Das Ich und der Rest der Welt
"Selfies" - Über den Spaß am eigenen Bild

Münster -

Justin Bieber tut es andauernd. Papst Franziskus hat es einmal mit sich machen lassen. Laut einer Untersuchung des Elektronikkonzerns Samsung sind 30 Prozent der mit Handys geschossenen Bilder heutzutage „Selfies“.

Sonntag, 24.11.2013, 14:11 Uhr

Selfie vor einem Brunnen am Jardin du Luxembourgh in Paris. Die digitalen Selbstporträts, mitunter auch mit guten Freunden, kursieren seit wenigen Jahren zu Millionen im Internet.
Selfie vor einem Brunnen am Jardin du Luxembourgh in Paris. Die digitalen Selbstporträts, mitunter auch mit guten Freunden, kursieren seit wenigen Jahren zu Millionen im Internet. Foto: Günter Benning

Wer nicht weiß, was das ist, muss sich nicht schämen. Selfies sind Fotos, die man von sich selbst schießt. Meist, um sie danach in irgendeinem der interaktiven Chatportale des Internets hochzuladen, am häufigsten bei Facebook.

Wort des Jahres

Den Begriff gibt es seit etwa zehn Jahren, 2012 hat er allerdings im angelsächsischen Sprachraum eine derart steile Karriere hingelegt, dass ihn der Verlag des Oxford Dictionary jetzt zum Wort des Jahres kürte.

90 Millionen Mal sollen im Handyportal Instagram Fotos hochgeladen worden sein, die mit dem Stichwort „Selfie“ versehen sind. Auch bei uns wird es seit kurzem gebraucht, weil es keine passende deutsche Entsprechung gibt.

Selfies

Selfies sind Selbstpor­träts, die vorwiegen mit Smartphones auf Armlänge gemacht werden. Häufig werden sie in sozialen Netzwerken (Facebook, Instagram) gepostet. Durch die Einführung von Smartphones mit Frontkamera hat es einen regelrechten Selfie-Boom gegeben. Ein Lexikon-Verlag hat Selfie zum Wort des Jahres gekürt.

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Im Spiegel und mit "Duckface"

Selfies zeigen manchmal nur den Handy-Halter, meist die Handy-Halterin. Oft im Spiegel, im Bad oder Schlafzimmer, mit Dackelaugen oder umgestülpten Lippen, dem „Duckface“. Mitunter rückt der Torso ins Blickfeld, Bauch, Busen oder Bizeps werden präsentiert, da kann der Kopf ganz fehlen. Selfies zeigen Mut zum Schrägen und zur Hässlichkeit. Im Extremfall ist das gar ein Alternativ-Programm, wie es bei Wikipedia heißt. Eine ironische Antwort auf die „Über-Sexualisierung typischer Selfies“.

Die Geburt der Selfies

In der Geschichte der bildenden Kunst markiert vielleicht Diego Velázquez (1599-1660) die Geburt der Selfies. In einem berühmten Bild im Madrider Prado-Museum zeigt er die spanische Königsfamilie, und zwar keineswegs von der hübschen Seite. Vorn sieht man ein Stück Leinwand, hinten den Maler in einem Spiegel. Die Porträtierten richten ihre Blicke auf ihn. Velázquez scheint den Betrachter aus dem Bild heraus anzusehen und ihm zu sagen: Täusche dich nicht, dies sind nicht die Könige, sondern nur das, was ich aus ihnen mache.

"Ich und der Petersdom"

Im Selfie wird diese künstlerische Subjektivität als Alltagsfotografie auf die Spitze getrieben. Heerscharen von Touristen verwandeln ihre Reisebilder ins Selbstporträt mit Sehenswürdigkeit. „Ich und der Petersdom“, „Ich und das Matterhorn“. Oder wie der japanische Astronaut Akihiko Hoshide beim Außentermin: „Ich und das All“. Der Abstand zum Ich ist immer genau eine Armlänge, die Monumente rundherum werden zu Miniaturen.

Kein Wunder, dass Kulturkritiker den Narzissmus der Generation Selfie beklagen. Dem Göttersohn Narziss war ein langes Leben prophezeit worden, wenn er „sich nicht selbst erkennen“ würde. Der eitle Fant aber verliebt sich in sein eigenes Spiegelbild und verschmachtet.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit

Tatsächlich sind es überwiegend junge Frauen, die sich in Selfies selbstspiegeln. „Man stellt sich gern aus, steht im Zentrum der Aufmerksamkeit“, erklärt sich das der Berliner Medienpsychologe Jo Goebel. Dahinter muss nicht in erster Linie Selbstverliebtheit stecken, eher eine Art der Selbstkon­trolle, meint die Baseler Soziologin Ulla Autenrieth: „Je jünger, desto häufiger werden Bilder gepostet.“ Die Youngster wollen nur wissen, ob sie akzeptabel aussehen. „Ich knipse, also bin ich“, titelte dazu die FAZ.

Popularität durch Smartphone

Selfies bei Instagram kann man „liken“, also positiv bewerten. Manche legen es darauf an. Wie Natalie Norris: „Ich will an einem Wettbewerb teilnehmen und brauche etwas Hilfe.“

Die neue Foto-Gattung hat ihre Popularität durch die Smartphones erhalten. Bei fast allen modernen Geräten kann man Fotos von sich und seinen Freunden mit der Frontkamera machen, während wie in einem Spiegel das Bild kontrolliert wird.

War früher der Fotografierte dem Fotografen, dessen Können und Willkür ausgeliefert, so hat er jetzt selbst in der Hand, wie er gesehen werden will. „Das“, sagt ein bekennender Selfie-Fan, „macht einfach Spaß.“

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