35 Jahre nach Tschernobyl: Rückkehr zur Atomkraft gefordert
Kernenergie – dem Klima zuliebe?

Münster -

Die verheerende Katastrophe von Tschernobyl wurde tagelang verschwiegen: Erst als in Schweden erhöhte Radioaktivität gemessen wurde, war der Unfall nicht länger zu verheimlichen. Jetzt, 35 Jahre nach dem Unglück, werden Stimmen laut, die eine Rückkehr zur Atomenergie fordern – aus Gründen des Umweltschutzes. Was steckt dahinter?  Von Ulrich Schaper, Jürgen Stilling, Martin Ellerich
Samstag, 01.05.2021, 16:55 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 01.05.2021, 16:55 Uhr
Seit Jahrzehnten wird in Deutschland gegen die Atomenergie demonstriert, 35 Jahre nach Tschernobyl träumen einige aber auch von einer Rückkehr zur Kernenergie – unter anderem zum Schutz des Klimas.
Seit Jahrzehnten wird in Deutschland gegen die Atomenergie demonstriert, 35 Jahre nach Tschernobyl träumen einige aber auch von einer Rückkehr zur Kernenergie – unter anderem zum Schutz des Klimas. Foto: dpa
Energie ist eine wesentliche Voraussetzung für den zivilisatorischen Fortschritt. Licht, Strom, Wärme, Produktion, Mobilität – ohne Energie geht nichts; und die globale Nachfrage steigt weiter an. Die Internationale Energieagentur (IEA) rechnet damit, dass die weltweite Energienachfrage schon in den nächsten 15 Jahren um rund 36 Prozent ansteigen wird, angetrieben vor allem vom Aufschwung der Entwicklungs- und Schwellenländer. Das Problem: Noch immer werden über 80 Prozent der weltweiten Primärenergie aus fossilen Energieträgern gewonnen. Würde also der Energiehunger durch Kohle, Erdöl und Erdgas gedeckt, wäre der im Pariser Klimavertrag ausgehandelte Zielkorridor zwischen 1,5 und 2 Grad nicht zu erreichen. Die Weltgesellschaft hat sich zwar längst auf den Weg gemacht, ihre Energiegewinnung aus regenerativen Quellen voranzutreiben. Die Krux aber ist: Sie ist dabei zu langsam. Bill Gates propagiert Renaissance der Atomkraftwerke Nicht wenige nutzen daher die Klimakrise für den Versuch, die Atomkraft abermals in Stellung zu bringen . Ungeachtet der Reaktorunfälle auf Three Mile Island (1979), Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011) also eine Energiewende zurück zum Atomstrom? Einen prominenten Befürworter jedenfalls hat die Bewegung im Frühjahr hinzugewonnen: Der Unternehmer und Philantrop Bill Gates gibt mit seinem Buch „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“ die Antwort auf eine der drängenden Fragen der Menschheit. Er propagiert die Renaissance der Atomkraft – jener Technologie, in deren Weiterentwicklung er ganz nebenbei investiert. Kleine modulare Atomkraftwerke, sogenannte small modular reactors (SMR), sollen, so Gates, dabei helfen, die weltweiten Emissionen drastisch zu senken. Was der US-Unternehmer dabei aus dem Blick verliert: Diese Art von Reaktoren existiert bislang bestenfalls auf dem Papier. Ihr Einsatz käme viel zu spät, um die Kehrtwende der Treibhausgas-Emissionen einzuleiten und den CO-Ausstoß bis 2050 auf netto null herunterzufahren. Was Gates ebenso übersieht, ist die Gefahr der Proliferation, also der Verbreitung waffenfähigen nuklearen Materials. Denn allein um die Leistung der gegenwärtig in Betrieb befindlichen Reaktoren zu ersetzen, müssten wahrscheinlich einige Tausend SMRs gebaut werden. Diese in entlegenen Winkeln überall auf der Welt zu kon­trollieren, wäre schier unmöglich. Höhepunkt der Kernenergie  Ohnehin ist die Bedeutung der Atomkraft – nicht erst seit den Reaktorunglücken in Tschernobyl und Fukushima – drastisch gesunken. Ihren Höhepunkt hatte die Kernenergie 1996 mit einem Anteil von 17,5 Prozent an der weltweiten Stromproduktion. Derzeit liefern die 441 in Betrieb befindlichen Kraftwerke, die es laut IEA weltweit noch gibt, lediglich rund zehn Prozent des Stroms. Die meisten Reaktoren stehen in den USA (94), Frankreich (56), China (49) und Russland (38). Die Diskussion, die sich also um die Rückkehr der Kernkraft dreht, ist eine Scheindebatte.
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