsche Klimaziel für 2030 auf 65 Prozent weniger Treibhausgase als 1990 angehoben werden. Das Ökostrom-Ziel für 2030 müsste von 65 auf 70 Prozent angehoben werden. Statt wie bisher angepeilt 10 Millionen Elektroautos müssten bis dahin 14 Millionen auf der Straße sein, sagte Christian Hochfeld, Direktor von Agora Verkehrswende.

In einem zweiten Schritt sollten die Emissionen bis 2050 dann um 95 Prozent sinken - was an Treibhausgasen noch übrig bleibt, etwa aus der Zementproduktion oder der Landwirtschaft, müsste über natürliche und technische Lösungen der Atmosphäre entzogen und gespeichert werden.

Der Kohleausstieg, der derzeit für spätestens 2038 geplant ist, müsste bis 2030 abgeschlossen sein, heißt es in der Studie weiter, Öl- und Gasausstieg müssten folgen. Dazu gehöre, dass ab 2030 fossile Technologien - wie klassische Verbrennungsmotoren oder Öl- und Erdgas-Heizungen - zwar noch genutzt, aber nicht mehr neu verkauft und installiert werden dürften.

Auch Wasserstoff als Energieträger spielt eine große Rolle in den Überlegungen - allerdings nicht da, wo Strom direkt eingesetzt werden kann wie beim Heizen oder beim Straßenverkehr. «Der Wasserstoff ist der ganz teure Champagner der Energiewende», sagte Rainer Baake, Direktor der Stiftung Klimaneutralität. Strombasierte Kraftstoffe, brauche es vor allem im Flug- und Schiffsverkehr, aber etwa auch in der Stahlproduktion und anderen Industrien.

Die Studienautoren gehen davon aus, dass der deutsche Strombedarf bis 2050 um die Hälfte höher liegen wird als heute, obwohl der Energiebedarf insgesamt um die Hälfte sinkt - weil Strom als Energieträger Kohle, Öl und Gas ersetzt und für die Produktion von Wasserstoff sehr viel Strom nötig ist.

Umweltverbände wie der Deutsche Naturschutzring unterstützten die Ergebnisse: Die Pfade zur Klimaneutralität seien beschreitbar, schrieb Präsident Kai Niebert. «Nun müssen nur alle vom Spaziergang in den Sprint wechseln.» Der Grünen-Politiker Cem Özdemir sagte der dpa: «Die ökologische Modernisierung unseres Wirtschaftsstandortes Deutschland ist machbar, sie ist finanzierbar, und sie ist absolut realistisch.» Im Verkehr bedeute das, Dieselkraftstoff-Subventionen abzubauen und über ein «echtes Bonus-Malus-System» Spritschlucker zu verteuern und emissionsfreie Fahrzeugen zu fördern.

Die Präsidentin des Auto-Branchenverbands VDA, Hildegard Müller, betonte, dass die Branche sich zur Klimaneutralität 2050 bekenne. «Hersteller und Zulieferer gehen die Transformation des Verkehrs mit voller Kraft an», sagte sie. Bis 2024 würden allein bei den PKW 150 E-Modelle auf den Markt gebracht. Es bauche aber weiter eine «rasante Vervielfachung der Ladestationen» in allen Regionen Deutschlands. Das gelte auch für den LKW-Verkehr. Den Einsatz von Wasserstoff und Biokraftstoff im Straßenverkehr sehen die Studienautoren kritisch, der VDA dagegen betonte: «Nicht die Antriebsart sollte dekarbonisiert werden, sondern der Energieträger.»

© dpa-infocom, dpa:201022-99-42650/2

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