«Armutsbericht 2019»
Sozialverband: Große regionale Unterschiede bei Armut

Deutschland ist geteilt: Der Paritätische Wohlfahrtsverband sieht eine wachsende Kluft zwischen wohlhabenden Regionen und solchen, in denen Armut ein großes Problem ist. Der Unterschied zwischen Ost und West spielt dabei immer weniger eine Rolle.

Donnerstag, 12.12.2019, 15:48 Uhr aktualisiert: 12.12.2019, 15:52 Uhr
Ein Obdachloser frühstückt in einer Wohnungsloseneinrichtung in Dortmund.
Ein Obdachloser frühstückt in einer Wohnungsloseneinrichtung in Dortmund. Foto: Ina Fassbender

Berlin (dpa) - Die Verteilung von Armut in Deutschland hat sich nach einer Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbands in den vergangenen Jahren deutlich verändert.

In seinem «Armutsbericht 2019» stellt der Verband eine wachsende Kluft zwischen Wohlstands- und Armutsregionen nicht mehr nur entlang der alten Ost-West-Linie fest, sondern im gesamten Land. Außerdem gebe es einen starken Anstieg von Armut in der Gruppe der Rentner. Oppositionspolitiker sprachen von einem «Armutszeugnis für die Bundesregierung ».

Dem Bericht zufolge ballt sich Armut im Osten und in Nordrhein-Westfalen und in mehreren Regionen entlang eines «Nordwestgürtels», der sich von Schleswig-Holstein über Niedersachsen und Hessen bis nach Rheinland-Pfalz zieht. Dem stünden die «wohlhabenden» Länder Bayern und Baden-Württemberg gegenüber, heißt es. Das Ruhrgebiet bleibe mit einer Armutsquote von 21,1 Prozent bei 5,8 Millionen Einwohnern «Problemregion Nummer 1».

Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat für seine Auswertung Daten zur sogenannten Armutsgefährdung des Statistischen Bundesamts regionalisiert, die auf Bevölkerungsbefragungen zum Einkommen basieren. Auf der Deutschlandkarte wird so sichtbar, wo Armutsschwerpunkte und weniger von Armut betroffene Regionen liegen. Bundesweit sei die Armutsgefährdungsquote 2018 zwar auf 15,5 Prozent zurückgegangen. Trotzdem «zeichnen sich besorgniserregende Entwicklungen und neue Problemregionen insbesondere in Westdeutschland ab», heißt es in dem Bericht.

Wenn von Armut in Deutschland die Rede ist, geht es weniger um Hunger oder direkte Not. Armut wird in der Bundesrepublik über das Haushaltseinkommen und die daraus folgenden Möglichkeiten an gesellschaftlicher Teilhabe definiert. Die Armutsgefährdungsquote gibt den Anteil der Bevölkerung an, der mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss. Bei einem Ein-Personen-Haushalt lag diese Grenze 2018 bei 1035 Euro im Monat. Eine Familie mit zwei Kindern gilt als armutsgefährdet, wenn sie weniger als 2174 Euro im Monat für Wohn- und Lebenshaltungskosten zur Verfügung hat.

Aber warum der umständliche Begriff «armutsgefährdet»? Warum sagt man nicht gleich «arm»? Weil es hierbei nur um Geld gehe, das den Betroffenen zur Verfügung stehe, hieß es am Donnerstag auf Nachfrage beim Statistischen Bundesamt. Armut bemesse sich aber nicht allein am Geld, sondern umfasse mehr. Außerdem seien die Daten immer nur Momentaufnahmen. Wenn beispielsweise ein Selbstständiger bei der stichprobenartigen Einkommensbefragung angebe, dass er in diesem Monat kaum Einnahmen gehabt habe, würde dieser sofort als «arm» eingestuft, obwohl er vielleicht aufs Jahr gerechnet gute Geschäfte gemacht habe.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband sieht das anders: Für ihn sind Menschen unter der 60-Prozent-Einkommensschwelle definitiv arm und nicht nur armutsgefährdet. «Alles in unserer Gesellschaft läuft nunmal über Geld. Ohne Geld geht nichts», sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider. Besonders kritisch sieht der Verband die Armutsentwicklung bei Rentnern. 2008 waren demnach noch 12 Prozent der Rentner arm oder armutsgefährdet - je nach Definition -, 2018 waren es 16 Prozent. Die Rentner seien die Gruppe mit der schlechtesten Entwicklung.

Der Sozialverband VdK nannte die Zahlen des Armutsberichts alarmierend. Er schloss sich der Forderung des Paritätischen nach einem höheren Mindestlohn und höheren Hartz-IV-Sätzen an. Linke-Fraktionschef Dietmar Bartsch sagte: «Die Zahlen des Paritätischen sind ein Armutszeugnis für die große Koalition». Trotz jahrelangen Aufschwungs und Rekordbeschäftigung könnten Armutsregionen nicht aufholen. Von einem «Armutszeugnis für die Bundesregierung» sprach auch die Fraktionschefin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt.

Linke und Grüne erneuerten ihre Forderung nach einer stärkeren Unterstützung für Kinder aus einkommensschwachen Haushalten. Beide Parteien - wie auch die SPD - sprechen sich für eine sogenannte Kindergrundsicherung aus, in der alle staatlichen Leistungen für Kinder unbürokratisch zusammengefasst werden.

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