Alljährliche Aktion
«Klimahysterie» ist «Unwort des Jahres» 2019

Die Klimadebatte rückte in diesem Jahr in den Fokus für das «Unwort des Jahres». Die Wahl der Jury wendet sich gegen die Kritiker der Klimaschutzbemühungen.

Dienstag, 14.01.2020, 10:24 Uhr aktualisiert: 14.01.2020, 10:36 Uhr
Das «Unwort des Jahres» wird seit 1991 gekürt.
Das «Unwort des Jahres» wird seit 1991 gekürt. Foto: Frank Rumpenhorst

Darmstadt (dpa) - Das «Unwort des Jahres» 2019 heißt «Klimahysterie». Mit dem Wort würden Klimaschutzbemühungen und die Klimaschutzbewegung diffamiert und wichtige Debatten zum Klimaschutz diskreditiert, sagte die Sprecherin der Jury der sprachkritischen Aktion, Nina Janich , zur Begründung.

«Er pathologisiert pauschal das zunehmende Engagement für den Klimaschutz als Art kollektiver Psychose.» Der Begriff sei gleich von mehreren Vertretern von Politik, Wirtschaft und Medien benutzt worden. Beispielsweise AfD-Politiker Alexander Gauland hatte im Juni vergangenen Jahres gesagt: «Die Klimahysterie der anderen Parteien wird die AfD nicht mitmachen.»

Insgesamt wurden dieses Mal 671 Einsendungen mit 397 Vorschlägen eingereicht. Rund 50 Vorschläge entsprachen den Kriterien, wie etwa «Bauernbashing», «Ökodikatur», «Umvolkung», «Bevölkerungsexplosion» oder «Ethikmauer». Die Zahl der Einsendungen ging in diesem Jahr damit aber erneut zurück. Im vergangenen Jahr waren es mehr als 900 gewesen. Früher gab es auch schon mal deutlich über 2000 Vorschläge.

Die Unwörter des Jahres

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  • Das „Unwort des Jahres“ 2019 heißt „Klimahysterie“.

    Foto: dpa
  • Sie sind ehrverletzend, diskriminierend, entsprechen nicht den Prinzipien der Menschenwürde und Demokratie: Seit 1991 kürt eine ehrenamtlich und institutionell unabhängige Jury die „Unwörter des Jahres”. Ein Überblick über die „Gewinner” der letzten Jahre.

    Foto: dpa
  • 2018 wurde „Anti-Abschiebe-Industrie“ zum „Unwort des Jahres“ gekürt. Der Chef der CSU-Abgeordneten im Bundestag, Alexander Dobrindt, hatte den Begriff geprägt.

    Foto: dpa
  • „Alternative Fakten” ist das Unwort des Jahres 2017. Kellyanne Conway, Beraterin von US-Präsident Trump, hatte mit dieser Formulierung die falsche Tatsachenbehauptung bezeichnet, zur Amtseinführung des US-Präsidenten seien so viele Feiernde auf der Straße gewesen wie nie zuvor bei entsprechender Gelegenheit.

    Foto: Evan Vucci
  • Im Jahr 2016 kürten Sprachwissenschaftler den Begriff „Volksverräter“ zum Unwort des Jahres, mit dem rechte Pöbler oft Politiker beschimpften. Als Sigmar Gabriel im August 2016 das niedersächsische Salzgitter besuchte, brüllten ihm rechte Demonstranten vor „Volksverräter“ entgegen. Gabriel zeigte ihnen daraufhin den Stinkefinger.

    Foto: Klaus-Dietmar Gabbert
  • „Gutmensch“ wurde 2015 zum Unwort des Jahres gewählt. Als „Gutmenschen“ wurden insbesondere diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagierten. Mit dem Vorwurf „Gutmensch“, „Gutbürger“ oder „Gutmenschentum“ werden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom diffamiert.

    Foto: Daniel Karmann
  • Das Wort „war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff und diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien“, begründete die Jury 2014 ihre Entscheidung, den Begriff „Lügenpresse” zum Unwort des Jahres zu machen. Das Schlagwort, das bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entstand, aber auch von den Nationalsozialisten im „Dritten Reich“ benutzt wurde, skandierten besonders oft Pegida- und Afd-Anhänger.

    Foto: dpa/Bernd Wüstneck
  • Mitten in der Debatte über Zuwanderung ist der Begriff „Sozialtourismus” zum „Unwort des Jahres 2013” gewählt worden. Der Ausdruck „diskriminiert Menschen, die aus purer Not in Deutschland eine bessere Zukunft suchen, und verschleiert ihr prinzipielles Recht hierzu”, erläuterte die Jury-Vorsitzende Nina Janich.

    Foto: dpa
  • 2012 wurde der Ausdruck „Opfer-Abo“ zum Unwort des Jahres gekürt. Jörg Kachelmann äußerte anderthalb Jahre nach seinem Freispruch im Kachelmann-Prozess die Ansicht, dass Frauen in der Gesellschaft ein „Opfer-Abo“ hätten. Die Wortschöpfung selbst stammt von seiner Frau. Die Jury kritisierte den Begriff dafür, dass er Frauen „pauschal und in inakzeptabler Weise“ unter den Verdacht stelle, sexuelle Gewalt zu erfinden und damit selbst Täter zu sein.

    Foto: dpa
  • 2011 ernannten Sprachwissenschaftler den Ausdruck „Döner-Morde“ zum Unwort des Jahres. Der Ausdruck stehe prototypisch dafür, dass die politische Dimension der NSU-Mordserie, wegen der Beate Zschäpe (M.) angeklagt ist, jahrelang verkannt oder willentlich ignoriert wurde. Durch die Reduktion auf ein Imbissgericht würden die Opfer der Morde in höchstem Maße diskriminiert und ganze Bevölkerungsschichten aufgrund ihrer Herkunft ausgegrenzt, so die Argumentation der Jury.

    Foto: Peter Kneffel
  • „Alternativlos” ist das Unwort des Jahres 2010. Die Begründung der Jury: „Das Wort suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe. Behauptungen dieser Art sind 2010 zu oft aufgestellt worden, sie drohen, die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung zu verstärken.”

    Foto: dpa
  • „Betriebsratsverseucht” ist das Unwort des Jahres 2009. Jury: „In der Sendung „Monitor“ (ARD 14.5.2009) berichtete ein Mitarbeiter einer Baumarktkette, dass dieses Wort von Abteilungsleitern verwendet wird, wenn ein Mitarbeiter von einer Filiale mit Betriebsrat in eine Filiale ohne Betriebsrat wechseln will. Dort könnte ihm vorgehalten werden, dass sein bisheriges Vertrauen in eine Arbeitnehmervertretung die Einstellung gefährde. Die Wahrnehmung von Arbeitnehmerinteressen „stört“ zwar viele Unternehmen, sie als „Seuche“ zu bezeichnen, ist indes ein zumindest sprachlicher Tiefpunkt im Umgang mit Lohnabhängigen.”

    Foto: colourbox.de
  • Ganz im Zeichen der Finanzkrise stand das Unwort des Jahres in 2008. Der Ausdruck „notleidende Banken“ stelle das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise auf den Kopf, so die Begründung zur Wahl. Während die Volkswirtschaften in ärgste Bedrängnis geraten seien und die Steuerzahler Milliardenkredite mittragen müssten, würden die Banken, durch deren Finanzpolitik die Krise verursacht worden sei, zu Opfern stilisiert.

    Foto: Fabian Sommer
  • Zum Unwort des Jahres 2007 ist „Herdprämie“ gewählt worden. Die Jury kritisiert, das Wort diffamiere Eltern, insbesondere Frauen, die ihre Kinder zu Hause erziehen, anstatt einen Krippenplatz in Anspruch zu nehmen. „Inzwischen gibt es ein ganzes Wortfeld, das die Diffamierungsabsicht ebenfalls deutlich werden lässt. Dazu gehören u.a. die Varianten 'Aufzuchtprämie', 'Gluckengehalt' und 'Schnapsgeld'.”

    Foto: dpa
  • Zum Unwort des Jahres 2006 ist der Begriff „freiwillige Ausreise gewählt worden. Die Jury: „Freiwillige Ausreise ist nach Meinung der Unwort-Jury eins der leider zahlreichen Unwörter im Zusammenhang mit der Behandlung von Asylbewerbern (z.B. die Unwörter von 1992 bzw. 2002 aufenthaltsbeendende Maßnahmen im Grundgesetz Art. 16a und Ausreisezentrum für Abschiebehaftanstalten oder die Behördenformulierung kindgerechte Abschiebung). Freiwillige Ausreise meint in Abgrenzung zum amtlichen Begriff Abschiebung, der Zwangsmaßnahmen beinhaltet, die Konsequenz aus der „intensiven Beratung“ abgelehnter Asylbewerber in den sog. Ausreisezentren, die Bundesrepublik doch lieber von selbst wieder zu verlassen. Die Freiwilligkeit einer solchen Ausreise darf in vielen Fällen bezweifelt werden.”

    Foto: dpa
  • Für 2005 entschied sich die Unwort-Jury für den betriebswirtschaftlichen Begriff Entlassungsproduktivität. Die Jury: „Dieses Wort meint eine gleichbleibende, wenn nicht gar gesteigerte Arbeits- und Produktionsleistung, nachdem zuvor zahlreiche für „überflüssig“ gehaltene Mitarbeiter entlassen wurden. Es verschleiert damit die meist übermäßige Mehrbelastung derjenigen, die ihren Arbeitsplatz noch behalten konnten, was oft auch mit dem ebenfalls beschönigenden Wort von der 'Arbeitsverdichtung' umschrieben wird. Aber auch die volkswirtschaftlich schädlichen Folgen der personellen Einsparung, die Finanzierung der Arbeitslosigkeit, werden mit diesem Terminus schamhaft verschwiegen.”

    Foto: colourbox.de
  • Für 2004 entschied sich die Unwort-Jury für den Begriff „Humankapital”. Jury: „Der Gebrauch dieses Wortes aus der Wirtschaftsfachsprache breitet sich zunehmend auch in nichtfachlichen Bereichen aus und fördert damit die primär ökonomische Bewertung aller denkbaren Lebensbezüge, wovon auch die aktuelle Politik immer mehr beeinflusst wird. Humankapital degradiert nicht nur Arbeitskräfte in Betrieben, sondern Menschen überhaupt zu nur noch ökonomisch interessanten Größen. Bereits 1998 hat die Jury Humankapital als Umschreibung für die Aufzucht von Kindern gerügt. Aktueller Anlass ist die Aufnahme des Begriffs in eine offizielle Erklärung der EU, die damit die 'Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie das Wissen, das in Personen verkörpert ist', definiert (August 2004).”

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Zum Unwort des Jahres 2003 ist der Begriff „Tätervolk” gewählt worden. Jury: „Anlass der Kritik war der Gebrauch dieses Wortes in der umstrittenen Rede des Bundestagsabgeordneten Hohmann. Dieser Begriff ist schon grundsätzlich verwerflich, da er jeweils ohne jede Ausnahme ein ganzes Volk für die Untaten kleinerer oder größerer Tätergruppen verantwortlich macht, also den Vorwurf einer Kollektivschuld erhebt. Die Verbindung dieses Begriffs mit „den“ Juden zumal ist ein aktueller Beleg für den immer noch wirkenden Antisemitismus. Bereits im religiösen, antijudaistischen Ursprung dieser Einstellung wurde das Volk der Juden kollektiv für den Tod Jesu Christi verantwortlich gemacht und sogar als 'Gottesmörder' gebrandmarkt.”

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  • Zum Unwort des Jahres 2002 ist der Terminus „Ich-AG” aus dem „Hartz-Papier“ gewählt worden. Jury: „Diese Wortbildung leidet bereits sachlich unter lächerlicher Unlogik, da ein Individuum keine Aktiengesellschaft sein kann. Selbst als ironisches Bild ist das Wort nicht hinzunehmen, da sich die aktuelle Arbeitslosigkeit mit solcher Art von Humor kaum noch verträgt. Ausschlaggebend für die Wahl war aber die Herabstufung von menschlichen Schicksalen auf ein sprachliches Börsenniveau. IchAG ist damit einer der zunehmenden Belege, schwierige soziale und sozialpolitische Sachverhalte mit sprachlicher Kosmetik schönzureden.”

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  • 2001 hieß das Unwort „Gotteskrieger“. Es diente als Selbst- und Fremdbezeichnung für Taliban und al-Qaida-Terroristen. In der Begründung der Jury hieß es damals: „Kein Glaube an einen Gott, gleich welcher Religion, kann einen Krieg oder gar Terroranschläge rechtfertigen.“

    Foto: dpa

Das Unwort wird seit 1991 gekürt. Im vergangenen Jahr war es «Anti-Abschiebe-Industrie» vom CSU-Landesgruppenchef im Bundestag, Alexander Dobrindt. 2017 fiel die Wahl auf «Alternative Fakten».

Die sprachkritische Aktion möchte mit ihrer alljährlichen Aktion auf unangemessenen Sprachgebrauch aufmerksam machen und so sensibilisieren. Dabei werden Wörter gerügt, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder die euphemistische, verschleiernde oder irreführende Formulierungen sind. Reine Schimpfwörter zählen nicht. Die Jury richtet sich nicht nach der Menge der Vorschläge für ein einzelnes Wort.

 

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