Zeitumstellung
Letzte Umstellung schon 2019? Forscher warnen vor ewiger „Sommerzeit“

Mit der Zeitumstellung könnte schon bald Schluss sein. Die EU-Kommission drückt aufs Tempo. Auch Wissenschaftler halten das Hin und Her für Unsinn. Doch sie warnen zugleich: Gelte die sogenannte Sommerzeit künftig dauerhaft, könne das schlimme Auswirkungen haben.

Mittwoch, 12.09.2018, 12:45 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 12.09.2018, 12:40 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 12.09.2018, 12:45 Uhr
Die Zeitumstellung abschaffen - das wollen auch viele Wissenschaftler. Sie halten das Hin und Her für Unsinn.
Die Zeitumstellung abschaffen - das wollen auch viele Wissenschaftler. Sie halten das Hin und Her für Unsinn. Foto: Karl-Josef Hildenbrand

EU-Bürger sollen nach dem Willen der EU-Kommission schon im kommenden Jahr das letzte Mal die Zeit umstellen müssen. „Die Zeitumstellung gehört abgeschafft, sagte EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker am Mittwoch in Straßburg. Seine Behörde legte am Mittwoch einen Gesetzesvorschlag vor, nach dem im März 2019 zum letzten Mal verpflichtend alle EU-Staaten an der Uhr drehen müssten. „Die Zeit drängt“, sagte Juncker in seiner Rede zur Lage der Union im Straßburger EU-Parlament.

Voraussetzung für diesen Zeitplan ist, dass das Europaparlament und die EU-Staaten dem Vorschlag der EU-Kommission bis spätestens März 2019 zustimmen. Die Länder könnten dann selbst entscheiden, ob sie dauerhaft in der Sommer- oder in der Winterzeit bleiben wollen.

Juncker rief am Mittwoch dazu auf, diese Entscheidung so zu treffen, dass für den europäischen Binnenmarkt keine Probleme entstehen. Die EU-Kommission werde deshalb Gespräche zwischen den einzelnen Ländern fördern. „Es ist wünschenswert, dass die Mitgliedstaaten in abgestimmter Weise die Entscheidungen über die Standardzeit treffen, die jeder von ihnen ab 2019 anwenden wird“, teilte die Behörde mit.

Online-Umfrage zur Zeitumstellung

In einer nicht repräsentativen Online-Umfrage der EU-Kommission hatten sich 84 Prozent der 4,6 Millionen Teilnehmer gegen die Zeitumstellung ausgesprochen. Mitgemacht haben damit weniger als ein Prozent der EU-Bürger. Allein drei Millionen Antworten kamen aus Deutschland. Die meisten waren für eine dauerhafte Sommerzeit.

Pannen bei der Zeitumstellung

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  • Ihr Nutzen ist seit langem umstritten, zudem ist der Wechsel von Sommer- und Winterzeit immer gut für Verwirrung. Drei Beispiele:

    Foto: Karl-Josef Hildenbrand
  • HORST SEEHOFER: Der bayerische Ministerpräsident verschläft im April 2014 eine Telefonkonferenz mit der Bundeskanzlerin, weil er vergessen hat, seinen Wecker auf Sommerzeit vorzustellen. Die Telefonschalte beginnt so erst mit einigen Minuten Verzögerung.

    Foto: Jens Hartmann
  • FINANZAMT: Im niedersächsischen Bad Gandersheim stehen im November 2010 knapp zwei Dutzend Mitarbeiter des Finanzamts morgens vor verschlossenen Türen. Der verantwortliche Computer war mit der Umstellung auf die Winterzeit offenbar überfordert. Die Türen öffnen sich erst, als ein Kollege mit Schlüssel eintrifft.

    Foto: Ralf Hirschberger
  • WECKDIENST: Ausgerechnet die Telekom verschläft im März 2001 zum Teil die Umstellung auf die Sommerzeit. „Etliche Menschen sind zu der alten Zeit geweckt worden“, sagt eine Mitarbeiterin des Erinnerungsdienstes. Grund für die Verspätung: Computerprobleme.

    Foto: Oliver Berg

Forscher warnen vor der dauerhaften Einführung der Sommerzeit

Im Sommer eine Stunde vor, im Winter eine Stunde zurück - viele Menschen leiden unter der Zeitumstellung. Die EU-Kommission will nun vorschlagen, sie abzuschaffen.

Wissenschaftler begrüßen das grundsätzlich. Aus ihrer Sicht widerspricht der künstliche Wechsel der Biologie. Viele Forscher warnen allerdings vor der dauerhaften Einführung der Sommerzeit - sie könne fatale Folgen haben.

Warnung vor dem «Cloxit»

Die drastischsten Worte dazu findet Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Universität München. Stelle man die Uhren ganzjährig auf Sommerzeit um, werde es «riesige Probleme geben», warnt er vor dem «Cloxit». «Man erhöht die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme - das heißt, wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger.»

Der Chronobiologe prognostiziert zudem: «Jedes Land, das das nicht macht, wird uns akademisch überholen.» Denn vor allem Schüler und Studenten seien betroffen, weil Lernen und das Gelernte zu verarbeiten, bei zu wenig Schlaf stark eingeschränkt werde. Im Alter von etwa 20 Jahren schlafe man besonders spät ein und stehe morgens entsprechend spät auf. Russland habe schon einmal versucht, dauerhaft die Sommerzeit einzuführen - und sei damit gescheitert, sagt Roenneberg.

Beispielrechnung

Wenn künftig in Deutschland die ewige Sommerzeit gelten sollte, ginge beispielsweise am 1. Januar 2019 die Sonne in Frankfurt/Main morgens erst um 9.24 Uhr auf, aber auch erst gegen 17.30 Uhr unter. Wenn eine dauerhafte Winterzeit eingeführt werden würde, hätte das umgekehrt Folgen für die langen Sommerabende: Am 1. Juli 2019 würde die Sonne in Frankfurt statt um 21.37 Uhr nun schon um 20.37 Uhr untergehen. Dafür würde sie bereits um 4.20 Uhr aufgehen.

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Kritik an Online-Umfrage

Bei dauerhafter Sommerzeit müsse man an deutlich mehr Tagen im Dunklen aufstehen, sagt Roenneberg: «Je nach Wohnort haben sie sechs Wochen mehr dunkle Schulwege morgens.» Er kritisiert, dass die Online-Befragung weitgehend ohne Aufklärung geschehen sei. «Wenn EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker gesagt hätte, dass wir künftig alle ganzjährig eine Stunde früher arbeiten müssen, wären die Leute auf der Straße gewesen. Es ist aber nichts anderes.» Auch Ingo Fietze von der Berliner Charité sagt: «Da denkt im Moment keiner dran, weil es Sommer ist und so hell draußen. Wenn die Umfrage im Winter gewesen wäre, hätten wahrscheinlich viele für die Winterzeit plädiert.»

Forscher sprechen sich für eine dauerhafte «Normalzeit» aus

Die Forscher und die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) sprechen sich für eine dauerhafte «Normalzeit» aus. «Die bisherige Winterzeit entspricht den Verhältnissen, die unter Berücksichtigung der natürlichen Lichteinflüsse für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus am günstigsten ist», sagt der DGSM-Vorsitzende Alfred Wiater. «Wenn wir im Winter am Morgen länger der Dunkelheit ausgesetzt sind, werden wir schlechter wach», sagt Wiater. Das könne Konzentration und Aufmerksamkeit beeinträchtigen und zu mehr Fehlern in der Schule und im Job führen sowie Unfälle begünstigen.

Der «soziale Jetlag»

Licht und Dunkelheit bestimmen unsere innere Uhr - wann wir wach und wann wir müde werden. Das Problem ist: Die wenigsten Deutschen können sich nach diesem natürlichen Rhythmus richten. Ihr Tagesablauf wird von der sogenannten sozialen Zeit bestimmt. Der Großteil braucht daher morgens einen Wecker, um pünktlich bei der Arbeit oder in der Schule zu sein. Roenneberg nennt das «sozialen Jetlag».

Tipps für eine leichtere Umgewöhnung nach der Zeitumstellung

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  • Verschieben Sie die Zeit sanft und schrittweise. Wer sich ein bis zwei Tage vorher schon auf die Zeitumstellung einstellt und früher ins Bett geht, der rutscht sanfter in die neue Zeit hinein.

    Foto: dpa
  • Bewegung macht müde. Kinder sollten am Tag viel toben und spielen, damit sie Abends gut einschlafen.

    Foto: dpa
  • Gegen einen Morgen voller Stress hilft: Vorbereitung. Wer am Vorabend die Brote belegt und die Schultaschen packt, muss es morgens nicht mehr machen und hat mehr Zeit, entspannt aufzustehen.

    Foto: dpa
  • Damit man abends gut ins Bett kommt, sollte man über den Tag nicht all zu viel Schlafen. Also heißt es: Kinder rechtzeitig aus dem Mittagsschlaf wecken, auch wenn es schwer ist.

    Foto: dpa
  • Um am Morgen möglichst schnell wach zu werden hilft Licht. Wenn die Sonne noch nicht scheint, tun es auch Lampen. Am besten sind Tageslichtlampen. Musik kann den nötigen Schwung in den Morgen bringen.

    Foto: Monika Dreike
  • Um der Rushhour morgens etwas Stress zu nehmen, empfiehlt es sich mit dem Arbeitgeber eine flexible Anfangszeit auszumachen oder im Homeoffice zu arbeiten.

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  • Geregelte Mahlzeiten, die an die Umstellung angepasst sind, helfen, sich besser an die neue Zeit zu gewöhnen. Außerdem hilft ein frisches Frühstück. Früchte und Vitamine helfen bei der Aktivierung des Körpers. Fettiges Essen hingegen ist gerade vor dem Einschlafen schlecht. Es ist schwer zu verdauen und hält wach.

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  • Grelles Licht sollte vor dem Einschlafen vermieden werden. Gerade Bildschirme von Laptops oder Smartphones halten Sie wach.

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  • Eine Wechseldusche kann Wunder bewirken. Morgens abwechselnd kalt und warm zu duschen regt den Kreislauf an und vereinfacht den Start in den Tag.

    Foto: dpa
  • Sport am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen - und Müdigkeit. Es lässt Sie wacher werden und kurbelt den Kreislauf an. Morgengymnastik oder Yoga sind tolle Bewegungsmöglichkeiten für die frühen Stunden des Tages.

    Foto: dpa

Die übermüdete Gesellschaft

Wenn es durch die Sommerzeit abends länger hell ist, setzt die Produktion des Schlafbotenstoffs Melatonin erst später ein. Man wird nicht rechtzeitig müde, muss aber morgens trotzdem früh aus dem Bett. «Mit der Zeit droht ein Schlafmangel - wir werden noch mehr zu einer chronisch unausgeschlafenen, übermüdeten Gesellschaft», sagte Schlafforscher Hans-Günter Weeß kürzlich dem «Stern».

Auch die Umstellung der Uhren wie bisher bringt für viele Menschen Probleme mit sich - wie lange diese anhalten, ist individuell unterschiedlich. «Ein Drittel der Deutschen sind begnadete Schläfer. Die interessiert das alles gar nicht. Ein Drittel sind schlechte und ein Drittel sensible Schläfer», sagt Fietze. Und diese litten unter dem Hin und Her wie unter einem Jetlag. «Normalerweise braucht man für eine Stunde Zeitverschiebung einen Tag zur Gewöhnung - es darf auch bei manchen zwei oder drei Tage dauern.»

Wieso die Uhrenumstellung Unsinn ist

Die Symptome wie etwa Schlafstörungen, Unwohlsein am Tag oder leichte Magen-Darm-Probleme seien jedoch «verkraftbar», so Fietze. Große medizinische Probleme seien ihm nicht bekannt. Dennoch sei die Uhrenumstellung Unsinn: «Unser ganzer Biorhythmus ist dem Hell-Dunkel-Wechsel angepasst. Künstlich daran zu manipulieren, macht keinen Sinn und das versteht der Körper auch nicht.»

Auch DGSM-Chef Wiater sagt: «Besonders die ersten drei Tage nach der Zeitumstellung sind stressig für unseren Organismus.» Das zeige sich an einem erhöhten Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. In der Regel finde man nach einer Woche seinen neuen Rhythmus. «Bei manchen Menschen kann es aber auch mehrere Wochen dauern - insbesondere wenn auch aus anderen Gründen der Schlaf-Wach-Rhythmus gestört ist.»

Schlechte Stimmung durch zu wenig Schlaf

Er geht davon aus, dass etwa ein Viertel der Bevölkerung Probleme mit der Zeitumstellung hat. Im Frühjahr sei sie für die meisten Menschen schlimmer als im Herbst. Denn sie verursache ein Schlafdefizit - uns wird eine Stunde genommen. Grundsätzlich spielten aber viele psychische Faktoren bei Ein- und Durchschlafstörungen eine Rolle. Habe man Schlafprobleme, verschlechtere sich auch die Stimmung. Stress und Schlaf hingen eng zusammen, sagt auch Roenneberg: «Wenn Sie viel Stress haben, brauchen sie guten Schlaf, um diesen zu bewältigen. Wenn sie den nicht kriegen, wird der Stress noch größer.»

Einer Studie der Universität Erlangen-Nürnberg zufolge senkt die Uhrenumstellung auf die Sommerzeit vorübergehend sogar die Lebenszufriedenheit. Der Grund: Zusätzlich zum körperlichen Jetlag fühlten sich die Menschen in ihrer Souveränität im Umgang mit der Zeit beschnitten. In der zweiten Woche nach der Umstellung erreicht die Zufriedenheit demnach wieder ihr ursprüngliches Niveau. Die Zurückstellung im Herbst hat demnach dagegen keine messbaren Auswirkungen.

Alternative: Flexiblere Arbeitszeiten

Helfen würden flexiblere Arbeitszeiten. Feste Zeiten zwischen 9.00 und 17.00 Uhr seien heutzutage nur noch in den wenigsten Branchen nötig, sagt Roenneberg. Eine Änderung hier sei «viel wichtiger als dieser Schnellschuss, ganzjährig die Sommerzeit einzuführen».

Die nächste Zeitumstellung steht schon in Kürze an

Wie auch immer: Die nächste Umstellung findet auf jeden Fall noch statt. In der Nacht auf den 28. Oktober werden die Uhren wieder eine Stunde zurückgedreht.

 

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