Wohnabenteuer auf der Intensivstation
Hauswächter bewohnen eine Kinderklinik und schützen sie vor Vandalismus

Die Straße der Jugend führt direkt zur Intensivstation. Den Weg in das Wohn- und Schlafzimmer von Michael Günther weist ein außer Dienst gestelltes Straßenschild. Gemütlich hat er es sich gemacht zwischen Führungsschienen für medizinisches Gerät an der Decke und den Bohrlöchern, die die Einrichtung hinterlassen hat. Mehrfachsteckdosen? Braucht der 26-Jährige nicht. Licht und Strom kommen aus der Installation auf der Wand, unter der noch bis April Patientenbetten standen.

Montag, 10.09.2012, 07:09 Uhr

Michael Günther wohnt im Krankenhaus. Vorübergehend. So wie 49 weitere Hauswächter, die gegen eine vergleichsweise geringe Miete in die ehemalige Kinder- und Jugendklinik Lindenhof eingezogen sind. Ein spannendes Wohnkonzept, das sich für die Hauswächter anfühlt wie eine Mischung aus Kommune und Jugendherberge.

Das erste Herbstlaub liegt auf den Wegen. Abgesehen vom Blätterrauschen der Bäume ist es unglaublich still auf dem Gelände im Stadtteil Lichtenberg . Friedlich gar. Der Mann vom Sicherheitsdienst macht routiniert seine Runde. Wie alle zwei Stunden. Danach sitzt er wieder am Pförtnerhäuschen. Friedlich soll es auch bleiben. Und vor allem soll die Immobilie, die unter Denkmalschutz steht, intakt bleiben. „Bewacht durch Bewohnung“ – diesen Hinweis geben an vielen Ecken des Gebäudes Aufkleber und Plakate.

Hauswächter in Berlin

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  • Wohngemeinschaft auf der Intensivstation: Peter Köpke (l.) und Michael Günther lieben ihren ungewöhnlichen Wohnort.

    Foto: Michaela Töns
  • Im April 2012 haben Patienten und Personal die Kinder- und Jugendklinik Lindenhof in Berlin-Lichtenberg verlassen.

    Foto: Michaela Töns
  • Die Kinder- und Jugendklinik Lindenhof in Berlin-Lichtenberg wird von Hauswächtern bewohnt

    Foto: Michaela Töns
  • Die Hauswächter haben Platz satt.

    Foto: Michaela Töns
  • Im April 2012 haben Patienten und Personal die Kinder- und Jugendklinik Lindenhof in Berlin-Lichtenberg verlassen.

    Foto: Michaela Töns
  • Der Hauswächter Peter Köpke (l.) liebt seinen ungewöhnlichen Wohnort.

    Foto: Michaela Töns
  • Kleingärtnerei inklusive: Auf dem Gemeinschaftsbalkon an der Neugeborenenstation wächst Gemüse.

    Foto: Michaela Töns
  • Im April 2012 haben Patienten und Personal die Kinder- und Jugendklinik Lindenhof in Berlin-Lichtenberg verlassen.

    Foto: Michaela Töns
  • Kein Bedarf an Mehrfachsteckdosen: Die Installationen der ehemaligen Intensivstation dienen als Wohnzimmerregal.

    Foto: Michaela Töns
  • Skateboard zur Fortbewegung: Die Hauswächter haben Platz satt.

    Foto: Michaela Töns
  • Die Straße der Jugend: Dekoration auf dem Flur der ehemaligen Intensivstation.

    Foto: Michaela Töns
  • Kleingärtnerei inklusive: Auf dem Gemeinschaftsbalkon an der Neugeborenenstation wächst Gemüse.

    Foto: Michaela Töns
  • Warnung für Unbefugte: Die Hauswächter schützen den Gebäudekomplex vor Vandalismus.

    Foto: Michaela Töns

Ein Hinweis, der auch eine Warnung sein soll an mögliche Vandalen, Menschen, die auf dem Gelände nichts zu suchen haben. Denn wo sich etwas regt, werden sie eher gesehen oder halten sie eher Abstand. Und auf dem Krankenhaus-Gelände tut sich einiges. Mieter rauschen mit dem Rad über den Weg. Vom Spielplatz weht das monotone Geräusch eines auftickenden Tischtennisballs herüber.

Das Konzept

Eigentümer von schützenswerten Liegenschaften wie das Land Berlin im Fall des Kinderkrankenhauses Lindenhof beauftragen das Unternehmen Camelot, Mieter auf Zeit für ihre Immobilien zu suchen. Die Idee: Ist ein Haus bewohnt, läuft es nicht so sehr Gefahr, das Ziel von Vandalen zu werden. 175 Euro pro Monat für 50 bis 100 Quadratmeter zahlen die Mieter des Lindenhofs monatlich. Nebenkosten inklusive, denn die Hausversorgung ist nach wie vor intakt. Nur beim Internetzugang müssen sie individuelle Lösungen finden. Hinzu kommen 70 Euro Verwaltungskosten beim Einzug.

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Die Idee kommt aus den Niederlanden. Das holländische Unternehmen Camelot setzt sein spezielles Sicherheitskonzept an zwei Orten in Berlin um. Hauswächter bewohnen die ehemalige Französische Schule im Stadtzentrum und den Lindenhof. Niederländische Hauswächter leben auch in Schulen, leerstehenden Seniorenheimen und weiteren besonderen Gebäuden. Die Mieter selbst haben ein Auswahlverfahren durchlaufen. Der Zulauf von Interessenten – gerade in einer immer teurer werdenden Stadt wie Berlin – ist riesig.

Im Gegenzug müssten Hauswächter verantwortungsbewusst und flexibel sein, erläutert Camelot-Mitarbeiterin Kirsten Betzing , die für die Berliner Mieter mal Mädchen für alles, mal mütterliche Ermahnerin ist. Regeln halten das weitläufige Wohnen überschaubar und legen fest, dass die Bewohner nicht nur den Luxus einer niedrigen Miete, sondern auch Pflichten haben. Sie sind aufgefordert, ein Auge auf das Gebäude-Ensemble aus der Zeit der Jahrhundertwende zu werfen. „Praktische Denkmalpflege“ nennt Kirsten Betzing, dass Hauswächter den Schaden nach einem Sturm melden oder einen Rohrbruch registrieren. Keine Patrouille des Sicherheitsdienstes würde solche Schäden beachten, sie würden sich unbemerkt zu Problemen auswachsen, die solide Substanz gefährden.

Der Schutz des Gebäudes bedeutet für die Hauswächter aber auch: Besucher – besonders die, die über Nacht bleiben – müssen angemeldet werden. Rauchen und Kerzen sind tabu. Hauswächter Peter Köpke gibt zu, dass es ihn auch einmal reizen würde, eine Party zu geben. Doch das ist verboten. Unter anderem wegen des Brandschutzes.

Gut für Philipp Ziehe: Der junge Mann hat das Krankenhaus ganz bewusst gegen seine alte WG im quirligen Friedrichshain getauscht. Barfuß schlendert er über die Wege. „Ich genieße im Moment die mediale Abschottung“, sagt der Physikstudent. Kein Fernsehen, kein Internet, und der Postbote muss sich auch ein wenig anstrengen, ihn zu finden. „Unsere Hauswächter sind keine 08/15-Menschen“, skizziert Kirsten Betzing. Das Konzept und die Aussicht auf Ruhe und Raum zum Entfalten ziehe viele Studenten und Kreative an, die sich auf ein Wohnabenteuer und die Improvisation einlassen wollen. „Menschen, denen klar ist, dass es irgendwie eine Kommune ist.“

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