Krisengebiet Naher Osten
Kein Durchkommen zwischen Nazareth und Bethlehem

Vielleicht würden sie es sogar schaffen bis nach Bethlehem. Wo sich ihnen aber eine unüberwindliche Mauer und schwer bewaffnete Soldaten in den Weg stellen. Wahrscheinlich aber würden sie erst gar nicht aufbrechen aus Nazareth. Schließlich ist Maria hochschwanger. Kein Arzt wird ihr erlauben, bis nach Bethlehem zu laufen oder die gut 150 Kilometer auf dem knochigen Rücken eines Esels zurückzulegen. 

Dienstag, 26.12.2017, 17:09 Uhr

Die Reise von „Maria und Josef“nach Bethlehem endet an einem Checkpoint. Israelische Soldaten hindern das Paar an der Weiterreise. WCC/Britta Samuelsson
Die Reise von „Maria und Josef“nach Bethlehem endet an einem Checkpoint. Israelische Soldaten hindern das Paar an der Weiterreise. WCC/Britta Samuelsson

150 Kilometer querfeldein von Münster bis nach Hannover oder runter bis nach Köln. Aber in Galiläa und Judäa gibt es noch die Berge. Fünf, sechs oder sieben Tage bergauf und bergab, unter der sengenden Sonne, im Regen, und wo schlafen in den kalten Nächten der Wüste? Maria geht gar nicht zum Arzt oder schlägt seine Warnung in den Wind und macht sich mit Josef und dem Esel auf den gefährlichen Weg – jetzt, im Dezember 2017: Wie würde es Jesu Eltern ergehen? Ein Gedankenspiel im heutigen Israel.

Römische Volkszählung

Maria und Josef waren Juden, die in der Zeit der römischen Besetzung lebten. Sie mussten nach Bethlehem, Josefs Geburtsstadt, weil Kaiser Augustus eine Volkszählung angeordnet hatte; er wollte wissen, wie viel Geld seine Beamten in die eigenen Taschen stecken.

Augustus wollte herausbekommen, wie viele Steuern in den Provinzen tatsächlich zusammenkamen; deswegen die Volkszählung und die Steuerlisten. Zu biblischen Zeiten ging das nur die Männer an, und Josef musste, obwohl er inzwischen in Nazareth wohnte, mit seiner Frau zurück in seine Geburtsstadt Bethlehem.

Eingeschränkte Freiheit

Die Palästinenser heute leben unter israelischer Besetzung, und ihre Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt, manchmal auch völlig verboten. Ein dazu passendes Experiment beschreibt der Ökumenische Rat der Kirchen auf seiner Internetseite: den vor ein paar Jahren gestarteten Versuch eines als Maria und Josef verkleideten Pärchens, den israelischen Militär-Kontrollpunkt auf der Straße von Sawahreh nach Bethlehem zu passieren.

So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt.

Lukas 2,4

Die Soldaten, die am Checkpoint Wache hielten, wiesen die beiden aber energisch ab. Wären diese „heutigen“ Maria und Josef echt gewesen, hätte Maria als Nazarenerin einen blauen israelischen Pass und Josef als Westbanker einen grünen palästinensischen Pass: Für Maria wäre Bethlehem eine verbotene Stadt, und Josef bewegte sich illegal auf israelischem Gebiet.

Nazareth im Norden Israels

Tatsächlich ist alles noch viel komplizierter, aber zunächst zurück ins heutige Nazareth. Wer es nicht gerade vor Augen oder keinen Atlas zur Hand hat: Nazareth liegt in Israels Norden, ein paar Kilometer südwestlich vom See Genezareth auf israelischem Gebiet.

Bis südlich nach Bethlehem sind es auf der wahrscheinlichsten Route, die Maria und Josef gewählt haben, 156,3 Kilometer. Dazwischen liegen geografisch die Wüsten Judäa und Samaria und politisch das Westjordanland, die seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 israelisch besetzte Westbank.

Viele Hindernisse auf dem Weg

Allen Widrigkeiten zum Trotz brechen Maria und Josef auf und stehen schon am Nachmittag vor ihrer ersten Hürde, dem Checkpoint Al Jalamah am Eingang des Westjordanlandes. Für jüdische Israelis ist das verbotenes Land, es sei denn, sie sind Siedler und leben dort. Angenommen, Maria und Josef schaffen es irgendwie, da halten sie schon die nächsten Kontrollstellen, Militärposten und Sperranlagen in Jenin, Nablus, Yitzhar, Huwarah und Qalandiya auf.

Vielleicht werden sie nur nachlässig kontrolliert, vielleicht können sie die Posten umgehen. Dann führt ihr Weg vorbei an palästinensischen Flüchtlingslagern, völkerrechtlich umstrittenen israelischen Siedlungen, entlang von Erdwällen, der monströsen Mauer, endlich durch Ost-Jerusalem und schließlich doch nach Bethlehem.

Koloss aus Beton

Wie eine Narbe in der Landschaft umzingelt sie seit 2005 Jesu Geburtsstadt, die acht Meter hohe Mauer, ein bedrückender Koloss aus Beton. Und sie verläuft nicht an der Grünen Linie, der vereinbarten Grenze zwischen Israel und der Westbank, sondern schneidet sich tief durch palästinensisches Gebiet und kesselt Häuser ein, deren Bewohnern verboten ist, Rollläden hochzuziehen oder aufs Dach zu steigen.

Ausgerechnet hier, wo Gott die Erde berührte, versperrt dieser bedrohliche Stolperstein den Weg zum Frieden. Und bereitet nun der Reise der „heutigen“ Maria und Josef ein abruptes Ende und zwingt Maria, wie schon vielen ebenfalls abgewiesenen Frauen vor ihr, das Kind an der Mauer zu Bethlehem zu gebären. Kein Stall, keine Krippe, keine Hirten – was soll jetzt werden aus der Heiligen Nacht?

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