Brauchtum
Eine Türmerin wacht über Münster

Münster (dpa) - Spätestens seit einem Münster-«Tatort» vor zehn Jahren kennen bundesweit viele die Lamberti-Kirche in Münster.

Montag, 13.01.2014, 12:01 Uhr

Die Leiche einer Studentin hing in dem Krimi « Mörderspiele » am Turm in den berühmt-berüchtigten Widertäufer-Käfigen. Seit Anfang Januar arbeitet nun erstmals eine Frau, Martje Salje , als Türmer (beziehungsweise Türmerin) der Stadt Münster in direkter Nachbarschaft zu den Käfigen.

Hinter ihr fällt die Tür ins schwere Schloss: Martje Salje macht sich auf den Weg in eine andere Welt. Vor der Tür liegt der Prinzipalmarkt , Münsters noble Einkaufsstraße. Dahinter ist es hinter dicken Kirchenmauern ganz still und es geht hoch auf 75 Meter. Beschwerliche 298 Stufen.

Das Ziel von Salje ist die Türmer-Stube. Den Weg vorbei an den Käfigen schafft sie in fünf Minuten, ihr Vorgänger brauchte drei. Es ist eng, Wendeltreppen führen mal links, mal rechts herum nach oben. Mal ist die Schulter im Weg, mal der Kopf, ein Drehwurm oben ist garantiert. Münsters neue Türmerin aber ist eher klein und zierlich. Sie schlüpft geschmeidig nach oben, trotzdem ist der Weg dorthin für Salje noch keine Routine.

Am Ziel strahlt die 33-Jährige und verschnauft erstmal. In der rund 15 Quadratmeter großen Stube stehen Stühle, mehrere Tische, ein Sofa und ein Wecker. Daneben liegt ein Foto ihres gestorbenen Vaters. «Er wäre verdammt stolz auf mich», sagt die studierte Historikerin und Musikerin.

Der Wecker bestimmt das Leben eines Türmers. Vor Salje hatte 20 Jahre lang Wolfram Schulze den Job. Er ist jetzt im Ruhestand. Wie Schulze bläst Salje zwischen 21.00 und 24.00 Uhr alle 30 Minuten in ein langes, geschwungenes Horn. Zur vollen Stunde pustet sie um 21.00 Uhr neunmal, um Mitternacht zwölfmal. Zur halben Stunde ertönt jeweils zweimal der Hornton. «Das Instrument ist auf ein tiefes C gestimmt. Mir darf das Mundstück nicht verrutschen, sonst klingt der Ton ganz anders. Aber nur mit dem tiefen C kann ich mich gegen die vielen Glocken in Münster durchsetzen.»

Mit dem Horn geht Salje auf die enge Balustrade, die hoch oben den Kirchturm umschließt. In drei Richtungen bläst sie das Horn - zum Prinzipalmarkt im Süden, zum Dom im Westen und zum sogenannten Drubbel im Norden. Der Osten bleibt unbeschallt. «Vielleicht hat ein reicher Bürger mal viel Geld dafür gezahlt, dass es in seine Richtung ruhigbleibt?», vermutet die Türmerin. Sie passt auch auf, ob es irgendwo in der Stadt brennt. Sie ist der Feuerwehr unterstellt. Bei Dienstbeginn meldet sie sich telefonisch in der Leitstelle.

Zwischendurch hat sie Zeit. Ihr Vorgänger hat hier oben viel gelesen. Auf einem kleinen Sofa hat er die Weltliteratur nach Türmer-Geschichten durchforstet. Diese Tradition will Salje aufgreifen. «Obwohl wir auf den ersten Blick sehr unterschiedlich sind, vom Typ her scheinen wir uns sehr zu ähneln. Sonst wäre es doch nicht zu erklären, warum ich es hier oben trotz der Einsamkeit so toll finde.» Vorgänger Schulze hatte vor ihrem Dienstbegewinn noch gewarnt: «Mit der Euphorie wird das schnell enden.»

In Münster ist Salje bereits nach wenigen Tagen bekannt. Fremde Menschen sprechen sie auf der Straße an. «Die wünschen sich dann von mir, dass ich mal in ihre Richtung blase, damit sie den Ton besonders gut hören können», erzählt die geborene Bremerin. Jetzt hofft sie, dass sie vielleicht noch Engagements als Musikerin oder Historikerin dazu bekommt. Der Teilzeit-Job der Türmerin ist nicht besonders gut bezahlt. Trotzdem hatten sich fünf Frauen und 40 Männer beworben.

Das Amt des Türmers geht auf das Jahr 1379 zurück und ist eine Touristen-Attraktion. Dabei war es ursprünglich eine Art Arbeitsnachweis. Der Türmer blies ins Horn, um den Menschen am Boden zu beweisen, dass er nicht eingeschlafen war. Am 14. Januar wird die neue Türmerin in der Rüstkammer des Rathauses ganz offiziell durch den Oberbürgermeister in ihr Amt eingeführt. «Dabei ist dann auch der Zunftmeister der Europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft aus Dänemark», erzählt Münsters Stadtsprecher Joachim Schieck.

Salje spielt mehrere Instrumente, darunter Klavier, Gitarre und Flöte. Ein Blechblasinstrument war bisher nicht dabei. Am ersten Tag auf dem Turm hatte sie leichte Probleme: «Bei meinem ersten Versuch um 21.00 Uhr habe ich keinen vernünftigen Ton rausbekommen. Das hörte sich eher nach Jazz an. Erst beim vierten Tuten war alles gut.»

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