Aus aller Welt
Amerikas Hausbesitzer: "Bürgerwehr" gegen Zwangsversteigerung

Freitag, 20.02.2009, 21:02 Uhr

Washington /Baltimore - Die rund 300 Männer und Frauen vor dem Gerichtsgebäude der Hafenstadt Baltimore waren im Morgengrauen gekommen und trugen jede Menge Schilder. „Zwangsversteigerungsfreie Zone“ oder „Keine Häuser zu verkaufen“ lauteten die Aufschriften. Damit platzierten sich die Demonstranten auf den Stufen des Justizgebäudes - dort, wo traditionell jene Eigenheime im Ruck-Zuck-Verfahren unter den Hammer kommen, deren Besitzer mit den Ratenzahlungen hoffnungslos in Rückstand geraten sind. Investoren, die auf ein Schnäppchen gehofft hatten, zogen unverrichteter Dinge wieder ab. Denn auch dem Sheriff gelang es nicht, die Menge zu beruhigen und zum Abzug zu bewegen.

Ähnliche Szenen spielten sich in den letzten Tagen auch in Washington, im texanischen Houston, in Orlando (Florida) und in einigen kalifornischen Städten ab.

Zwar hatte US-Präsident Barack Obama am Mittwoch ein zunächst 50 Milliarden Dollar schweres Hilfsprogramm verkündet, mit dem man finanzschwachen Hausbesitzern unter die Arme greifen will. Doch die Details des Förderprogramms sind noch längst nicht klar. Und so stemmen sich immer mehr Eigentümer mit Wut im Bauch gegen die Welle an Versteigerungen, die das Land überrollt und bei der statistisch gesehen derzeit alle 13 Sekunden für eine Familie der Traum vom Eigenheim durch einen vom Gericht angeordneten Zwangsverkauf endet.

In den nächsten vier Jahren werde es in den USA wohl zwischen acht und neun Millionen Versteigerungen geben, prognostizierten kürzlich Analysten der „Credit Suisse“. Doch Amerikas Hausbesitzer wehren sich, unterstützt von der Bürgerrechts- und Nachbarschaftsgruppe „Acorn“, die am Donnerstag offiziell ihr Programm „Home Defenders“ („Haus-Verteidiger“) gestartet hat. Als Mittel der Wahl gilt dabei nicht nur lauter verbaler Protest, sondern ziviler Ungehorsam - bis hin zum Risiko, festgenommen zu werden.

Auch die 73-jährige Myrna Millington aus dem New Yorker Stadtteil Queens, die seit 40 Jahren ein schmuckes weißes Haus besitzt, aber durch größere Reparaturausgaben einen Kredit aufnehmen musste und diesen nun nicht mehr zurückzahlen kann, kündigte jetzt an: „Wenn ich mein Haus verliere, werde ich es nur in Handschellen verlassen.“ Sie hatte erst viel später erfahren, dass ihr ein Vermittler ein sogenanntes „Subprime“-Darlehen verschafft hatte, das mit einem für die Seniorin und Betreiberin einer Kindertagesstätte nicht tragbaren Zinssatz kam.

Seit September drängt nun die finanzierende Bank auf den Zwangsverkauf - doch käme es wirklich zu einem Räumungsbefehl, so braucht Myrna Millington nur zum Telefon zu greifen, um die „Home Defender“-Bürgerwehr in Marsch zu setzen. Eine Menschenkette soll dann verhindern, dass Polizeibeamte die Dame aus dem Haus führen.

Verzweiflungsaktionen gab es zuletzt quer durch das Land. In Ohio erschoss sich eine Mutter, die ihrer Familie monatelang verheimlicht hatte, dass sie die Raten für die Hypothek nicht mehr gezahlt hatte. In Los Angeles schrieb ein Mann in Großbuchstaben auf das Dach seines von der Räumung bedrohten Hauses: „Ich will gehört werden!“

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